Die Furtmeyr-Bibel, exklusive Buchmalerei aus der Gotik im Netz

Ein Meisterwerk der Buchmalerei, die zweibändige Furtmeyr-Bibel, hat die Universitätsbibliothek Augsburg der Öffentlichkeit im Internet zugänglich gemacht.

Sie war eine der Hauptattraktionen der kunsthistorisch spektakulären Regensburger Ausstellung „Berthold Furtmeyr, Meisterwerke der Buchmalerei“ (29.11.2010 – 20.02.2011) – die zweibändige Furtmeyr-Bibel. Zwischen 1468 und 1472 geschaffen, dokumentiert sie den Übergang von der Spätgotik zur Renaissance. Rechtzeitig zur Ausstellung hat die Universitätsbibliothek Augsburg, in deren Besitz sich die kostbaren Bände seit 1980 befinden, das historische Dokument in ihre Digitalen Sammlungen aufgenommen.

Die Furtmeyr-Bibel, Luxusausgabe für den Adel

In einer Zeit, da das handgeschriebene und -illustrierte Buch drohte, langsam aber sicher dem aufkommenden Buchdruck weichen zu müssen, hatte sich der Regensburger Buchmaler Furtmeyr mit seiner kleinen Werkstatt vor allem auf Luxusproduktionen spezialisiert, ein „Unternehmenskonzept“, das durchaus von Erfolg gekrönt war. Immerhin war es ihm gelungen, sich beispielsweise mit der Salzburger Missale (Messbuch), dem Heidelberger Schicksalsbuch oder eben der Furtmeyr-Bibel nicht nur lukrative Aufträge zu sichern, sondern auch – wie man heute sagen würde – als Marke zu etablieren.

Die Bibel, bestehend aus dem Alten Testament, Band 1, Genesis bis Rut und Band 2, Psalter bis Malachias, hatte Furtmeyr zwischen 1468 und 1472 für Hans III. von Stauff zu Ehrenfels und seine Frau Kunigunde Schenk von Geyern geschaffen. Hans III. gehörte – seit 1465 Reichsfreiherr –  zum Gefolge des bayerischen Herzogs und gehörte damit als vornehmer und zahlungskräftiger Laie zur Zielgruppe des Regensburger Buchmalers.

Die Fürstlich Oettingen-Wallersteinische Bibliothek

Wie viele Werke des Mittelalters und der Neuzeit hat auch die Furtmeyr-Bibel eine wahre Odyssee hinter sich. So gelangte sie bereits zu Ende des 15. Jahrhunderts in den Besitz des bayerischen Herzogs Albrecht IV. Dessen Frau Kunigunde nahm das Werk mit in das Münchener Pütrichkloster, in das sie sich nach dem Tode ihres Gatten 1508 zurückzog.

Um 1800 fand sich die Furtmeyr-Bibel in der Sammlung der Fürsten von Oettingen-Wallerstein wieder. Die Fürstlich Oettingen-Wallersteinische Bibliothek wurde 1980 für 40 Millionen DM vom Freistaat Bayern angekauft und ging mit ihren 1.600 Handschriften, 1.300 Inkunabeln (bis zum 31.12.1500 mit beweglichen Lettern hergestellte Drucke), 1.900 Musikhandschriften, 600 Musikdrucken und 117.000 Drucken des 16.-19. Jahrhunderts an die Universitätsbibliothek Augsburg über.

Die Furtmeyr-Bibel im Internet

Die beiden Bände der Furtmeyr-Bibel zählen zu den wertvollsten Handschriften der Oettingen-Wallerstein-Sammlung und werden im Ausstellungskatalog folgendermaßen beschrieben: „Man betritt eine geheimnisvolle, kostbare, phantasievolle Welt der Bilder, die in einem nicht enden wollenden großartigen Fest für die Augen üppigste erzählerische Szenen, Ornamente und Bordüren zeigt.“ Und jene, der Allgemeinheit bislang verborgene, üppige, phantasievolle Welt der Furtmeyr-Bibel haben die Augsburger Universitätsbibliothekare nun auch der breiten Öffentlichkeit im Rahmen ihrer Digitalen Sammlungen kostenlos über das Internet zugänglich gemacht. 1478 sogenannte Digitalisierte, also elektronischreproduzierte Faksimiles umfasst die digitale Präsentation der Furtmeyr-Bibel, für die extra ein auf Faksimileproduktion spezialisierter österreichischer Fotograf und spezielle Technik aus Graz nach Augsburg geholt wurden.

Mittelalterliche Handschriften und moderne Reproduktionsverfahren

Rund eine Woche dauerte die digitale Reproduktion des wertvollen Furtmeyr-Werkes mit Hilfe des sogenannten Grazer Buchtisches.  Dieser an der Universitätsbibliothek Graz vom Leiter der Restaurierung entwickelte Kameratisch erlaubt es, Objekte wie wertvolle Handschriften mit nur minimaler Belastung zu reproduzieren. Das beginnt damit, dass die Reproanlage mit verschiedenen Aufnahmegeräten wie Spiegelreflexkamera, Flachbett- oder Auflichtscanner ausgestattet ist und damit eine nur minimale Manipulation des Objektes gewährleistet. Die flexibel einsetzbaren Geräte erlauben zudem eine mit 90-120 Grad nur geringe Öffnung der empfindlichen Kodizes und nicht zuletzt werden spezielle Tageslichtlampen mit extrem geringem UV-Anteil eingesetzt.

Die Furtmeyr-Bibel vom Luxus- zum Allgemeingut

Noch vor wenigen Jahren hätte die Reproduktion beispielsweise der Furtmeyr-Bibel ein Aufbinden und Zerlegen der Bücher erfordert, ein Prozedere, dass allein aus konservatorischen Gründen wohl kaum in Frage gekommen wäre. Eine digitale Bibliothek mit einem Umfang, wie sie inzwischen beispielsweise die Augsburger darstellt, wäre unter diesen Bedingungen kaum vorstellbar. Ob aber die Faszination des Originalwerks durch die Internetpräsenz jemals ersetzt werden kann, darf bezweifelt werden. Die allgemeine digitale Zugänglichkeit solcher Ausnahmewerke dürfe jedoch auch entsprechende materielle Präsentationen wie Ausstellung und Begleitbuch für ein breiteres Publikum attraktiver machen.

 

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