„Sphinx, Amazone, Mänade“ – Rezension

Es liegt in der Natur ihres professionellen Hintergrundes, dass die beiden DozentInnen für Klassische Archäologie die Antike vor allem auf das klassische Griechenland und hier vor allem auf Athen eingrenzen. Und so begegnen dem Leser neben den Sphingen, Amazonen und Mänaden auch die Sirenen und Harpyien, die Gorgo, Kirke und Medea als Vertreterinnen der für die patriarchalisch geprägte griechische Gesellschaft bedrohlichen Frauenbilder.

9783806222265-bIn ihrem Buch „Sphinx, Amazone, Mänade“ interpretieren die AutorInnen jene in  Mythen, Literatur und Kunst zunächst bedrohlich, später integriert erscheinenden weiblichen Gestalten als gesellschaftliche Konzepte und Gegenkonzepte des Weiblichen.
Dass sich das Frauenbild trotz patriarchalischer Grundprägung in der frühen griechischen Gesellschaft von dem der Klassik oder des Hellenismus unterscheidet, versteht sich von selbst. Schließlich haben im Laufe des ersten Jahrtausends vor unserer Zeitrechnung die unterschiedlichen Kultureinflüsse aus dem orientalischen,  ägyptischen und osteuropäischen Raum auch auf die griechische Gesellschaft ausgewirkt und diese neben ihren eigenständigen Entwicklungen geprägt.  Und eben diesen Entwicklungen und den damit verbundenen Veränderungen des griechischen Frauenbildes spüren die beiden Autoren nach.
Dabei sind die Interpretationen der Tempelfriese, Skulpturen oder Vasenmalereien auf der Basis der Werke der jeweils zeitgenössischen Literaten wie Homer, Hesiod, Herodot oder Euripides spannend und plausibel. Interessant ist ebenfalls die Diskussion über den Ursprung der ursprünglich bedrohlich wirkenden weiblichen Dämonen, Gottheiten und Sagengestalten – wie beispielsweise die Amazonen – , die im Laufe der Zeit mythologisch, künstlerisch, kulturell gezähmt und politisch instrumentalisiert werden.

Göttinnen, Sphingen und Gorgonen

Die weitgehende Beschränkung auf die klassische griechische Antike und auf Hesiod als Quelle für die mythologischen Verwandtschaftsverhältnisse von Göttern und Monstern lassen die Ursprungsdiskussion von Sphingen oder Gorgonen, also ursprünglich weiblicher Schöpfergottheiten,  jedoch ebenfalls ein wenig eingeschränkt wirken.  Lediglich im einleitenden Kapitel „Ehefrau – Fremde – Dämon“ wird die grundsätzliche kulturgeschichtliche Genesis weiblicher Naturgottheiten angerissen. Ansonsten findet die Interpretation der griechischen Ausdrucksformen des Weiblichen naturgemäß vor dem Hintergrund des klassischen griechischen Patriarchats statt. Dass ist nicht nur legitim, sondern zweifellos auch notwendig, denn auch die überkommene materielle griechische Kultur war zweifellos eine männlich geprägte und auch nur vor diesem Hintergrund zu beurteilen.

Der klassische Geschlechterkampf

Schade nur, dass die Interpretation gelegentlich auch durch die Tiefenpsychologie des 19. Und 20. Jahrhunderts mit ihrer Fokussierung auf (männliche) Urängste und Geschlechterkampf  beeinflusst scheint, die abgesehen von bestimmten religiös-methodischen Anleihen an klassische Philosophen nur wenig mit antikem Bewusstsein zu tun hat. Gerade vor dem Hintergrund, dass die Interpretation der Ausdrucksformen vergangener Kulturen immer mit einer gewissen Unsicherheit behaftet ist, würde man sich durchaus die eine oder andere Anmerkung oder Fußnote wünschen, die bestimmte Feststellungen untermauern oder über den Augenschein hinaus nachvollziehbar machen. Dabei geht es nicht um ein Misstrauen gegenüber der Kompetenz der Autoren, die unbestritten ist, sondern um ein wenig mehr Teilhabe des interessierten und möglicherweise auch vorgebildeten Lesers.

„Sphinx, Amazone, Mänade“, lesenswert

Insgesamt ist „Sphinx, Amazone, Mänade“ ein thematisch interessantes, lesenswertes und sehr anschaulich illustriertes Buch, das eine intensivere Beschäftigung mit der Mythologie, kulturellen Ausdrucksformen und ihrem Verhältnis zur gesellschaftlichen Wirklichkeit geradezu herausfordert. Zu diesem Zweck bietet vor allem die für das Kapitel „Ehefrau – Fremde – Dämon“ angeführte Weiterführende Literatur einige Anhaltspunkte. Wie bereits erwähnt wäre die Einbeziehung dieser Literatur in Form von Fußnoten in den jeweiligen Textzusammenhang wünschenswert gewesen.

Lambert Schneider, Martina Seifert: Sphinx, Amazone, Mänade, bedrohliche Frauenbilder im antiken Mythos. Theiss 2010. Gebunden, 108 Seiten.

 

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Ein Kommentar

Eingeordnet unter 2 Antike, Ethnologie, Rezension

Eine Antwort zu “„Sphinx, Amazone, Mänade“ – Rezension

  1. Ich glaube, wenn einen erstmal die Faszination der Antike gepackt hat, dann kann man nie genug darüber erfahren/lesen. Das Buch macht Lust auf mehr spannende Geschichte, danke für den Tipp. LG, I_love_books vom Team Leseleidenschaft.de #GeschiMag-Bücher

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