Wo bis heute das Herz des Kaisers schlägt….

OTTO der Große  und sein Schicksalsort      Kloster Memleben
(CAB Artis) Wer war der Unbekannte, der dem Kaiser das Herz aus dem Leibe schnitt, den Verstorbenen nach den Regeln der ärztlichen Kunst des Mittelalters zurecht machte für den Transport ins mehrere Tagesritte entfernte Magdeburg? Es war in diesen warmen Maitagen des Jahres 973 eine Notwendigkeit, den Leichnam Ottos I. durch Entnahme der Eingeweide für die komplexen Trauerzeremonien zu präparieren. Zumal die Überführung von der Kaiserpfalz in Memleben nach Magdeburg in den romanischen Dom, aufgrund der erforderlichen Gebetsvorschriften für die zahlreichen Begleiter, rund 30 Tage in Anspruch nahm.
Magdeburg, die heutige Hauptstadt Sachsen-Anhalts, war zweifellos die Lieblingsresidenz des Kaisers, der als Urheber des Heiligen Römischen Reiches in die Geschichtsbücher eingegangen ist, aus dem sich über die Jahrhunderte eine deutsche Nation herauskristallisierte. Dafür sprechen allein 23 beurkundete Aufenthalte in 37 Regierungsjahren im „Rom jenseits der Alpen“. Doch das Herz des großen Otto ruht wohl nicht allein aus pragmatischen Gründen in Memleben, einer 650-Einwohner-Gemeinde im Süden des heutigen Sachsen-Anhalt und nicht in Magdeburg. Einerseits banden den Kaiser Kindheitserinnerungen ans schöne und wilde Unstruttal: Mit seinem Vater Heinrich, dessen Gefolgschaft und dem älteren Bruder war Otto hier bereits als Siebenjähriger mit auf die Jagd gegangen. Auf der Pirsch nach Fasanen, Rebhühnern, Hirschen und anderem Wild trainierte man die für die späteren Kämpfe notwendige Geschicklichkeit und Risikobereitschaft. Nach „Mimileba“, „Himenleve“ oder „Imilebe“ wie Memleben in den mittelalterlichen Chroniken genannt wird, hat der ottonische Familienclan sich wiederholt zurückgezogen, um auszuspannen, hier war die Welt noch in Ordnung – bevor es später zwischen Otto und zweien seiner drei Brüder zu mörderischen Konflikten kam.
Memleben war ebenso der Ort, den der Vater, König Heinrich, mit der gesamten Familie nach seinem Schlaganfall ansteuerte, nachdem er die dringendsten Staatsangelegenheiten, vor allem seine Nachfolge betreffend, im nahegelegenen Erfurt geregelt hatte. Heinrich I. starb 37 Jahre vor seinem Sohn ebenfalls in Memleben. Gleichzeitig mit dem väterlichen Segen dürfte Otto aus der Hand des Sterbenden die königliche Würde empfangen haben. Ein Moment, der sich dem damals 23-Jährigen tief eingeprägt haben muss, von dem bekannt ist, dass er zeitlebens vor schwerwiegenden Entscheidungen am Quedlinburger Grab des Vaters nach Klarheit suchte. Zufall also, dass es Otto I., der während seiner Amtszeit rund 120.000 Kilometer im Sattel zurücklegte, in jenen Maitagen 973 nach der Rückkehr aus Italien ausgerechnet an den Sterbeort des Vaters gezogen hat?  Dass die beiden großen, aufeinanderfolgenden sächsischen Herrscherfiguren, König und Kaiser, Vater und Sohn hier gestorben sind, umgibt Memleben mit einer geheimnisvollen Aura, der sich selbst der heutige Besucher kaum entziehen kann.
Wieviel mehr erst mag dieser Ort den Menschen vor mehr als tausend Jahren bedeutet haben? Bereits bei den Ägyptern, Etruskern, Griechen, Römern war es üblich das Herz eines Herrschers als Ausdruck der Verbundenheit des Verstorbenen mit einer besonderen Stätte ebendort zu bestatten. Nach einem noch in der Antike verwurzelten Verständnis war das Herz des Menschen zugleich der Sitz seiner Seele. Um sein Seelenheil hatte sich auch der größte weltliche Herrscher nach damals herrschender christlicher Auffassung zu bekümmern, sowohl zu seinen Lebzeiten und als auch nach seinem Tode – zum Beispiel, indem er möglichst viele Familienangehörige (zuständig waren hier vor allem die Frauen), Gefolgsleute, Mönche, Nonnen etc. für sich beten ließ. Zweifellos war Memleben – neben Magdeburg – ein zentraler Ort solcher „memoria“.
