Pompeji, Katastrophen am Vesuv – Der Begleitband zur Ausstellung

Wie kaum ein anderer Vulkan verbindet der Vesuv Erd- und Kulturgeschichte miteinander. Aber er liefert nicht nur mit Pompeji und Herculaneum den Archäologen und Geologen wertvolle Informationen über die Vergangenheit, seine Lebensäußerungen hatten ebenfalls Auswirkungen auf weit entfernte Regionen.

PompejiNormalerweise muss ein Haus wie das Landesmuseum für Vorgeschichte von Sachsen-Anhalt nicht begründen, weshalb es eine Ausstellung wie „Pompeji – Nola – Herculaneum. Katastrophen am Vesuv“ organisiert. In diesem Fall  aber macht es allein schon deshalb Sinn, weil das Thema der Sonderausstellung, die vom 9.12.2011– 8.6.2012 in Halle zu sehen ist, in mehrfacher Hinsicht einen engen Bezug zu Deutschland im Allgemeinen und Sachsen-Anhalt im Besonderen hat. Der Umfang von 392 Seiten des aufwändig und informativ illustrierten Begleitbandes deutet bereits an, dass das in diesem Rahmen präsentierte Thema mehr beinhaltet, als die üblichen Verdächtigen in Form von Mosaiken und mit Gips ausgegossenen Aschehohlräumen, durch die die Opfer des 72 n. Chr. ausgebrochenen Vesuv der Nachwelt sozusagen lebensecht erhalten blieben.

Kampanien und seine Vulkane

Der Vesuv ist nur einer von vier Vulkanen, die nicht nur die Geologie sondern auch das Leben der Menschen in der Region des Golfes von Neapel bestimmen. Während der Vesuv das letzte mal 1944 ausgebrochen ist, fand der letzte Ausbruch der sogenannten Phlegräischen Felder 1538 und die Eruption des Arso auf der Insel Ischia 1302 statt. Die vulkanischen Aktivitäten im Gebiet Kampaniens, einer tektonischen Senke, die in Zusammenhang mit dem Zusammenprall der europäischen und eurasischen Kontinentalplatte entstanden ist,  reichen natürlich weit in die Vorgeschichte zurück. Bereits aus der Zeit um 300.000 vor unserer Zeitrechnung finden sich Menschenspuren, konserviert in einer vulkanischen Schicht Kampaniens. Wissenschaftler machen für das Aussterben des Neandertalers eine der größten phlegräischen Katastrophen mit seinen Umweltver4änderungen, die etwa 39.000 vor unserer Zeit den Mittelmeerraum getroffen haben mitverantwortlich. Katastrophale Ereignisse fanden vor 18.000 bis 15.000 Jahren statt und bildeten unter anderem die „Geburtsstunde“ des Vesuv und den Beginn der Natur- und Kulturlandschaft wie wir sie heute kennen. Die Aufsätze des ersten Kapitels „Die Besiedlung Kampaniens, der Vesuv und seine Katastrophen“ zeichnet ein spannendes und tiefgehendes Bild von der Landschafts- und Siedlungsgeschichte, das unter anderem mit neuen, dem Leser oft noch unbekannten archäologischen Entdeckungen seit der Bronzezeit aufwartet.  So behandelt ein Essay die frühgeschichtliche dörflichen Flusssiedlung von Longola, ein anderer beispielsweise die Siedlung von Punta Chiarito auf Ischia, deren Ausgrabung  ein ganz neues auf die griechische Kolonialisationsgeschichte wirft.

Das Leben in der römischen Antike

Selbstverständlich nimmt in diesem Kapitel auch die Katastrophe von Pompeji einen recht breiten Raum ein. Es beginnt mit dem peniblen chronologischen Ablauf dieses historisch gut dokumentierten Ereignisses und endet mit Ausführungen zum Umgang mit den Katastrophen am Golf von Neapel.

Kapitel II „Impressionen aus den Vesuvstädten“ breitet anhand der zahlreichen und in ihrer Gesamtheit einzigartigen Artefakte der neapolitanischen „Zeitkapseln“ Pompeji und Herculaneum das antike römische Leben vor den Augen des Lesers aus. Da werden die Priesterin Eumachia oder der wohlhabende Marcus Holconius Rufus wieder lebendig, Der Leser erfährt viel über die Sitten und Regeln beim römischen Gastmahl über Wirtschaft und Handel, erhält tiefe Einblicke in  die antiken römischen Gesellschaftsstrukturen und nicht zuletzt in Militär- und Gladiatorenwesen.

