Die Geburt der europäischen Stadt – von Vittorio Franchetti Pardo

Auf einer Reise durch 10.000 Jahre Siedlungsgeschichte schildert Pardo die Entstehung und Entwicklung der Stadt als komplexen Ausdruck menschlicher Kultur. „Die Geburt der europäischen Stadt“ ist wesentlich mehr als ein schön illustriertes Buch, das den Leser, ausgehend vom Athen des antiken Griechenland über Rom durch das finstere Mittelalter zur Architektur der europäischen Handelsmetropolen führt.

4251_europaeische_stadt.tif.12159Für den Experten für Architekturgeschichte und Urbanistik ist die Stadt nicht einfach eine zentrale in Architektur gegossene multifunktionale Siedlungsform. Vielmehr ist die Stadt eine von mehreren Siedlungsformen, die die Besonderheiten der jeweiligen Kultur und ihrer Entwicklungen zum Ausdruck bringt. Dabei definiert Pardo Kultur weniger als architektonisch-künstlerische Formensprache, sondern als politisch-gesellschaftlich-ökonomisch-technische Organisation, die sich in ganz unterschiedlichen Formen urbaner und nicht urbaner Siedlungsstrukturen ausdrückt und entwickelt.

Die Urbane Welt von der Frühgeschichte bis zum Hochmittelalter

Die aufmerksame Lektüre der Einleitung empfiehlt sich sehr. Denn hier wird nicht nur ein Überblick über den inhaltlichen Aufbau und die im Buch behandelten Themenkreise abgegeben, sondern es werden auch die allgemeinen historisch- theoretischen Grundlagen erläutert, die Pardos Ausführungen zugrunde liegen. Zweifellos ist der Text des Buches anspruchsvoll und verlangt vom Leser eine gewisse historische Vorbildung. Langweilig oder gar spröde ist die Lektüre dann jedoch an keiner Stelle. Das liegt nicht nur an den interessanten Informationen, die das Buch auch dem Leser bietet, der sich bereits mit den jeweiligen Kulturen, Epochen und Regionen auseinandergesetzt hat. Das hängt auch mit den verschiedenen Blickwinkeln zusammen, unter denen Pardo Bekanntes betrachtet. Diese unterschiedlichen Blickwinkel fallen bei der Betrachtung des Inhaltsverzeichnisses und damit der Gliederung des Buches nicht auf. Streng chronologisch beginnt Vittorio Franchetti Pardo mit der städtischen Welt der Frühgeschichte, betrachtet die urbanen Konzepte Mykenes, der „Seevölker, der phönizisch-punischen Kultur, um dann folgerichtig Entwicklungen der Welt des archaischen und klassischen Griechenland, über den Hellenismus, Rom und das römische Reich zu untersuchen. Diese chronologische Herangehensweise, die über die Spätantike und die de-urbanisierte Welt des frühmittelalterlichen Mitteleuropa nach Konstantinopel und in die islamische Welt führt, endet schließlich bei der Stadt im Hoch- und Spätmittelalter.

Die westliche Stadt im Spannungsfeld zwischen Orient und Okzident

Dass es nicht die eine Stadt, das eine Stadtkonzept selbst bei enger kultureller Zuordnung gibt, ist längst bekannt. Aber Pardo erklärt auch warum. Der Autor beschreibt zu jeder der behandelten Regionen, zu jedem historischen Abschnitt zu jeder Kultur und zu jeder beispielhaft ausgewählten Stadt die gesellschaftlichen Hintergründe, Entwicklungen und Wechselwirkungen. Der Leser bergreift dabei schnell, wie sehr Städte neben ihren vitalen Funktionen, die sie zu erfüllen haben, von den gesellschaftlichen Konventionen, Glauben, Herrschafts- und Organisationsstrukturen geprägt sind. Und nicht erst am Beispiel der Stadt im islamisierten Europa, wird deutlich, wie sich östliche und westliche Gesellschaftskonzepte architektonisch-planerisch gleichzeitig durchdringen und voneinander abgrenzen können. Denn nimmt man den Buchtitel „Die Geburt der europäischen Stadt“ wörtlich, so fand diese mit Catal Höyük, Ur oder Babylon immerhin in Vorderasien statt. Die Antike, das hellenistische Zeitalter, das römische Imperium, Byzanz, alles Epochen der kulturellen Gegensätze und des Austauschs gleichermaßen, die zusammen mit den Politischen Konstitutionen der einzelnen Kulturen und Regionen die jeweils spezifische urbane Ausprägung der Gesellschaft schufen. Nur scheinbar erstaunlich vor diesem Hintergrund, dass sich am Ende dennoch spezifisch westliche Stadtkonzepte gegenüber beispielsweise Orientalischen deutlich herausarbeiten lassen.

Die Fiktion der westlichen Stadt

„Die Erfindung, Fiktion der westlichen Stadt“ lautet die wörtliche und den Inhalt wesentlich treffendere Übersetzung des italienischen Originaltitels (L`Invenzione della Città Occidentale). Denn Pardo beschreibt vor allem, wie sehr Stadtgründung und Entwicklung in ihrer Struktur und Architektur den gesellschaftlichen Ordnungsvorstellungen ihrer Erbauer folgten. „Die Geburt der europäischen Stadt“ ist ein nicht alltägliches Buch, hervorragend illustriert, fundiert und ausdrucksstark.

Vittorio Francetti Pardo: Die Geburt der europäischen Stadt. Gebunden mit Schutzumschlag, Philipp von Zabern, 2010. 240 Seiten.

 

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