„Amazonen“ eine Ausstellung über die geheimnisvollen Kriegerinnen

Mit „Amazonen“ hatte das historische Museum der Pfalz Speyer 2010/11 eine bemerkenswerte Sonderausstellung über die sagenhaften Kriegerinnen auf die Beine gestellt.

amazonen_begleitbuchDer Begriff Amazonen steht noch heute für Außergewöhnliches. Amazonen: das sind nicht nur die mythologischen kriegerischen Frauen, die die männerdominierten Gesellschaften der Antike das Fürchten lehrten und für deren Zähmung die mächtigsten Halbgötter aufgeboten werden mussten. Mit der Ausstellung, die 2010/11 im historischen Museum der Pfalz Speyer zu sehen war, haben die Macher ebenfalls etwas Außergewöhnliches auf die Beine gestellt. Dabei ging es nicht nur um die antiken Mythen, sondern um eine breite interdisziplinäre kulturhistorische Aufarbeitung des Themas, die im Rahmen der Ausstellung und des eindrucksvollen Begleitbandes nicht nur die Resultate jüngster archäologischer Feldforschungen, sondern auch Ergebnisse aktueller geschlechter- und sozialgeschichtlicher Forschung (Gender) recht spektakulär präsentiert.

Skythische Kriegerinnen aus dem Eis

Mit spektakulär ist dabei nicht nur die mediale und formale Präsentation gemeint. Spektakulär sind vor allem eine Reihe von Exponaten, die bislang außerhalb Russlands und der Ukraine noch nie zu sehen waren. Es sind die sogenannten Amazonengräber, die in den letzten Jahrzehnten ausgegraben wurden und belegen, dass die kämpfenden Frauen der antiken Geschichtsschreiber keine reine Fiktion gewesen waren. Am Bekanntesten dürfte hier die skythische Reiterkriegerin aus der sogenannten Pazyryk- Kultur sein, die durch den Dauerfrost im Hochland des Altai-Gebirges ebenso wie einige ihrer männlichen Kollegen konserviert worden ist. Auch aus diesem Grab haben Exponate ihren Weg in die Ausstellung „Amazonen“ gefunden, die zudem auch die am Museum vorgenommene Gesichtsrekonstruktion der jungen Kriegerin medial präsentiert. Weltweit erstmals wurden im Rahmen dieser Ausstellung übrigens die Funde aus dem 1927 entdeckten Kriegerinnen-Grab im kaukasischen Semo-Awtschala der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Amazonen als antiker Männerschreck

„Wir schießen mit Pfeilen und Speeren und leben auf dem Pferd; Frauenarbeit haben wir nicht gelernt. Eure Frauen hingegen tun nichts von dem, was wir aufzählten, sondern leisten Frauenarbeit, bleiben auf den Wagen, gehen weder auf Jagd noch anderswohin. Wir werden uns also wohl kaum mit ihnen vertragen.“ Diese fiktive Selbstbeschreibung der Amazonen aus der Feder des um 485 vor Christus geborenen Geschichtsschreibers Herodot dokumentiert, was das mythische Volk der Amazonen in der Antike war: ein gesellschaftlicher Gegenentwurf zur heilen griechischen Männerwelt, in der die Frauen ohne öffentliche Teilhabe an Haus und Herd gefesselt waren. Und trotzdem, so zeigte die Ausstellung, spielten die Amazonen auch als gesellschaftstragende Komponente in Form von Städtegründerinnnen und Stifterinnen von Heiligtümern. Unter anderem Reliefs und Skulpturen veranschaulichen diese Epoche, innerhalb derer das Amazonenbild bereits einige Veränderungen erfahren hatte. Als Herausragendes Exemplar zu diesem Themenkreis verweisen die Ausstellungsmacher auf eine rotfigurige Halsamphora mit einer Darstellung von Herakles im Kampf gegen die Amazonen.

Jeanne D´Arc, Judith und Lucretia.

Beim Eintauchen in die Ausstellung wurden die Komplexität und die politisch-soziale Dimension des Phänomens, das weit über den reinen Geschlechterkampf hinausgeht, deutlich. So stellen die „starken Frauen“ im ausgehenden Mittelalter eine weitergehende Rezeption der Amazonen dar, für die Jeanne D´ Arc, die alttestamentarische Judith oder die römische Lucretia beispielhaft stehen. Im 19. Und 20. Jahrhundert entstanden schließlich  – auch vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Umbrüche und daraus resultierender romantischer Strömungen – den Amazonen gewidmete Gemälde und Skulpturen namhafter Künstler. Genannt seien hier Anselm Feuerbach, Max Slevogt und Tischbein, August Karl Eduard Kiss oder Franz von Stuck. Von letzterem stammt die faszinierende Skulptur, die nicht nur ein Highlight dieses Ausstellungsteiles war, sondern als Logo des gesamten Ausstellungsprojektes auch das Cover des Begleitbandes ziert.

Amazonen: internationale Tagung und Vorträge

Spektakulär war die Ausstellung nicht nur für ein breites Publikum, sondern auch für die Wissenschaft. Zahlreiche internationale Kontakte hatten die Speyerer zu anderen Museen und Instituten geknüpft, um ihr interdisziplinäres und ambitioniertes Ausstellungsprojekt auf die Beine zu stellen. Dies hat nicht nur zu den teilweise außergewöhnlichen Exponaten, sondern auch zur Durchführung einer wissenschaftlichen Tagung geführt, in deren Rahmen vom 14. Bis 16. Januar 2011 eine aktuelle wissenschaftliche Amazonendiskussion initiiert wurde. Dass die Ausstellung unter anderem von thematisch sehr interessanten Vorträgen begleitet wurde, versteht sich von selbst. Genannt werden sollen hier nur „Amazonen in der neuen Welt“, „Die Amazonen von Dahomey – Von der königlichen Elitetruppe zur europäischen Jahrmarktsattraktion“ oder „Zwischen Männerphantasien und Emanzipation – Amazonen in der modernen Populärkultur.“

Amazonenausstellung, ein Erlebnis für alle Sinne

Die Ausstellung, die auch interaktive Medien, Filme und „Tutorials“ zu verschiedenen Themen in die Landschaft aus Exponaten integrierte, präsentierte sich atmosphärisch außerordentlich dicht. Auge Herz und Verstand – ohnehin jene Sinne, die beim Thema Amazonen, das sich bis heute meist zwischen den Polen von Kampf und Erotik bewegt, angesprochen werden – kamen hier voll auf ihre Kosten. Mit dieser Ausstellung ist den Wissenschaftlern des historischen Museums der Pfalz durchaus etwas Einzigartiges gelungen. Denn in dieser Form wird sie nach ihrem Ende nicht wieder zu sehen sein. Was nun bleibt, ist der aufwändige Begleitband, der wohl bereits jetzt als Standardwerk zum Thema „Amazonen“ gelten darf.

 

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Eingeordnet unter Archäologie, Ausstellungen, Ethnologie

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