„Steppenkrieger“: das Buch zur Ausstellung

Über die neuesten archäologischen Erkenntnisse zu den Reiternomaden des 7. – 14. Jahrhunderts aus der Mongolei, informiert der Begleitband zur Ausstellung Steppenkrieger des LVR-LandesMuseum (Landschaftsverband Rheinland) Bonn.

datei3_steppenkrieger_mitMit Reiternomanden aus der Mongolei verbinden die meisten Menschen die mongolischen Horden des Dschingis Khan oder die Hunnen der Antike. Spätestens nach der Lektüre des ersten Aufsatzes „Zentralasien im 6. – 11. Jahrhundert“ schwant dem Leser, dass die Reiternomaden aus der Mongolei alles andere als ein einheitliches Volk waren. Da tauchen mit Tabgatsch, Hephtaliten oder Oghuren Namen, Kulturen und Reiche auf, die ethnologisch nur schwer greifbar sind oder von denen der europäische Geschichtsinteressierte bisher noch kaum oder gar nichts gehört hat. Der Bogen, den Peter B. Golden in seinem Aufsatz spannt, reicht von den Awaren und den Alttürken, das Chasaren-Khaganat oder das Uiguren-Khaganat bis hin zu den frühen Türkisch-Muslimischen Staaten und den Kitan. Dass die Geschichte der Reiternomanden zudem noch eng verwoben mit der Chinesischen ist, macht es für den europäischen Betrachter nicht leichter.

Steppenkrieger ist ein Forschungsprojekt in Deutsch-Mongolischer Kooperation

Tatsächlich stellt der historische Abriss vor allem den Rahmen dar, in den nicht nur die Ausstellung, sondern das ganze ihr zugrunde liegende archäologische Gemeinschaftsprojekt eingebettet ist. Die im Laufe der letzten Jahre entdeckten Felsgräber der mongolischen Gebirgsregionen waren der Anlass, die ohnehin bereits seit den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts vorhandenen engen kulturellen Kontakte zwischen Deutschland (bis 1989/90 die DDR) und der Mongolei im Rahmen des Forschungs- und Ausstellungsprojektes zu intensivieren. Dabei geht es nicht nur um archäologische Ausgrabungstechniken, sondern auch um die Nutzung der in Deutschland vorhandenen restauratorischen Kompetenzen.

Vor diesem Hintergrund wird verständlich, dass als Kooperationspartner des Projektes „Steppenkrieger“ nicht nur das Archäologische Institut der Mongolischen Akademie der Wissenschaften und das LVR-Landesmuseum Bonn mit seinen Restaurationswerkstätten, sondern auch die Vor- und Frühgeschichtliche Archäologie der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn und – vor allem im Rahmen der Textilanalysen und –restaurierung – die Konservierungswissenschaft der Fachhochschule Köln beteiligt sind.

Die Kleidung der mongolischen Reiternomaden hat sich seit Jahrhunderten bewährt

Unter anderem die Textilfunde des aus dem 11. Jahrhundert stammenden Felsgrabes aus Dugui Cachir liefern den Wissenschaftlern neue Informationen zur reiternomadischen Tracht und ihrer regionalen Besonderheiten, die im Laufe der nächsten Jahre auf ihren kulturgeschichtlichen Zusammenhang untersucht werden. Insgesamt, so zeigt der Aufsatz von Annemarie Stauffer zur Reiterkleidung, haben sich Kleidungsstil und die einzelnen Bekleidungselemente seit dem 3./4. Jahrhundert im mongolischen Raum kaum verändert. „Ganz offensichtlich“, so die Autorin des Essays, „hat sich der seit Jahrhunderten gepflegte Kleidungsstil bewährt und seine Funktionalität im Alltag beibehalten.“

Diese Funktionalität erschließt sich dem Leser nicht nur in dem Aufsatz in dem die Elemente der Reitertracht – Reitermantel, Kaftan, Beinkleider – im Detail beschrieben werden, sondern auch im Katalogteil, der die Fundgeschichte und -situation der jeweiligen Fundorte und die Beschreibung der dazugehörigen einzelnen Funde beinhaltet. Auch wenn die Aufsätze das Thema Reiternomaden des mongolischen Raumes aus verschiedenen Perspektiven auch kulturhistorisch aufarbeiten, liegt der Schwerpunkt des Projektes vor allem im archäologisch-analytisch-konservatorischen Bereich. Das nicht zuletzt deshalb, weil die einzigartigen Artefakte aus den neu entdeckten Felsgräbern auch zeitliche Fundlücken schließen. So gilt die 2008 gefundene Pferdekopfharfe aus Zargalant als einziges bisher bekanntes mittelalterliches Saiteninstrument, dessen alttürkische Runeninschrift noch immer nicht eindeutig entziffert ist. Die 1997 erstmals entdeckten und schließlich 2005 archäologisch erschlossenen Felsgräber von Dugij Cachir gaben unter anderem den ältesten erhaltenen Filzkaftan aus dem 11. Jahrhundert preis.

