Sahibs, Sklaven und Soldaten – ein Buch von Michael Mann

Mit seinem Buch über den Menschenhandel rund um den indischen Ozean vermittelt Michael Mann seinen Lesern nicht nur ein weitestgehend unbekanntes Kapitel der Geschichte, sondern auch eine neue Sichtweise auf das Phänomen der Sklaverei.

106Halbnackte schwarze Körper, die schweißtriefend unter der Peitsche des Aufsehers auf den karibischen Zuckerrohr- oder amerikanischen Baumwollplantagen schuften oder an die Ruderbänke angekettete Galeerensklaven drängen sich uns als Bilder noch heute auf, wenn von Sklaverei die Rede ist. Wer sich eingehender mit der Geschichte befasst hat, dem kommen auch noch die gebildeten, teils angesehenen griechischen und römischen Haussklaven in den Sinn. Oder die Mamelucken, jene Kriegssklaven der islamischen Herrschaftsgebiete, die sogar eigene Herrscherdynastien gegründet haben.

Sklaverei ist eine weltweite Institution von der Frühzeit bis heute

Sklaverei ist aber in seinen Ausformungen wesentlich vielfältiger und auch der Status der Sklaven innerhalb der jeweiligen Gesellschaften und Kulturen war einer ständigen Entwicklung unterworfen. Die gängigen Klischees bilden jeweils nur einen Bruchteil des Phänomens ab. Zum Verständnis des Arbeitsmarktsegments, das bis heute überall auf der Welt existiert, tragen diese Klischees allerdings nur wenig bei. In der Einleitung zu seinem Buch „Sahibs, Sklaven und Soldaten“ geht Michael Mann daher zunächst einmal der Geschichte der Sklaverei als Institution auf den Grund. Es wirkt auf den ersten Blick banal, wenn der Autor die bis ins 19. Jahrhundert allgegenwärtige Unterbevölkerung und damit den ständigen Arbeitskräftemangel als Grundlage der gesellschaftlichen Institution Sklaverei ausmacht. Die Beschaffung von Menschen meist fremder Gesellschaften als Arbeitskräfte erscheint in diesem Licht bereits seit den frühen städtischen Zivilisationen als Notwendigkeit, die jeweils eigene Existenz und Entwicklung zu sichern. Kriege dienten dabei nicht nur der Ausweitung des territorialen Machtbereiches, sondern vor allem der Beschaffung von Arbeitskräften.

Der Sklave in seiner Doppelrolle als Sache und Person

Bereits Kriegsgefangene der Assyrer und Babylonier wurden in die Sklaverei geführt. Status und Behandlung von Sklaven lässt sich aus deren Gesetzessammlungen erschließen. So konnten Sklaven Handel treiben, Geld leihen und sogar gegen ihren Verkauf vor Gericht Einspruch erheben. Und in vielen Gesellschaften konnten sich Sklaven bis in die Neuzeit hinein freikaufen. Andererseits konnten sich auch Menschen selbst in die Sklaverei verkaufen, bei Schuldsklaverei sich zeitlich befristet als Arbeitskraft in das Eigentum ihres Gläubigers begeben. Mann lässt an keiner Stelle Missverständnisse darüber aufkommen, dass Sklaverei immer Zwangscharakter, Unfreiheit und Gewalt bedeutete, dass sie aber gleichzeitig eine gesellschaftlich akzeptierte und regulierte Form kontrollierter Arbeit neben anderen wie Schuldknechtschaft oder Leibeigenschaft war.

