Buchmalerei im Mittelalter, eine Ausstellung zu Berthold Furtmeyr

Mit der Kunstausstellung „Berthold Furtmeyr: Meisterwerke der Buchmalerei“ eröffnete das Historische Museum Regensburg in den Jahren 2010/11 dem Gast ein wahres Schatzkästchen.

650377_de_codDer Besucher der Ausstellung über Berthold Furtmeyrs Werk konnte im Regensburger Historischen Museum Schätze der Buchmalkunst zwischen Spätgotik und Renaissance bewundern. Der Begriff Schätze ist dabei durchaus auch wörtlich zu verstehen. Denn die ausgestellten Werke des Malers, der als Bürger Regensburgs zwischen 1470 und 1501 nachweisbar ist, sind nicht nur künstlerisch von nahezu unschätzbarem Wert. Als Person ist Furtmeyr ein nahezu unbeschriebenes Blatt. Als Künstler hat er Werke geschaffen, die in Fachkreisen geradezu legendär sind. Dazu gehört das sogenannte Heidelberger Schicksalsbuch, die „Furtmeyr-Bibel“ oder das Salzburger Missale. Furtmeyrs Bücher voller geheimnisvoller aber auch erstaunlich lebensfroher, beinahe frivoler Bilder zeichnen sich zudem durch eine gewaltige Vielfalt und Kreativität in der Ornamentik aus, die nicht nur in seiner Zeit seines Gleichen sucht.

Das Heidelberger Schicksalsbuch, ein esoterisches Kleinod

Dass die Präsentation des Heidelberger Schicksalsbuchs als Höhepunkt der Ausstellung galt, verwundert kaum. Denn das vermutlich im Auftrag von Kurfürst Philipp dem Aufrichtigen von der Pfalz und seiner Frau, Margarethe von Bayern-Landshut angefertigte Werk erstrahlt in esoterischer Pracht. Da geht es um Geomantie und Astrologie, Erkenntnisse über das Schicksal, Wahrsagetexte, Stern- und Tierkreiszeichen. Besonders geheimnisvoll das sogenannte Drehbild, eines Astrolabiums zur Bestimmung von Mondstand und Tierkreiszeichen. Überaus prächtig und Sinnenfreudig Illustriert ist aber auch das Salzburger Missale, ein fünfbändiges Messbuch, von Furtmeyr im Auftrag des Salzburger Erzbischofs Bernhard von Rohr geschaffen. Und nicht zuletzt zeichnet sich auch die sogenannte Furtmeyr-Bibel aus dem Besitz Herzog Albrechts IV. von Bayern und dessen Gemahlin Kunigunde von Österreich, durch farbenprächtige Bilder, Rankenornamente und Initialen aus.

Altdorfers Wandmalereien aus dem Bischofshof

Die Exponate, zu denen auch einzigartige Tafelwerke und Wandbilder sowie Werke der Buchmalerei und Drucke zeitgenössischer Kollegen gehören, wurden im Rahmen eines adäquaten und gut durchdachten Ausstellungsdesigns präsentiert. Vier in die Ausstellungsfläche integrierte Zentren in Form von sogenannten Buchkreuzen präsentierten die einzelnen Buchgattungen des Regensburger Malers, umgeben von den zeitgenössischen „Vergleichswerken“, zu denen einzigartige Wandmalereien Albrecht Altdorfers aus dem Bischofshof (ca. 1535) und der Reformationsaltar von Michael Ostendorfer gehörten. Rund 120 Exponate vermittelten dem Ausstellungsbesucher den ganzen Reichtum der visuellen Kultur der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts und die religiöse und profane Bilderwelt nach 1500.

Spätmittelalter und Renaissance in Regensburg

Aber es war nicht der zweifelsfreie Augenschmaus, der das Regensburger „Furtmeyr-Projekt“ zu etwas Besonderem und vor allem zu mehr als nur einer Kunstausstellung machte. Auch die Tatsache, dass hier erstmals ein Großteil des Gesamtwerkes eines der seinerzeit bedeutendsten Buchmalers für nur kurze Zeit (gerade einmal zweieinhalb Monate) vereint werden konnte, machte für sich noch nicht die Bedeutung der Ausstellung aus. Es ist das inhaltliche Gesamtkonzept, das die Regensburger Präsentation auch für Menschen, die nicht gerade zu Stammbesuchern von Kunstgalerien gehören, außerordentlich interessant machte. Da ging es dem veranstaltenden Kulturreferat der Stadt Regensburg in Kooperation mit dem Lehrstuhl für Kunstgeschichte der Universität Regensburg nicht nur um die lokalpatriotische Erinnerung an einen bedeutenden Bürger ihrer Stadt. Die Veranstalter befassten sich sowohl im Rahmen der Ausstellung als auch dem angegliederten zweiteiligen internationalen Symposien und einer öffentlichen Vortragsreihe mit spannenden kulturgeschichtlichen Fragen unter dem Generalthema „Spätmittelalter und Renaissance in Regensburg – Bertold Furtmeyr und seine Zeit.

Vorträge um Furtmeyr, Kunst und Kultur

Dass es dabei nicht nur um Regensburg, einem damals herausragenden künstlerischen Zentrum der europäischen Buchmalerei ging, zeigten die einzelnen Vortragsthemen. „Zum Selbstverständnis eines spätmittelalterlichen Buchmalers“, „Ars nova oder Renaissance der Antike: Flandern und Florenz im Wettbewerb“, „Mediengeschichtliche Sollbruchstellen: Textproduktion und Textillustration in Regensburg an der Schwelle zur Neuzeit“, „Buchillustration der frühen Dürerzeit“ oder „Ritter, Krieg und schöne Frauen“ beleuchteten nur einige der Aspekte, über die die prachtvollen Illustrationen bei kompetenter Betrachtung beziehungsweise Interpretation Auskunft geben können.

Furtmeyr und die Sprache der Bilder

Dass die Ausstellung „Berthold Furtmeyr: Meisterwerke der Buchmalerei“ nur für so kurze Zeit zu sehen war und in dieser Form wohl kaum noch einmal präsentiert werden wird, machte sie neben den anderen angesprochenen Fakten zweifellos zu einem Geheimtipp. Vor diesem Hintergrund ist der angemessen prächtig ausgestattete Begleitband zur Ausstellung eine wunderbare Ergänzung. Nicht nur, weil er auf 544 Seiten über 700 Abbildungen – und damit weit mehr als die Ausstellung selbst – beinhaltet, sondern weil ein Team von 30 AutorInnen dem Leser die Bilderwelten Furtmeyrs erschließt und in die kunsthistorischen, historischen, stadt-, sozial- und theologiegeschichtlichen Aspekte des Themas einführt. Mit diesem weit über die reine Kunstbetrachtung hinausgehenden Ansatz wird deutlich, dass Kunst in einer Zeit, in der der größte Teil der Bevölkerung nicht des Lesens mächtig war, auch die Rolle der heutigen Informationsmedien innehatte. Damit ist das Verständnis der künstlerischen Bildersprache jener Zeit gleichzeitig der Schlüssel zur Gedanken-, Lebens- und Wertewelt unserer Vorfahren.

 

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