Rezension: Cro-Magnon von Brian Fagan

Das Ende der Eiszeit und die ersten Menschen thematisiert Brian Fagan in seinem neuen Buch Cro-Magnon. Dabei behandelt der Autor neben den Zusammenhängen zwischen Klimawandel und Ausbreitung der Menschen auch die Phase der parallelen Existenz von Neandertaler und modernem Menschen.

CroMagnonFast hätte es gar keine modernen Menschen auf unserer Erde gegeben Immer wieder machten Klimaveränderungen und Katastrophen den vor knapp 200.000 Jahren in die Erdgeschichte eingetretenen Vorfahren des Homo Sapiens das Leben schwer. Beinahe wäre die Linie des modernen Menschen ausgestorben, bevor er als Cro-Magnon vor rund 40.000 Jahren in die Lebensräume des Neandertalers eindringen konnte.

Der Cro-Magnon war ein sprachbegabter, spiritueller Mensch

Gleich zu Beginn seines Buches macht der Anthropologe Brian Fagan deutlich, dass er Cro-Magnon lediglich als Sammelbegriff für die zahlreichen Kulturen und Entwicklungsstufen des Homo Sapiens verwendet, der durch seine faszinierenden Höhlenbilder und Schnitzereien aus Knochen, Elfenbein und Geweih in den letzten 150 Jahren die besondere Aufmerksamkeit der Wissenschaft erregt hat. Denn der moderne Mensch – so arbeitet Fagan heraus – unterscheidet sich vom Neandertaler vor allem durch seine Sprach- und Abstraktionsfähigkeit. Spiritualität, künstlerische Ambitionen und Gestaltungswillen seien die Faktoren, die den Cro-Magnon- Menschen unter sich verändernden Umweltbedingungen gegenüber dem zwar intelligenten, aber irgendwie phantasie- und sprachlosen Neandertaler haben überleben lassen. Mehr noch, aktive Anpassung und Interaktion mit der Umwelt durch Erfindungen und Weiterentwicklungen von Werkzeugen und Waffen seien die evolutionären Kernkompetenzen des modernen Menschen.

Das Überleben der Menschheit stand auf des Messers Schneide

Fagan arbeitet sehr systematisch und untermalt mit bildhaften Szenarien die Lebenssituation der Menschen heraus, die sich im Laufe der letzten Eis- und Zwischeneiszeiten über die Erde ausgebreitet und sich dabei zu dem entwickelt haben, was wir noch heute sind. Die Wanderungsbewegungen von Afrika, der Wiege der Menschheit, über den Nahen Osten, nach Asien und Europa behandelt Brian Fagan ebenso wie die Rückschläge, die Dezimierungen,  die die Natur der zahlenmäßig immer sehr gering vertretenden Menschheit beibrachte. Spätestens beim Ausbruch des Vulkans Toba vor etwa 73.500 Jahren drohten unsere Vorfahren für immer vom Erdboden zu verschwinden, im Nahen Osten  – so scheint es – starben die genetisch modernen Menschen in diesem Zusammenhang aus. Möglicherweise erst 20.000 Jahre später wurde diese Region von Afrika aus von „vollständig modernen“ Menschen neu besiedelt. Wie an dieser Aussage ersichtlich wird, macht Fagan einen Unterschied zwischen genetisch modernem Menschen und jenem vollständig modernen Menschen, der sich durch die oben beschriebenen spirituellen, künstlerischen und handwerklichen Fähigkeiten auszeichnet. Jene vollständig modernen Menschen, die Cro-Magnon also waren es, die durch so unscheinbare Erfindungen wie der Nähnadel, Wurfstock oder feinste Feuersteinbearbeitung ihr Verhältnis zur Natur im Gegensatz zum Neandertaler zu revolutionieren verstanden.

Cro-Magnon, ein Buch zwischen wissenschaftlichen Fakten und plausibler Spekulation

Das außerordentlich komplexe Zusammenspiel zwischen Klimaveränderungen, Wanderungsbewegungen und genetischen Entwicklungslinien versteht Fagan durchaus verständlich aufzuarbeiten. Und wie bereits bei seinem Buch Eiszeit fließen auch hier die neuesten wissenschaftlichen Methoden und Erkenntnisse in die teils erzählerisch, teils sachlich formulierten Ausführungen ein. Und um den Lesefluss nicht allzu sehr zu stören, finden sich zu den einzelnen Kapiteln ausführliche Informationskästen, die dem Leser die notwendigen Hintergründe vermitteln. Das geht von der Timeline menschlicher Evolution über die Methoden der Klimauntersuchungen, deren Aussagen je nach Methode bis zu 800.000 Jahre zurückreichen können, bis hin zu Jagdmethoden oder Herstellungstechniken von Steinzeitwerkzeugen. Keine Frage, der Leser muss bei diesem Buch mehr noch als bei der Eiszeit mitarbeiten und sehr konzentriert lesen. Und vor dem Hintergrund des teilweise bewusst anschaulichen Textes, der gerade bei den szenischen Beschreibungen eine gehörige Portion Spekulation beinhaltet, empfiehlt es sich schon, die Infokästen sehr aufmerksam zu studieren. Trotz gelegentlicher Hinweise sind innerhalb der Kapiteltexte Spekulation und harte Fakten nicht immer auf den ersten Blick auseinanderzuhalten. Kein Problem, solange der Leser im Hinterkopf  behält, dass etwa Jagdszenen, wie sie immer mal wieder beschrieben werden, neben der Interpretation archäologischer Funde auch ethnologische Anleihen, beispielsweise bei den indigenen Kulturen der Arktis, den Inuit, Prärieindianern oder afrikanischen Stämmen zur Grundlage haben.

Brian Fagan macht in Cro-Magnon die Vergangenheit lebendig

Dass sich Fagan auch der Frage widmet, warum und wie der Neandertaler ausgestorben ist, und welche Rolle der moderne Mensch dabei spielte, versteht sich von selbst. Dass auch Brian Fagan diese Frage nicht abschließend beantworten kann, ebenfalls. Aber auch zu diesem Thema liefert der Autor von Cro-Magnon interessante Informationen und Gedankengänge. In deren Konsequenz ist eine aktive Ausrottung des Neandertalers durch den modernen Menschen ebenso unwahrscheinlich, wie eine biologische oder gar kulturelle Vermischung. Alles in allem ein Buch, das den schwierigen Weg unserer Vorfahren in das, was wir als menschliche Zivilisation bezeichnen, lebendig werden lässt.

Brian Fagan: Cro-Magnon. Das Ende der Eiszeit und die ersten Menschen. Theiss 2012. Gebunden, 288 Seiten.

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