Und auch die bei oberflächlicher Betrachtung beinahe idyllische Haussklaverei, bei der die Sklaven Teil des Haushaltes des Eigentümers waren, darf über den Charakter der Sklaverei nicht hinwegtäuschen. Der Eigentümer hatte zwar oft eine erstaunlich umfassende Fürsorgepflicht, die beispielsweise eine körperliche Überforderung seiner Sklaven untersagte. Was die Sklaverei jedoch gegenüber allen anderen Zwangsarbeitsformen – trotz aller Übergänge und Grauzonen – unterscheidet, ist das persönliche Eigentum des Sklavenhalters am anderen Menschen. Das bedeutet nicht nur, dass der Sklave verkauft und als Ware gehandelt sondern als Arbeitskraft auch beliebig genutzt werden kann. So war gerade beim Kauf von Haussklavinnen ein wesentliches Motiv der Sex. Erzwungener Geschlechtsverkehr konnte per juristischer Definition der Sklaven als Sache per se keine Vergewaltigung darstellen.

Die Idee der Sklaverei als Ersatz für einen nicht erlittenen Tod

Mann formuliert auch die Grundidee der Sklaverei, die die gesellschaftliche Akzeptanz dieser Institution begründete: der Ersatz für einen nicht erlittenen Tod. Das gilt für die in der Schlacht nicht gefallenen feindlichen Krieger ebenso, wie für das nicht vollstreckte Todesurteil oder den Selbstverkauf eines Menschen, der damit den sicheren Hungertod vermeidet. Wertvoller als ein toter Mensch war letztendlich die kontrollierte Arbeitskraft. Und so wurden die todgeweihten Mitglieder fremder Gesellschaften oder der eigenen Gruppe nutzbringend in das eigene Wirtschafts- und Sozialsystem in ganz verschiedenen Formen zwangsintegriert. Bei der Verschleppung von Menschen aus ihrer Heimat erlitten diese in jedem Fall einen sozialen Tod. Die Sklaverei – also die Zwangsintegration in eine fremde Gesellschaft als Arbeitskraft – stellte somit eine Art Wiedergeburt dar. Herausgerissen aus seinem ursprünglichen sozialen Umfeld war die Integration in die neue Gesellschaft beispielsweise als Haussklave in ein neues Sozialsystem in der Regel auch für den für diese Menschen die einzige Alternative zum realen Tod. Ein Grund übrigens weshalb sich in vielen Gesellschaften und Zeiten Sklaven – immer natürlich an die Weisungen ihres Eigentümers gebunden – relativ frei auch in der Öffentlichkeit bewegen und für einen unbefangenen Betrachter nicht ohne weiteres als solche erkannt werden konnten.

Michael Mann offenbart die unbekannte Welt der Sklaverei im Indik

Dass sich Mann mit seinem Buch der Sklaverei und dem Sklavenhandel ausgerechnet im Indik, also dem Gebiet zwischen Ost- und Südafrika, Arabien, Indien, Süd- und Südostasien zuwendet, hat besondere Gründe. Ausgerechnet in Zusammenhang mit der von Großbritannien seit dem 18. Jahrhundert vorangetriebenen Debatte um die Abschaffung der Sklaverei geriet eben diese im Indik aus dem Blickfeld der europäischen und – bis vor wenigen Jahren – wissenschaftlichen Öffentlichkeit. Denn die Verfechter der Sklavenbefreiung machten einen grundsätzlichen Unterschied zwischen der karibisch-atlantischen und der asiatisch indischen Sklaverei. So wurde die Sklaverei nicht – wie in Manns Buch – am Eigentum am Menschen festgemacht, sondern an ihrem wirtschaftlichen Einsatz. Die in Indien und den arabischen Ländern vorherrschende Haussklaverei galt allein deshalb nicht als Sklaverei, weil sie als unproduktiv und die körperliche Belastung im Vergleich zu den Feldsklaven der Zuckerrohr- und Baumwollplantagen in den beiden Amerikas als gering eingeschätzt wurde. Dass die Geschichtsschreibung zur Sklaverei in Südasien und im Indik fast ausnahmslos der zeitgenössischen Wahrnehmung der britischen Kolonialmacht folgte, trug dazu bei, dass die Forschung erst in den letzten Jahren die Sklaverei in dieser Region wiederentdeckt hat.

