Amazonen, Geheimnisvolle Kriegerinnen – das Buch zur Ausstellung

Lange nach der Ausstellung „Amazonen“ im Historischen Museum Speyer wird der Begleitband als Standardwerk zum Thema an das denkwürdige Projekt erinnern.

amazonen_begleitbuchAchilles hatte seine Penthesilea, Theseus seine Antiope und Herakles die Hippolyte. Jeder der drei halbgöttlichen Helden hatte auf die eine oder andere Weise eine Amazone bezwungen, jeweils eine Königin jenes mythologischen Frauenvolkes, das vor allem in der athenischen Männergesellschaft Angst und Schrecken verbreitete. Als „männergleich“ charakterisiert Homer die Amazonen und irgendwie erscheint die Tatsache, dass sich so übermenschliche Helden wie Achilles oder Theseus ausgerechnet in „Mannweiber“ verlieben ein wenig irritierend. Aber eben diese lapidare Bezeichnung „männergleich“ weist bereits – wie der erste Essay im Buch „Amazonen, geheimnisvolle Kriegerinnen“ dem Leser eröffnet – auf die Vielschichtigkeit des Amazonenmythos hin.

Halbgötter und Amazonen

Denn „männergleich“ ist keine biologische Einordnung. Antike Amazonen sind keine hormonmanipulierten „Mannweiber“ wie sie beispielsweise aus dem sowjetischen Spitzensport bekannt sind. Amazonen sind „Vollweiber“, die mit dem Krieg die Tätigkeit ausüben, die nicht nur nach antiker Auffassung in einer zivilisierten Gesellschaft den Männern vorbehalten ist. Nicht der Krieg selbst, sondern die Ausübung durch Frauen, die Verweigerung der Amazonen, sich den Männern unterzuordnen, stellt die eigentliche Bedrohung dar.

Tatsächlich aber gab es ein Amazonenvolk nach den antiken mythologischen Vorstellungen nicht, darin ist sich die Wissenschaft weitestgehend einig. Und so widmet sich der Abschnitt „Amazonenvorstellungen der Antike“ ganz unterschiedlichen Aspekten der politisch-ideologischen Funktionen antiker Fiktionen von Amazonen. Dabei wird auch den realen Vorbildern für die Amazonendarstellungen in der Kunst nachgespürt. Nicht zuletzt erfährt der Leser auch die spannende antike Rezeptionsgeschichte, die das ursprünglich nur durch Halbgötter bezwingbare mythologische Amazonenvolk in eine zunehmend reale Dimension verfrachtet und damit in den Untergang durch Assimilation in real bestehende Reitervölker am Rande der Welt führt.

Die skythischen Reiterkriegerinnen

Die Geschichtsschreiber und Kulturschaffenden der Antike verorteten die Amazonen – sei es als eigenständiges mythologisches Volk, sei es als assimilierte Reiterkriegerin oder gezähmte Frau in bekannten Völkern – am Rande der jeweils bekannten Welt. Treibt sich das mythologische kriegerische Frauenvolk bei Homer (8. Jahrhundert vor Christus) noch in Griechenland und Kleinasien herum, so finden sich ihre Nachfahren am Ende bei den realen skythischen Reitervölkern des Schwarzmeerraumes, deren Amazonenhintergrund von Aischylos (6./5. vorchristliche Jahrhundert) bis Diodor (1. vorchristliche Jahrhundert) beschrieben wird. Bei den skythischen Reitervölkern lassen sich weibliche Kriegerinnen auch archäologisch nachweisen. Und so folgt in „Amazonen“ die ausführliche Beschäftigung mit der Kultur der Skythen und vor allem der Rolle der Frauen in der skythischen Gesellschaft ein. Hier ist man längst nicht mehr allein auf die befangenen „antiken Zeitzeugen“ angewiesen. Die Archäologie, vor allem die Ausgrabungen skythischer Hügelgräber, bilden inzwischen recht aussagekräftige und eigenständige Quellen zum Thema.

Frauen und Waffen in Europa

Das war nicht immer so, wie die Suche der Autoren nach kriegerischen Frauen im Mittelalter belegt.  Inzwischen nämlich sind auch in westeuropäischen Gräbern, wie die im Buch „Amazonen“ vorgestellten frühmittelalterlichen Holzkammergräber Niederstotzingen zeigen, mit Waffen ausgestattete Frauengräber nachgewiesen. Lange Zeit galt in der Archäologie getreu der mittelalterlichen Rollenvorstellung:  Waffenbeigaben bedeuten Männer- Schmuckbeigaben weisen auf Frauenbestattungen hin. Die anthropologischen Untersuchungen, die man sich in der Vergangenheit wegen der vermeintlich eindeutigen Sachlage oft genug sparte, belegen nun, dass auch im frühen Mittelalter das biologische Geschlecht nicht immer mit der sozialen Rolle übereinstimmen musste.

Die Amazonen der französischen Revolution

Die geschlechtsspezifische gesellschaftliche Rollenverteilung und der Versuch, diese im Rahmen revolutionärer Prozesse aufzubrechen, stellt ein weiteres, ausgesprochenen spannendes, weil meist recht unbekanntes Kapitel der Geschichte dar.. Literatur, Kunst, Politik dokumentieren die widersprüchlichen und komplexen Entwicklungen im Abschnitt  „Frauen auf dem Weg zur Macht“ über die Emanzipationsbestrebungen seit der frühen Neuzeit. Sicherlich herausragend in diesem Zusammenhang die Aufsätze „Mit Piken, Säbeln und Pistolen . . . ‘Amazonen‘ der Französischen Revolution“ und „Die ‚Amazone der Freiheit‘ – Anne Josèphe Théroigne, genannt Théroigne de Méricourt“ über die weibliche „Revolution in der Revolution“ und ihre Niederschlagung.

Lara Croft, Xenia und Alien

Die Rezeption der Amazone in der Neuzeit und Moderne ist natürlich ebenso geprägt vom gesellschaftlichen Geschlechterkampf, wie die martialischen Frauenfiguren der modernen Populärkultur in Form beispielsweise von „Wonderwoman“, Lara Croft, Xenia oder der Protagonistin in „Alien“. Bereits dieser kleine Ausschnitt aus dem im Aufsatz „Amazonen in der modernen Popkultur“ behandelten  Spektrum der Genres und Figuren zeigt, dass man in diesem Buch selten das zu lesen bekommt, was man erwartet, sondern sehr viel mehr, sehr viel Spannenderes und sehr viel zum Nachdenken.

Amazonen und die Genderforschung

Gerade die Vielseitigkeit und die historische Dimension bei der Bearbeitung des Themas „Amazonen“ helfen, mit sozialen und historischen Vorurteilen und Fehlinterpretationen beiderseits des „Geschlechtervorhangs“ aufzuräumen. Denn das Thema Amazonen ist wohl wie kaum ein anderes ein Beispiel für das was sich hinter dem – gerade wegen unserer kulturellen Befangenheit – so schwer zu verstehenden Begriff „Gender“ verbirgt. Und der gut zu lesende, schön illustrierte und hervorragend strukturierte Begleitband zur Ausstellung „Amazonen, geheimnisvolle Kriegerinnen“ ist unter anderem ein gelungenes Beispiel für das, was Ergebnis von Genderforschung sein kann.

Historisches Museum der Pfalz Speyer: Amazonen, Geheimnisvolle Kriegerinnen. Edition Minerva 2010. Gebunden, 308 Seiten.

 

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Eingeordnet unter Archäologie, Ethnologie, Rezension

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