Das Römische Britannien – Rezension

Rund vierhundert Jahre stand Britannien unter römischer Verwaltung. Die Spuren dieser römisch-britannischen Kultur sind noch heute deutlich sichtbar, selbst dort, wo man sie nicht unbedingt vermutet.

Noch zur Zeit des Kaisers Claudius der im Jahre 43 nach Christus die erste erfolgreiche Invasion Britanniens anordnete, galt die „Insel am Rande der Welt“ den Römern als gefährlich, unheimlich, ja manchem sogar lediglich als Phantasiegebilde. Immerhin vier Legionen und zahlreiche Auxiliareinheiten, insgesamt wohl 30.000 bis 40.000 Mann stellte Claudius Oberbefehlshaber Aulus Plautius in Boulogne, im Norden des heutigen Frankreich zusammen, um den erwarteten britischen Widerstand bei der römischen Invasion zu brechen. Bereits im Jahre 44 konnte Claudius – nach einer persönlichen 16-tägigen militärischen Stippvisite auf die Insel – in Rom seinen Sieg feiern, dessen Bedeutung er mit den Worten, er sei „der erste, der Barbarenvölker jenseits des Ozeans unter römische Herrschaft brachte“, in seinen Triumphbogen meißeln ließ.

Kulturströme am Rande der Welt

Die Autoren Richard Hobbs und Ralph Jackson – als Kuratoren am British Museum verantwortlich für die römisch-britannischen Sammlungen – machen bereits im Kapitel „Britannien in vorrömischer Zeit“ deutlich, dass das „Land jenseits des Ozeans seit der Frühgeschichte alles andere als isoliert und unbekannt war.  „Doch können wir sicher sein“, so die Autoren, „dass es wenige Zeitperioden in der Geschichte von Albion gab [ . . . ] in denen keine „Ausländer“ eintrafen, abreisten, sich für kurze Perioden aufhielten, oder die Insel zu ihrer Heimat machten.“  Und damit meinen die Autoren nicht nur die geschichtliche Zeit, sondern den Zeitraum seit der ersten nachgewiesenen menschlichen Siedlung in Britannien vor etwa 700.000 Jahren. Für die römische Führungselite war Britannien schon zu Zeiten Cäsars und dessen gescheiterte Invasionsversuche kein weißer Fleck auf der Landkarte. Intensive Handelsbeziehungen verbanden seit der Bronzezeit die an Bodenschätzen reiche Insel mit dem Mittelmeerraum. Und bereits seit der Mitte des ersten vorchristlichen Jahrhunderts sind nicht nur politische Kontakte zwischen dem britannischen und dem europäischen Festland nachzuweisen, sondern auch gewisse Tendenzen der Romanisierung britannischer Herrschereliten.

350 Jahre römisches Britannien

So war die mythenumrankte Invasion Britanniens für Claudius und seine Feldherren keine unkalkulierbare Expedition in ein geheimnisvolles und unbekanntes Nebelland.  Denn auch Cäsar war bei seinen beiden Invasionsversuchen rund einhundert Jahre zuvor nicht etwa an der Unkenntnis über die britannischen Verhältnisse, sondern zunächst an einem Sturm, der die Flotte zerstörte und schließlich an instabilen Verhältnissen in Gallien gescheitert. Einfach war die Eroberung und Beherrschung Britanniens mit seinen widerspenstigen Stämmen, wechselnden Bündnissen und diversen Aufständen keineswegs. Offensichtlich aber waren die Ressourcen beispielsweise an Bodenschätzen und Sklaven so interessant, dass Rom – im Gegensatz zum rechtsrheinischen Germanien – trotz gewaltigen militärischen Einsatzes an der britannischen Provinz für die folgenden rund dreieinhalb Jahrhunderte festhielt.

Die Römer und die englische Küche

In „Das römische Britannien“ zeigen Hobbs und Jackson auf, dass die kulturellen Einflüsse der römischen Besatzung die verschiedenen britannischen Stämme, Bevölkerungs- und Gesellschaftsgruppen in ganz unterschiedlicher Intensität erfasste. Und die Autoren beschreiben nicht nur anhand vieler herausragender und einzigartiger archäologischer Funde den widersprüchlichen Prozess der Romanisierung in gesellschaftlicher Organisation, Sprache, Wirtschaft, Stadt- und Landleben. Hobbs und Jackson erklären die Prozesse anhand ausgewählter und gelegentlich überraschender Beispiele. So findet sich unter anderem der Hinweis, dass die auf dem europäischen Kontinent eher berüchtigte englische Küche ihren Ursprung in der Einführung römischer Ess- und Würzgewohnheiten, zunächst durch das römische Militär, hat.

Ein Lehrstück römischer Provinzialisierungsstrategie

Durch den historischen und inhaltlichen Bogen, der von der vorrömischen bis zur nachrömischen Zeit reicht und sich mit den Details der Invasion, Eroberung, Gesellschaft und Verwaltung, Sprache und Bildung, Bauern, Handwerk, Handel, dem städtischen und ländlichen Leben und natürlich den Druiden und Göttern befasst, kann der Leser eine hervorragende Vorstellung von den grundlegenden römischen Provinzialisierungsstrategien und –mechanismen entwickeln. Und es wird deutlich, dass es nicht die Vorgehensweise bei der Eroberung, Sicherung und Einverleibung Britanniens in das römische Imperium ist, die den besonderen Reiz dieses Teils der Geschichte Albions ausmacht, sondern das spezifische kulturelle Ergebnis, das „das Barbarenvolk jenseits des Ozeans“ noch heute so einzigartig macht.

Hochinformativ und unterhaltsam

Auch wenn bei vielen auch populärwissenschaftlichen Büchern oder Ausstellungskatalogen die überbordenden Fußnotenfriedhöfe das Lesevergnügen oft genug einschränken, hier hätte die eine oder andere „Randnotiz“ schon gut getan. Etwa wenn auf neue oder neuere Funde hingewiesen wird, ohne dabei im Text oder sonst irgendwo auf Ort, Art, oder Jahr einzugehen. Dieser Mangel wird allerdings durch die illustrative Hervorhebung besonderer Funde und ihrer – im Rahmen der doppelseitigen Informationsmodule „Im Fokus“ – veranschaulichten Bedeutung weitgehend ausgeglichen. Zudem beinhaltet „Das Römische Britannien“ für ein reichhaltig illustriertes Überblickswerk dieses verhältnismäßig geringen Seitenumfangs erstaunlich viele Detailinformationen, die die britisch-römische Geschichte außerordentlich lebendig erscheinen lassen. Und nicht zuletzt zeigt „Das römische Britannien“ auch, welchen Einsatz Rom bereit war zu investieren, wenn es von der strategischen oder wirtschaftlichen Bedeutung einer Region überzeugt war. Ein interessanter Aspekt, gerade mit Blick auf die schnelle Aufgabe Germaniens zwischen Rhein und Elbe.

Richard Hobbs, Ralph Jackson: Das Römische Britannien. Theiss 2011. Gebunden mit Schutzumschlag, 160 Seiten.

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