Schädelkult – Das Begleitbuch zur Ausstellung

Mit „Kopf und Schädel in der Kulturgeschichte des Menschen“ befasst sich der Begleitband zur Ausstellung „Schädelkult“ der Reiss-Engelhorn-Museen mit einem unerwartet vielseitigen und vielschichtigen Thema.

6927_131Warum Schädel? Oder besser, warum hat der Kopf einen so zentralen kulturgeschichtlichen Stellenwert? Das ist die Frage, mit der sich der erste Aufsatz dem Thema Schädelkult aus abendländischer Sicht nähert. Die Darstellung der antiken und mittelalterlichen Debatte nach dem Wohnsitz der Seele reißt das Thema von Buch und Ausstellung zunächst aus philosophischer Sicht an. Eine Erklärung für den weltweiten Schädelkult unterschiedlichster Ausprägung, der zeitlich zudem bis in die Vorgeschichte zurückreicht liefert sie naturgemäß noch nicht.

Menschenfresser und Ritualmörder?

Tatsächlich ist das Buch vor allem beim Abschnitt zur Vor- und Frühgeschichte eher ein Herantasten an das Phänomen Kopf- oder Schädelkult, das – nach einer Einführung in die Anatomie – den Umgang mit dem Kopf von der Alt- und Mittelsteinzeit bis in die Spätantike verfolgt. Es kennzeichnet den seriösen Umgang mit dem Thema, dass auf voreilige, scheinbar naheliegende oder gefällige Interpretationen von archäologischen oder literarischen Quellen verzichtet wird. Im Gegenteil, viele selbst in jüngerer Zeit als eindeutige Zeichen für Kannibalismus in der Steinzeit interpretierte Merkmale und Spuren an Schädeln und Knochen, werden bereits im ersten Essay dieses Abschnitts teilweise relativiert, teilweise entkräftet. Und diese Erkenntnis, dass sich Praktiken oder gar Denkweisen aus Zeiten und Kulturen, zu denen wir keinen direkten Zugang mehr haben, heute nicht mehr eindeutig nachvollziehen lassen, zieht sich durch das ganze Buch. Beispielhaft mögen für diesen Aspekt folgende Zitate aus dem Aufsatz  von Joachim Wahl „. . . um Kopf und Kragen“ gelten: „Die Möglichkeiten von Fehlinterpretationen sind vielfältig und bis in die jüngste Literatur zu finden“ und „Abgesehen von verschiedenartigen Entstehungsmechanismen für solche Spuren, muss die Frage, ob das Fleisch, Hirn oder Knochenmark des Toten auch tatsächlich verspeist wurde, durchweg offen bleiben.“

Schrumpfköpfe, Skalpjäger und Kopftrophäen

Allein der Aspekt des Kannibalismus zeigt, wie spannend das Thema sein kann. Mindestens genauso spannend ist, dass es den Autoren gelingt, beim Leser ohne jede Effekthascherei die Faszination für das Thema zu wecken. Und immerhin geht es neben rituellen und medizinischen Schädelöffnungen, gezielten Schädeldeformationen am lebenden Menschen oder natürlich die Kopftrophäen der Kelten oder Skythen auch um Schädel bei Bestattungsriten, Schädelmasken und vieles andere mehr, um Stoff, der sich für populäre Effekthascherei geradezu aufdrängen würde.

Mit dem Gang durch die Weltkulturen schlagen die Wissenschaftler ein neues Kapitel der Auseinandersetzung mit dem Schädelkult auf. Denn nun gibt es neben Artefakten nicht immer leicht zu interpretierender Ikonografie und zeitgenössischen Literaturquellen auch persönlich identifizierbare Zeitzeugen, Reiseberichte,  – natürlich auch subjektiv eingefärbte – Beobachtungen und nicht zuletzt veritable Nachkommen beispielsweise kopfjagender Kulturen, deren Väter- und Großvätergenerationen noch aktiv und selbstverständlich Schädelkulte – von der Kopf- oder Skalpjagd bis zu Ahnenverehrung und Kopfdeformationen – praktiziert haben.

Da trifft der Leser dann auch wagemutige Forscher der letzten beiden Jahrhunderte, die sich zu den seinerzeit noch unerforschten Kopfjägerkulturen, sei es auf Borneo, Neuguinea oder anderen ozeanischen Inseln begeben hatten um sich aus erster Hand ein Bild von den Ritualen der vermeintlich blutrünstigen und grausamen Wilden zu machen.