War die bis heute begehbare, großartige Krypta in Memleben aus dem 13. Jahrhundert ursprünglich als Ort der Verehrung des kaiserlichen Herzens vorgesehen? Ansonsten ist ihre räumliche Dimension kaum erklärlich. Bis heute geben die archäologisch gesicherten baulichen Überreste in Memleben den Wissenschaftlern Rätsel auf. „In der auf Ottos Tod folgenden Nacht wurden seine Eingeweide in der St.-Marien-Kirche zu Memleben beigesetzt,“ berichtet der Chronist und Erzbischof Thietmar von Merseburg 40 Jahre nach Ottos Tod. Wo genau dieser Kirchenbau gestanden hat, weiß man bis heute nicht genau.
Ebensowenig ist überliefert, wer die Sektion vornahm und ob Otto die Bestattung seines Herzens an Ort und Stelle womöglich noch selbst anordnete. Vermutlich war es ein dem Herrscher nahe stehender Geistlicher, ein Mönch, der mit der heiklen Aufgabe betraut war, dem verstorbenen Kaiser mit einem Längsschnitt zunächst den Brustkorb und dann den Bauchraum zu öffnen, um die rund sieben Kilo schweren Innereien zu entnehmen. Zum Einsatz gekommen ist wahrscheinlich ein Skalpell, wie es bis heute im hessischen Kloster Lorsch aufbewahrt und 2012 in Memleben im Rahmen der Sonderausstellung gezeigt wird. Das bereits aus karolingischer Zeit bezeugte Kloster in Süddeutschland ist ebenfalls ein Ort, der mit der ottonischen Familiengeschichte eng verknüpft ist. In den schwierigen Anfangsjahren, in denen der junge König Otto Mühe hatte, seine Herrschaft zu konsolidieren, ließ er während der Belagerung der Burg Breisach (im heutigen Baden-Württemberg) seine junge Frau Editha/Edgith im Kloster Lorsch zurück. Die militärische Situation erschien aussichtslos, die meisten Verbündeten hatten den jungen Herrscher bereits aufgegeben. Ein um Beistand angefragter Graf sagte Unterstützung zu, unter der Bedingung, mit seinen Mannen ausgerechnet im Kloster Lorsch Quartier nehmen zu dürfen. Eine gegen die Ehre des Königspaares gerichtete Provokation, die Otto postwendend mit einem Bibelspruch beantwortet haben soll: „Ihr sollt das Heilige nicht den Hunden geben und eure Perlen sollt ihr nicht vor die Säue werfen.“  Wie so oft in prekären Situationen wuchs Otto I. über sich hinaus, die Umstände entwickelten sich für ihn günstig, er konnte das Blatt wenden und ging als Sieger aus der Auseinandersetzung hervor.
Teilbestattungen werden später zur Zeit der Kreuzzüge gängige Praxis. 1299 versucht der Papst den beliebten Kult der Hochadligen zu verbieten. Vergeblich. 1311 wiederum legt das Konzil von Vienne fest, dass laut Kirche die Seele des Menschen nicht allein im Herzen, sondern im gesamten menschlichen Körper beheimatet sei. Diese Entscheidung unbeachtend erreichte die Herzbestattungswelle in Europa erst im 16. und 17. Jahrhundert ihren Höhepunkt. Die Dynastie der Habsburger entwickelt ein besonders differenziertes Ritual: Für Herz, sonstige Eingeweide und den Leichnam  ihrer Angehörigen sind jeweils drei getrennte Bestattungsorte vorgesehen. Die Herzen der Habsburger finden über viele Generationen ihre letzte Ruhe im „Herzgrüfterl“ in der Wiener Augustinerkirche. Die letzte Herzbestattung im Hause Habsburg liegt erst wenige Monate zurück: Otto von Habsburg-Lothringen lässt Mitte 2011 sein Herz in einem von ihm geschätzten ungarischen Kloster bestatten. Getrennt vom übrigen Körper ruhen auch die Herzen so unterschiedlicher Persönlichkeiten wie Richard Löwenherz, Maria-Theresia, Napoleon Bonaparte, Dante Alighieri, Frédéric Chopin.
Neben dem Herzen  war für die Menschen im Mittelalter insbesondere die Unversehrtheit der Knochen entscheidend, denn diese war für die Auferstehung am Jüngsten Tag unerlässlich. Aus diesem Grund verwandte man darauf allerlei Mühen und richtete später, als der Platz auf den Kirchhöfen knapp wurde, für die Aufbewahrung sogenannte Beinhäuser ein.
Memoria und Seelenheil sind Thema einer Sonderausstellung in Memleben: Wenn der Kaiser stirbt … – Der Herrschertod im Mittelalter. Die ehemalige Kaiserpfalz ist Korrespondenzort der Landesausstellung Sachsen-Anhalt 2012 im Kulturhistorischen Museum Magdeburg „Otto der Große und das Römische Reich, Kaisertum von der Antike zum Mittelalter“.
Informationen und Kontakt zu Kloster Memleben,  www.kloster-memleben.de 
Text und Fotos ©  2012 by CAB Artis  www.cab-artis.de
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Eingeordnet unter 3 Mittelalter, Ausstellungen

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