Lawrence von Arabien Rezension des Begleitbandes zur Ausstellung

Die Ausstellung Lawrence von Arabien“, die 2010 im Landesmuseum Natur und Mensch Oldenburg präsentiert wurde, hatte weit mehr zum Inhalt, als die Biografie des legendären Geheimagenten.

4243_Lawrence von Arabien.jpg.12045Seit einigen Jahren beschäftigten sich die Sonderausstellungen im Landesmuseum Natur und Mensch Oldenburg mit der Begegnungsgeschichte des Vorderen Orients und Europas. Die Ausstellung „Lawrence von Arabien – Genese eines Mythos“ war da keine Ausnahme, sondern vielmehr die letzte dieser Reihe, die mit „Saladin und die Kreuzfahrer“ begann und mit Lawrence nun in die Gegenwart hineingreift.

T.E. Lawrence, Burgenforscher, Archäologe, Militär und Fotograf

Den geheimnisvollen T.E. Lawrence als Protagonisten der – wie immer – auch politischen Ausstellung zu wählen, ist nicht nur aus Marketinggesichtspunkten eine hervorragende Entscheidung. Denn während die meisten Menschen den britischen Archäologen und Geheimagenten vor allem als idealistischen Kämpfer für die arabische Sache kennen, verkörpert er in seiner komplexen Persönlichkeit in idealer Weise die Epoche, in der die vielschichtigen Konflikte des heutigen Nahen Ostens entstanden sind.

Das wird bereits bei der Biografie des Lawrence deutlich, die den Anfang des Begleitbandes zur Ausstellung bildet. Hier erfährt der Leser viel über Geist, Wertvorstellungen, Weltordnung und Konventionen der Epoche, die den hochbegabten Thomas Edward geprägt hatte. Interessanterweise stellt die arabische Revolution – ein Ergebnis des Verfalls des osmanischen Reiches in Zusammenhang mit den kolonialen Bestrebungen der westlichen Großmächte in dieser Region – nur einen verhältnismäßig kleinen Ausschnitt des Wirkens von T.E. Lawrence dar. Als Burgenforscher, Archäologe, Buchautor und Technikfreak hatte er seiner Zeit ebenso von sich Reden gemacht wie beispielsweise als Fotograf.

Der Orient in den Bildern des 19. Jahrhunderts

Und so ist das Kapitel „Bilder des Orients“ ein gelungener erster Übergang von der Person des Lawrence zu den bildhaft festgehaltenen Vorstellungen, die sich die Europäer vom Orient und der Welt machten. Tatsächlich, so erfährt der Leser sind viele der „authentischen Fotos“ aus der großen weiten Welt in speziellen Studios entstanden, in denen echte vor Ort Fotografien mit Studiokulissen zusammenmontiert wurden. Dieses Kapitel eröffnet nicht nur erstaunliche Einblicke in die Fototechnik des 19. Jahrhunderts, sondern auch in das Entstehen einer Medienindustrie, die erheblich zum Mythos Lawrence beigetragen hatte. Es ist aber nicht Lawrence allein, der  – im Gegensatz zu vielen seiner Kollegen, die auf allen Seiten des Krieges ähnliches geleistet hatten – zum internationalen Mythos stilisiert wurde. Das Buch beschreibt auch sehr anschaulich die Entstehung diverser politischer, kultureller und historischer Mythen, die noch heute sowohl das Verhältnis zwischen den Staaten und Völkern des Nahen Ostens als auch zwischen dem Westen und dem Orient bestimmen.

T.E. Lawrence, Verräter der arabischen Welt?

Wie wahrscheinlich in der Wirklichkeit auch, spielt Lawrence in den historischen Kapiteln über den „Eisenbahnimperialismus“, den zionistischen und palästinensischen Nationalismus, oder die Entstehungsgeschichte der Arabischen Revolte nur eine untergeordnete Rolle. Zwar dient seine Person immer wieder dazu, auf bestimmte Aspekte hinzuführen, die Ereignisse in die er involviert war, hatten jedoch wesentlich mehr Bedeutung für sein Leben als für den Verlauf des Krieges oder der Geschichte. Und während der Mythos Lawrence bei uns bis in die heutige Zeit wirkt, wie die Erfolge beispielsweise eines „Indianer Jones“ zeigen, ist er in der arabischen Welt durchaus umstritten. Bislang  jedoch sind die Stimmen aus der arabischen Welt aufgrund der westlichen Nabelschau kaum zur Kenntnis genommen worden. Und wie bei den sehr sorgfältig erarbeiteten Projekten der Sonderausstellungreihe unter der „Regie“ des Museumsdirektors Prof. Dr. Mamoun Fansa,  nicht anders zu erwarten, widmet sich das Buch auch diesem Thema.

Lawrence von Arabien in Film, Comics und Dokumentation

Wer sich fragt, wie man eine solche Ausstellung, die sich überwiegend auf Bildmaterial stützen muss, optisch ansprechend gestalten kann, der möge nicht nur die Kapitel „Die Sieben Säulen der Weisheit“ und „T.E. Lawrence und Eric Kennington“ über Lawrences künstlerisch-literarische Leidenschaft lesen, sondern auch den angehängten Bildkatalog genießen. Dokumentarische Fotografien aus Lawrences Leben finden sich hier ebenso wie prächtige Filmplakate, Abbildungen aus „Die sieben Säulen der Weisheit“, Filmstreifen, Stand- und Szenenfotos oder Comics. Die Bilder des Orients als Photochromes, ethnografische Studien, natürlich die in der damaligen Fachwelt viel beachteten Fotos, die Lawrence als Burgenforscher geschossen hatte und nicht zuletzt die Publikationen des amerikanischen Journalisten Lowell Thomas, der mit seinen Berichten und Shows über „Lawrence in Arabien“ den Grundstein für den Lawrence-Hype in der westlichen Welt legte.

Mythos T.E. Lawrence

„Lawrence von Arabien“ versucht auch, ein Bild des Menschen hinter dem Mythos zu vermitteln, ist bemüht, die historischen Realitäten jener Zeit zu rekonstruieren und der Genesis des Lawrence-Mythos bis in unsere Zeit auf die Spur zu kommen. Das Vorhaben darf nach der Lektüre des Begleitbandes als gelungen bezeichnet werden. Vor allem deshalb, weil trotz aller „Enthüllungen“, und Richtigstellungen die Faszination des Menschen, seines Mythos, in ganz positivem Sinne ungebrochen bleibt. Tatsächlich wurde das Kunststück vollbracht, den Mythos T.E. Lawrence weder zu zerstören, noch voran zu treiben – so wie es auch erklärte Absicht der Ausstellungsmacher war.

Mamoun Fansa, Detlef Hoffmann (Hrsg.): Lawrence von Arabien, Genese eines Mythos. Philipp von Zabern 2010. Gebunden, 472 Seiten.

 

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Eingeordnet unter 20. Jahrhundert, Archäologie, Ausstellungen, Ethnologie, Rezension

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