Die Sklaverei ist ein hochdynamischer und anpassungsfähiger Teil des regulären Arbeitsmarktes

Systematisch beschreibt Mann den aktuellen Stand der Forschung anhand einer Reise um den Indik. Sie beginnt auf der arabischen Halbinsel, im östlichen und südlichen Afrika führt über Südasien und endet in Südostasien. Dabei untersucht der Autor Region für Region die spezifischen Hintergründe der einzelnen Formen und Regeln und lokalen Ausprägungen der Sklaverei. Beginnend mit der voreuropäischen Zeit stellt er die jeweiligen Veränderungen und Anpassungen der Institution Sklaverei an die wirtschaftlichen Entwicklungen und Einflüsse – beispielsweise durch die Europäer – bis in die Neuzeit vor.

Die zweite Rundreise auf der gleichen Route untersucht den mit Sklavenhaltung immer verbundenen Sklavenhandel, der – eine sehr junge wissenschaftliche Erkenntnis – in Zusammenhang mit der europäischen Expansion globale Dimensionen annahm. Es waren nicht nur Westküsten-Afrikaner, die über den Atlantik unter hohen Verlusten zu den Karibischen und amerikanische Plantagen transportiert wurden. Spätestens im 18.  Jahrhundert hatte sich ein weltweites Sklavenhandelssystem mit Im-, Ex- und Reimporten etabliert, das dazu führte, dass Sklaven aus allen Regionen der Welt in allen Regionen der Welt zu finden waren. Internationale Sklavenbörsen, mit Maklern, und Spekulation prägten ausgerechnet jene Zeit, in der die Sklaverei Schritt für Schritt offiziell abgeschafft wurde.

Unsere Vorstellungen zur freien Lohnarbeit resultieren aus der Ideologie des 19. Jahrhunderts

Dem Leser bietet Michael Mann – ohne jede Moralisiereri oder Effekthascherei – immer wieder überraschende Informationen, Erkenntnisse und Denkanstöße. Dabei wird so ganz nebenbei auch die Erklärung für unsere gängigen Klischees geliefert. Dass sich diese Klischees sowohl in ihrer Grausamkeit als auch in ihrer Romantisierung vor allem als Ergebnis politisch-ökonomischer Propaganda des 18./19.Jahrhunderts herausstellen, ist nicht wirklich beruhigend. Denn Mann zeigt auf, dass in unterschiedlichem Maß und Form die Sklaverei als Institution weltweit neben vielen anderen Formen des kontrollierten Arbeitszwangs noch immer existiert.

Gerade in diesem Zusammenhang darf das letzte Kapitel „Sklaverei, Globalgeschichte und Globalisierung“ besonders hervorgehoben werden. Hier diskutiert Mann nicht nur die internationalen Bemühungen, Konventionen und Initiativen zu Menschenrechten und Abschaffung der Sklaverei bis in unsere heutige Zeit. Mit seinen Ausführungen zum Freiheitsbegriff – der in Zusammenhang mit Arbeitsverhältnissen aus dem 19. Jahrhundert stammt – gibt er dem Leser einiges Denkwürdige mit auf den Weg. Auch die gängige Vorstellung der Ablösung der Sklaverei durch die freie Lohnarbeit des kapitalistischen Wirtschaftssystems erweist sich nach der Lektüre des Buches als Ideologie des 19. Jahrhunderts. Dieses Buch ist unbedingt zu empfehlen, nicht nur dem geschichtsinteressierten Leser, sondern auch unseren Politikern, denn es hat durchaus einen direkten Bezug zu den ökonomischen-gesellschaftlichen Fragen unserer Zeit.

Michael Mann: Sahibs, Sklaven und Soldaten. Geschichte des Menschenhandels rund um den Indischen Ozean. Philipp von Zabern 2012. Gebunden, 254 Seiten.

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Eingeordnet unter Geschichte im Querschnitt, Rezension

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