Enzyklopädie des historischen Schiffsmodellbaus, Band 5.1

Mit dem Halbband 5.1 „Boote und Kleinfahrzeuge“ widmet sich Wolfram zu Mondfeld einem Schifffahrtsgeschichtlich nur scheinbar uninteressanten Thema: den Beibooten historischer Schiffe.

105Modellbauer sind immer bestrebt, ihr Werk bis ins Detail möglichst originalgetreu zu gestalten. Und so gibt es neben zahlreichen Modellbauplänen, Modellbaubüchern und natürlich Baukästen auch jene Spezialisten des historischen Schiffsmodellbaus, die jedes Detail vergangener Schiffsbaukunst und ihre historischen Hintergründe erforschen. Einer von ihnen ist zweifellos Wolfram zu Mondfeld dessen auf zwölf Bände angelegte Enzyklopädie des historischen Schiffsmodellbaus neben den obligatorischen Modellbautechniken, Kniffen und Tipps auch eine Fülle an Informationen für den Schifffahrtsgeschichtler beinhaltet.

Beiboote waren bis ins 19. Jahrhundert keine Rettungs- sondern Arbeitsboote

Bis ins 19. Jahrhundert wäre wohl kaum jemand auf die Idee gekommen, die Boote, die auf den Modellen der prächtigen Segelschiffe der vergangenen Jahrhunderte zu finden sind, als Rettungsboote zu bezeichnen. Denn während die mitgeführten Boote für viele Zwecke eingesetzt werden konnten, als Rettungsboot taugten sie aus verschiedenen Gründen nur bedingt. Zunächst waren die Beiboote –trotz ihrer im Einzelfall beachtlichen Größe – viel zu klein, um auch nur einen größeren Teil der Mannschaft aufzunehmen. Das zu Wasser lassen war eine meist sehr umständliche Prozedur, die im Falle eines Schiffsbruchs oft kaum noch zu bewerkstelligen war. Beiboote waren also vor allem Arbeitsboote, sei es, um die Verbindung zwischen Land und Schiff oder Schiff und Schiff herzustellen, sei es, um ein Schiff in schwierigen Gewässern oder aus einer Flaute zu schleppen. Auf Kriegsschiffen dienten sie unter anderem als Landungsboote und ganz generell wurden sie auch zur Versorgung der Schiffe, die vor der Küste auf Reede lagen genutzt.

Über die Probleme, die Beiboote an Bord zu verstauen

Zu Mondfeld gibt in seinem Buch zunächst einen historischen Überblick über die Beiboote, deren Existenz für die Antike übrigens nicht gesichert ist. Sowohl über die Zahl als auch die Position der Beiboote rekonstruierter antiker Schiffe wird in der Fachwelt eher nach Plausibilitätskriterien spekuliert. Die Quellenlage ist hier mehr als dürftig.

Anders verhält es sich mit den Beibooten seit dem Frühmittelalter. Stadtsiegel und archäologische Funde erlauben nun recht klare Aussagen über den Einsatz der Beiboote. Vor allem für die Kriegsschiffe des 17. Jahrhunderts brachte die Unterbringung der Beiboote unterschiedlicher Funktion und Größe trotz ihrer Notwendigkeit große Probleme. Hinterhergeschleppt drohten sie bei rauer See gegen den Rumpf ihres Schiffes zu schlagen und entsprechende Schäden an Boot und Schiff zu verursachen. Die Schleppleine konnte brechen und das Beiboot verloren gehen oder es konnte voll Wasser schlagen und sinken.

An Bord wiederum verbauten die auf dem am tiefsten gelegenen Oberdeck in der Schiffsmitte, der sogenannten Kuhl, festgezurrten Beiboote den Matrosen und Soldaten den wichtigen Weg zwischen Vor – und Achterschiff. Mit komplizierten Lösungen wurde experimentiert. Beispielsweise mit herausnehm- und verschiebbaren Laufgängen oder stabilen Überdachungen der Kuhl, die nun die Beiboote tragen konnten, aber auch einem enternden Gegner im Gegensatz zu den ursprünglichen Schutznetzen festen Halt boten.

Die Beiboote waren oft seetüchtige kleine Schiffe

Im 18. Jahrhundert hatte sich schließlich die Verlegung des Laufgangs zwischen Vorder- und Achterdeck über der Kuhl an die rechte und linke Bordwand durchgesetzt. Nun konnten die zunächst zwei bis drei Arbeitsboote in der Schiffsmitte untergebracht werden, ohne Manövrierfähigkeit und Kampfkraft zu beeinträchtigen. Mit immerhin rund 15 Metern Länge brachten es die Langboote der größten Kriegsschiffe bereits im 17. Jahrhundert auf durchaus eindrucksvolle Dimensionen. Die kleinere Barkasse maß immerhin noch gut 10 Meter und die Jolle – vor allem dem Kapitän vorbehalten – ist mit rund acht Metern Länge auch für heutige Freizeitskipper beileibe kein kleines Boot.

Obwohl von vielen Schiffsmodellbauern aber auch Schifffahrtshistorikern nicht immer ernst genommen, zeigen allein ihre Dimensionen, dass die Beiboote weitaus mehr sind als einfache Ruderboote. Und so widmet zu Mondfeld auch den Aspekten Konstruktion, Ausbau, Ausstattung, Antrieb, Takelung, Ausrüstung und die Veränderungen im Laufe der Zeiten seine besondere Aufmerksamkeit. Bei der Lektüre des Buches findet der Leser viele Hinweise auf Fehler und Unachtsamkeiten, die selbst Erbauern von Museumsmodellen bei Form, Ausstattung und Anordnung der so wichtigen Beiboote gelegentlich unterlaufen und in vielen Modellbauplänen oder Baukästen schon fast obligatorisch sind.

Wie die Bordziegen die Einsatzbereitschaft der Beiboote sicherstellten

Neben den historisch-fachlichen Informationen wartet zu Mondfeld immer mal wieder mit interessanten Anekdoten und Geschichten auf. Etwa wenn er über die Funktion der Katzen, Hühner und Ziegen an Bord berichtet. Die Ziegen beispielsweise, die ihren Standplatz in den in der Kuhl gestapelten Booten hatten, dienten nicht nur der Frischmilchversorgung für Mensch und Katze. Sie sorgten als Garant der ständigen Einsatzbereitschaft der Arbeitsboote mit ihrem Urin dafür, dass die Boote nicht austrockneten und dadurch undicht wurden.

Am Schluss stellt zu Mondfeld noch einen Spezialfall der Beiboote vor: das faszinierende und hochspezialisierte Walfangboot des 19. Jahrhunderts. Mit dem Hinweis, dass der heutige Walfang als mechanisches Massengemetzel völlig zu Recht geächtet und durch nichts zu rechtfertigen ist, lässt der Autor die wirkliche Welt Kapitän Ahabs vor dem geistigen Auge des Lesers wiedererstehen. Und der Hinweis, dass zum Erscheinungstermin Herman Melvilles „Moby Dick“ der reale Walfänger Ann Alexander unter Kapitän John DeBlois von einem Pottwal gerammt und versenkt wurde, zeigt, dass auch Band 5.1 der Enzyklopädie des historischen Schiffsmodellbaus weit mehr als ein Modellbaubuch ist.

Wolfram zu Mondfeld: Enzyklopädie des historischen Schiffsmodellbaus, Band 5.1 Boote und Kleinfahrzeuge. Neckar-Verlag 2011, Broschiert, 118 Seiten.

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Eingeordnet unter Rezension, Schifffahrtsgeschichte

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