Als die Franzosen Amerika entdeckten, ein Buch zur Eroberung der Neuen Welt

Es waren vor allem die Franzosen, die zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert Nordamerika für die Europäer erschlossen. Udo Sautter beschreibt in seinem Buch, wie die französischen Abenteurer und Missionare das Land erforschten und warum sie es letztendlich an die Engländer verloren.

FranzAmVor allem im deutschen Sprachraum ist der französische Teil der Geschichte der europäischen Entdeckungen auf dem nordamerikanischen Kontinent nur wenig bekannt. Mit dem bretonischen Kapitän Jaques Cartier begann die französische Landnahme in Nordamerika. Der erklärte 1534 durch Errichtung eines zehn Meter hohen Holzkreuzes an der Spitze der Gaspé-Halbinsel im St. Lorenz-Golf das den Europäern noch völlig unbekannte Land zum Besitz der französischen Krone.

Als die Franzosen noch für die Indianer arbeiteten

Viel hatte das Land zunächst nicht zu bieten, der erhoffte Gold- und Diamantensegen blieb ebenso aus, wie die Entdeckung der Nordwestpassage zu den lukrativen Märkten Südostasiens. Es war aber neben dem gewinnbringenden Pelzgeschäft die Suche nach eben dieser Verbindung zwischen Atlantik und Pazifik, die die französischen Entdecker über die Fluss- und Seensysteme immer weiter in das Land vordringen ließ. Ohne die Unterstützung der Indianer lief diesbezüglich aber gar nichts. Und so ist die Geschichte der französischen Landnahme in Nordamerika gleichzeitig eine Geschichte der mächtigen Indianernationen, zu denen die Franzosen gezwungen waren, ein gutes Verhältnis aufzubauen. Kaum jemals wieder dürften sich Europäer dermaßen mit den Sitten, Gebräuchen und Denkweisen der Völker der von ihnen „in Besitz genommenen“ neuen Welten auseinandergesetzt haben, wie es die Franzosen zwangsläufig im 16. und 17. Jahrhundert im heutigen Kanada taten. Kaum jemals wieder dürften sich europäische Herrschaften den Regeln indigener Völker so angepasst und unterworfen haben, wie die Franzosen in jener Zeit.

Die französischen Entdeckungen vom St. Lorenz-Strom bis nach Mexiko

Sautter berichtet über die Expeditionen uns historisch eher anglophil geprägten Leser zum Teil recht unbekannter Männer, über die Verwicklungen der Franzosen in die Kriege der indianischen Nationen oder über die von der indianischen Kultur assimilierten Coureur de bois, die überwiegend französischstämmigen Waldläufer. Nach den Pionieren kamen die Missionare, auch sie Teil der zahlenmäßig außerordentlich kleinen europäischen Gemeinschaft, die sich immerwieder drohte in den Weiten des Landes zu verlieren oder einfach unterzugehen. Als die Franzosen schließlich begannen, vor allem in Zusammenhang mit dem nordamerikanischen Siebenjährigen Krieg zwischen Franzosen und Briten ihr personelles und militärisches Engagement in der Neuen Welt zu verstärken, da war es nicht nur zu spät, der französischen Krone fehlten auch die Mittel. Die französischen Territorien vom St. Lorenz-Strom zu den großen Seen, von diesen bis hinunter zur Mississippimündung mussten letztendlich den Engländern überlassen werden.

Udo Sautter hat eine akribische Bestandsaufnahme geleistet

Das Thema ist außerordentlich spannend und das Buch vermittelt dem Leser viele Informationen, die ihm die amerikanische Geschichte bis hin zum Hintergrund von Namen wie New Orleans oder Louisiana begreiflich machen. Sautter hat die Thematik sehr systematisch und damit inhaltlich gut nachvollziehbar aufgearbeitet. Allein deshalb ist „Als die Franzosen Amerika entdeckten“ unbedingt zu empfehlen, denn es schließt zumindest für den deutschsprachigen Raum eine Lücke.

Dass ein Buch, das sich mit einem uns weniger vertrauten Thema befasst, gänzlich auf Fuß- oder Endnoten verzichtet, ist allerdings schon ein spürbarer Mangel. Und angesichts der oft recht akribischen Reisebeschreibungen mit Ortsbezeichnungen, die dem Leser in der Regel kaum etwas sagen, wäre eine herausnehmbare Karte sicherlich hilfreich gewesen. Nicht jeder hat bei der Lektüre des Buches einen passenden Geschichtsatlas zur Hand oder findet Gefallen daran, immer wieder zu den zwei Karten innerhalb des Buches zurückzublättern, um sich einen Eindruck darüber zu verschaffen, wo in den Weiten des Kontinents sich seine Protagonisten gerade herumtreiben. Über die Gewichtung der einzelnen Explorationen und Persönlichkeiten lässt sich sicher trefflich streiten. Dass ausgerechnet die Expeditionen La Salles von Sautter vor allem bei der Darstellung seines Siedlungsversuches an der Mississippimündung unangemessen rudimentär behandelt werden, ist nur schwer nachzuvollziehen.

„Als die Franzosen Amerika entdeckten“ ist ein empfehlenswertes Buch mit Mängeln

Welcher Literatur sich Udo Sautter – immerhin bis zu seiner Emeritierung 2003 Professor für nordamerikanische Geschichte an der Universität Tübingen – für seine Arbeit bedient hat, ist leider nicht ersichtlich, ein Quellenverzeichnis fehlt ebenso wie der besagte Fuß- oder Endnotenapparat und ist offensichtlich durch „Anregungen zu weiterer Lektüre“ ersetzt. Dass sich Sautter zudem einer Sprache bedient, die zum Teil der Ausdrucksweise des 19. Jahrhunderts entlehnt scheint, macht die Lektüre leider nicht immer flüssig. Dennoch meine Empfehlung für ein Buch, das man hinsichtlich seiner Mängel von diesem Verlag eigentlich nicht gewohnt ist.

Udo Sautter: Als die Franzosen Amerika Entdeckten. Primus Verlag 2012. Gebunden, 160 Seiten.

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Eingeordnet unter 4 Frühe Neuzeit, Rezension, Zeitalter der Entdeckungen

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