Das Leben in der Pompejischen Insula wird schließlich im dritten Kapitel vor dem Leser ausgebreitet. Auch hier finden sich viele Aspekte, die nicht nur neuen archäologischen Funden geschuldet sind. Von den Archäologen und Historikern werden zunehmend Themen in den Fokus ihrer Untersuchungen gerückt, die lange Zeit kaum  von Interesse zu sein schienen. Dazu gehört der Aufsatz „Indizien einer Kriminalgeschichte“, der die Plünderungen in Pompeji nach der Katastrophe thematisiert.  Und der Aufsatz „Öffentlich und Privat – zur sozialen Funktion des römischen Wohnhauses“ dürfte dem Leser die uns scheinbar bekannte römische Gesellschaft der Antike wieder ein wenig fremder machen. Das Leben und die Organisation einer römischen Insula, die ihren Namen nicht zu Unrecht trägt, lässt tatsächlich ein völlig anderes (auch Rechts-) Verhältnis und Verständnis zwischen Staat, Bürgern und Gesellschaft erkennen als es uns geläufig ist. Anschaulich im wahrsten Sinne des Wortes wird dies auch am „Korkmodell der Casa Del Menandro und seiner Insula“. Hier wird im gleichnamigen Aufsatz ein 3-D-Modell aus Kork im Maßstab 1: 50 präsentiert, in dem der Ausstellungsbesucher mit den Augen beliebig spazieren gehen und auch die hintersten Ecken und Winkel untersuchen kann.

Wie die Antike nach Sachsen-Anhalt kam

Dass solche Korkmodelle selbst eine lange Tradition bei den europäischen Bildungsreisenden des 18. Und 19. Jahrhunderts haben und handwerklich in der Tradition der neapolitanischen Krippenbauer stehen, ist eine Sache. Die andere ist die heutzutage schon beinahe mutig zu nennende Präsentation „altmodischer“ Modellbautechnik und der Verzicht auf  eine computeranimierte 3D-Simulation der Anlage. Der Besucher wird es den Ausstellungsmachern danken. Die Vorstellung des Korkmodells leitet schließlich in das letzte Kapitel „Mitteldeutschland und Kampanien“ über. Überraschenderweise wird der Leser im ersten Aufsatz nicht mit den deutschen Bildungsreisenden und Archäologen konfrontiert, die den direkten Zusammenhang zwischen Pompeji-Katastrophe und Deutschland herstellen könnten, sondern mitten in die Feldzüge des Drusus zur Eroberung des rechtsrheinischen Germanien katapultiert. Archäologische Funde wie beispielsweise die Beigaben des 2008 entdeckten Grabes einer reichen Germanin aus der römischen Kaiserzeit finden –neben anderen – bereits in jener Zeit unmittelbare Parallelen im Fundbestand der Vesuvstädte.

Mitteldeutschland und Kampanien, das ist aber auch die neuzeitliche Entdeckungs- Forschungs- und Rezeptionsgeschichte der antiken Vesuvstädte, die mit Namen wie Friedrich August II., Johann Joachim Winkelmann, Fürst Leopold Friedrich Franz von Anhalt-Dessau und Friedrich Wilhelm von Erdmannsdorff verbunden ist und sich unter anderem im Gartenreich von Dessau-Wörlitz niederschlägt, das in das Ausstellungskonzept mit einbezogen ist.

Pompeji, vielseitig, spannend, modern

Pompeji Nola Herculaneum. Katastrophen am Vesuv“ ist ein Buch, dessen Anschaffung sich allein wegen seiner komplexen und vielseitigen Aufarbeitung des Themas lohnt. Der Bogen, der hier von der Geologie über die Kultur- und Siedlungsgeschichte bis hin zur antiken Gesellschaft und zur neuzeitlichen Rezeption gespannt wird, ist plausibel und an keiner Stelle aufgesetzt. Das Buch bedient am Ende zahlreiche archäologische und kulturgeschichtliche Interessen und repräsentiert zudem ein modernes interdisziplinäres Geschichts- und Wissenschaftsverständnis, dass sich inzwischen in vielen großen Ausstellungskonzepten (und den jeweiligen Begleitbänden) wiederfindet. Insbesondere die geologischen Ausführungen setzen allerdings aufgrund der verwendeten Fachausdrücke gewisse Grundkenntnisse in diesem Feld voraus, mit denen sicherlich nicht jeder geschichtlich Interessierte aufwarten kann.

Harald Meller, Jens-Arne Dickmann (Hrsg.): Pompeji – Nola – Herculaneum. Katastrophen am Vesuv. Hirmer 2011. Gebunden, 392 Seiten.

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Eingeordnet unter Archäologie, Ausstellungen, Rezension

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