Wissenschaftler Rekonstruieren mongolisches Fernwaffenset

Während das Buch seinen historischen Schwerpunkt bei den alttürkischen Reitervölkern hat und dabei Themen wie archäologische Denkmäler (Gräber, Stelen), Bestattungen mit Pferdebeigaben oder die alttürkische Runenschrift behandeln, bilden die Ausstellungshighlights, die Pferdekopfharfe und die Reflexbögen mit Köchern und Pfeilen auch den Gegenstand archäologischer Rekonstruktionen, denen naturgemäß intensive naturwissenschaftliche Untersuchungen vorangehen. Die Autoren des Buches „Steppenkrieger“ beschreiben dabei nicht nur die Untersuchungsmethoden und Ergebnisse, die Materialanalysen, Bau- und Funktionsweisen oder die Rekonstruktionstechniken, sondern – als Voraussetzung für eine archäologische Rekonstruktion – auch die Zielsetzung des jeweiligen Experiments. Das gleiche gilt übrigens für die Restauration und die Konservierungsmaßnahmen der Artefakte, die zum Zwecke der Ausstellung ganz besonderen Überlegungen folgen muss.

In Holger Beckers und Regina Klees Aufsatz „Archäologisches Kulturgut unter der Lupe“ nimmt der Leser am Beispiel der wesentlichen Exponate am komplizierten Konservierungs- Restaurierungs- und naturwissenschaftlichen Untersuchungsgeschehen teil. Wie stark die inzwischen die Materialspezialisierung bei den Restauratoren fortgeschritten ist, verrät der Satz „Zum Bonner Restauratorenteam gehört auch R. Vogel, der sich auf die Konservierung eines kleinen Täschchens konzentrierte.“

Steppenkrieger ist ein Buch mit anspruchsvollen Texten

Spezialisierung auf der einen, interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen Natur- und Geisteswissenschaftlern auf der anderen Seite prägen, wie das Buch in beispielhafter Weise zeigt, die moderne archäologische Arbeit. Wie bei einem Buch, an dem unterschiedliche wissenschaftliche Autoren gearbeitet haben, vielleicht nicht anders zu erwarten, sind die Texte recht anspruchsvoll, weisen aber auch in verschiedener Hinsicht unterschiedliche Qualitäten auf. So ist der inhaltlich für das Buch so wichtige Aufsatz „Zentralasien im 6. – 11. Jahrhundert“ mit eingeklammerten chinesischen Schriftzeichen durchsetzt, die den Lesefluss erheblich stören.

Der recht kurze Essay „Das Pferd“ verzichtet hingegen völlig auf Fußnoten und weiterführende Literatur und erwähnt im Abschnitt „Domestikation“ bedauerlicherweise nicht die neuesten Ansätze zur Lokalisierung der ersten Domestikation über die DNA-Analysen der Fellfarben aus archäologischen Knochenfunden. Gerade weil das Buch erfreulicherweise methodische Fragestellungen und Denkansätze im archäologischen Teil in den Vordergrund stellt und das Pferd die Grundlage des Reiternomadentums darstellt, ist sowohl die Kürze des Beitrags – an dem mit Hélène Martin und Dominique Armand immerhin zwei Autoren gearbeitet haben – als auch der Verzicht auf Quellen- und Literaturangaben ein wenig enttäuschend. Demgegenüber vermittelt der vorangehende Aufsatz von Veronika Veit zur Bedeutung des Pferdes in der mongolischen Kultur einen hervorragenden Eindruck vom Verhältnis zwischen Pferd und Reiter bei den nomadischen Völkern der zentralasiatischen Region.

Der Ausstellungskatalog bietet das Neueste Erkenntnisse zum Thema Steppenkrieger

In der Gesamtbewertung darf das Begleitbuch zur Ausstellung „Steppenkrieger“ durchaus empfohlen werden. Es beschreibt eine uns verhältnismäßig unbekannte Epoche der zentralasiatischen Reiterkulturen, stellt die neuesten, teilweise kaum ein Jahr alten Funde aus den ebenfalls noch weitgehend unbekannten Felsgrabbestattungen vor, und vermittelt einen ausgezeichneten Eindruck davon, was moderne Archäologie und Geschichtswissenschaften interdisziplinär zu leisten in der Lage sind. Im Anhang findet der Leser zudem neben mehreren Karten, eine umfassende tabellarische Darstellung der historischen Ereignisse des Betrachtungszeitraums und einen detaillierten Überblick über die naturwissenschaftlichen Analysen und Ergebnisse der einzelnen Fundstücke aus den Felsgräbern der mongolischen Gebirge. Natürlich ist das Buch hervorragend illustriert und somit nicht nur eine intellektuelle Herausforderung, sondern auch ein Augenschmaus.

Jan Bemman (Hrsg.): Steppenkrieger. Reiternomaden des 7. – 14. Jahrhunderts aus der Mongolei. Primusverlag 2011. Gebunden mit Schutzumschlag, 416 Seiten.

Advertisements

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter 3 Mittelalter, Archäologie, Ausstellungen, Ethnologie, Rezension

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s