Kopfjagd, vom Ritual zur Warenproduktion

Keine Frage, Kopfjagd zum Gewinnen von Trophäen, das Töten eines Feindes als Grundlage sozialer Anerkennung und viele andere, den christlichen Missionaren und europäischen Forschern und natürlich auch uns heute geradezu bestialisch erscheinende Rituale waren Teil der Sozialstrukturen afrikanischer, asiatischer, ozeanischer, nord-, mittel- und südamerikanischer Kulturen. Wunderbar sachlich und überzeugend aber arbeiten die Autoren heraus, dass es sich bei den mal mehr, mal weniger, mal überhaupt nicht  mörderischen Schädelkulten eben nicht um sinnloses anarchisches Morden wilder Menschenhorden, sondern vielmehr – wie der Begriff Kult bereits verrät – um extrem reglementierte, weltanschaulich legitimierte und sozial kontrollierte Rituale handelte. Wirklich blutrünstig und am Ende destruktiv wurde es vor allem, als beispielsweise durch die Ankunft der Europäer oder andere einschneidende Ereignisse, die sozialen Strukturen und Grundlagen begannen, ihre Bedeutung zu verlieren und außer Kontrolle zu geraten. So geschehen bei der gewaltigen Schrumpfkopf  und Schädelnachfrage durch europäische Forscher und Sammler, oder die „Kopfprämien“ der Regierung im amerikanischen Westen.

Schädel über Schädel, Kopfkulte im christlichen Abendland

Und während die europäischen Forschungsreisenden teilweise mit Abscheu die Ergebnisse der ritualisierten ozeanischen Kopfjagd oder die Massen von „Opferschädeln“ der mittel- und südamerikanischen Kulturen betrachteten, rollten in Frankreich massenweise die Köpfe unter der Guillotine. Tatsächlich erscheint es auf dem ersten Blick überraschend, dass auch das mittelalterliche und das aufgeklärte neuzeitliche Europa in einem Buch über Schädelkult mit gleich mehreren Aufsätzen vertreten ist. Nein, da geht es nicht nur um die spektakulären Lehr- und Forschungssammlungen, auch wenn es die Wiederentdeckung der Schädelsammlung des Künstlers und Darwinisten Gabriel von Max (1840-1915) im Jahre 2008 war, die den Anlass für die spektakuläre Ausstellung „Schädelkult“ gegeben hat. Zerstoßener Schädel als Medizin, Schädelhalden in Gruften und Beinhäusern und nicht zuletzt die christlichen Reliquien zeigen, dass unser zivilisiertes Abendland vom Kopf- und Schädelkult wenigstens so stark geprägt ist, wie die diesbezüglich als so exotisch betrachteten außereuropäischen Kulturen. Und so richtig gruselig wird es spätestens bei der für Rassenideologische Zwecke missbrauchten wissenschaftlichen Schädelkunde, deren Anfänge aber auch Auswüchse beispielsweise in dem Aufsatz zu Dr. Franz Josef Gall oder unter der Überschrift „Große Köpfe ohne Schädel“ dargestellt werden.

Schädelkult, eine neues Standardwerk

Natürlich darf in einem Buch der Reiss-Engelhorn-Museen – auch Kompetenzzentrum des internationalen Mumienforschungsprojektes – die technisch-naturwissenschaftliche Seite nicht fehlen. Und so erfährt der Leser auch etwas über Gesichtsrekonstruktionen, Hirnforschung und beispielsweise im Rahmen der Vorstellung der Sammlung des Gabriel von Max eine Gegenüberstellung von historischen Hintergründen und den Ergebnissen moderner Untersuchungsmethoden an sechs ausgewählten Schädeln.

Ohne  eine Betrachtung des Ausstellungsthemas unter zeitgenössischen und künstlerischen Aspekten gehen Ausstellungen heutzutage gar nicht mehr. Also kann der Leser in Schädelkult am Ende auch über „Gefahrensymbol, Kultobjekt und Modeaccessoire – Zum Bedeutungswandel des Totenkopfsymbols in der westlichen Alltagskultur“ lesen. Trotz zwangsläufig überschaubaren Umfangs durchaus informativ und lesenswert.

Keine Frage, das Buch „Schädelkult“ lohnt sich. Es dürfte derzeit, ähnlich wie „Mumien – der Traum vom ewigen Leben“ – ebenfalls ein Begleitbuch zu einer spektakulären Ausstellung der Reiss-Engelhorn-Museen – als aktuellstes und umfassendstes Überblickswerk zu einem Thema gewertet werden, das sich – auch das wird im Buch deutlich – durch einen noch großen Forschungsbedarf auszeichnet.

Die Ausstellung „Schädelkult“  läuft vom 02.10.2011 bis zum 29.04.2012 in den Reiss-Engelhorn-Museen Mannheim

Alfried Wieczorek, Wilfried Rosendahl (Hrsg): Schädelkult. Kopf und Schädel in der Kulturgeschichte des Menschen. Schnell&Steiner 2011. Gebunden mit Schutzumschlag, 388 Seiten.

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Eingeordnet unter Archäologie, Ausstellungen, Ethnologie, Rezension

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