Weltsichten – Das Buch zur Ausstellung

Ein Buch zu einer Ausstellung zu verfassen, deren didaktisches Konzept auf Inszenierungen, Medienstationen, Hör- oder Tastbereiche, also vor allem umfassender sinnlicher Ansprache beruht, erscheint zweifellos als Herausforderung, die im Fall von Weltsichten erstaunlicherweise gemeistert wurde.

4366_Weltsichten_3DMit fünf großen Themen: Ethnologie, Ästhetik und Kunst“, „Raum – Ordnung und Verortung der Welt“, „Zeitvorstellungen und Lauf der Welt“, Familie, Verwandtschaft und Generationen – allerhand Verbindungen“ und „Auszeichnung und Ansehen – keine Macht herrscht allein“, handelt das Buch auf gerade einmal rund 200 reichhaltig illustrierten Seiten (Das gesamte Buch umfasst einschließlich der Vorstellung des Museums und dem Katalogteil insgesamt rund 360 Seiten) nicht weniger als die komplexen Grundlagen menschlicher Gesellschaften, Kulturen, Zivilisationen und ihre unterschiedlichen Ausprägungen ab. Das sind immerhin Themen, mit denen sich unter anderem Generationen von Philosophen seit der Antike beschäftigt und dabei Hunderte von Regalmetern mit gewichtigen Folianten gefüllt haben.

Impressionen zur mentalen Auflockerung

Folgerichtig versuchen weder Ausstellung noch Buch die komplexen Themen umfassend abzuhandeln.  Stattdessen führt die zwar verhältnismäßig kurze aber sehr eindringliche Einführung „Weltsichten – Lebensweisen, Sehweisen, Deutungen“ zu einer Betrachtungsweise von Gesellschaften und ihren kulturellen Ausdrucksformen, die das Begreifen der Zusammenhänge zwischen ansonsten scheinbar willkürlich zusammengewürfelten Aspekten und Informationen erst ermöglicht. Denn willkürlich ist an Inhalt und Aufbau des Buches überhaupt nichts. So ist beispielsweise auch das erste Kapitel „Ethnologie, Ästhetik und Kunst“ mit seiner Dominanz der Bilder immer noch Teil der Einführung, der mentalen Einstimmung des Lesers auf eine Sicht der kulturellen Welten unseres Planeten, die sich dem Betrachter nur dann erschließen, wenn er bereit ist, sich von seinen eigenen kulturellen „Fesseln“ gedanklich zu lösen. Sinnvoll vor diesem Hintergrund, zunächst einmal vor allem die Ästhetik, die Kunstwerke, also die kulturellen Ausdrücke des uns Fremden auf den Betrachter einwirken, den Geist – noch ohne wirkliches Verstehen – geschmeidig und offen werden zu lassen.

Relativitätstheorie ohne Einstein

Dass alles relativ ist, wussten die Menschen bereits in der Steinzeit. Schon damals existierte kein Raum, keine räumliche Vorstellung ohne konkrete Bezugspunkte. Und so vermisst der moderne wissenschaftliche Mensch den Raum mit mathematischer Akribie bis an die Grenzen des Alls mit Hilfe abstrakter mathematischer Formeln. Begriffen, verstanden wird der Raum von den Menschen aber in erster Linie konkret. Es sind kulturelle, gesellschaftliche Grenzziehungen und Definitionen, die den Raum für Menschen er- und belebbar machen. Es sind beispielsweise Flüsse, die Verkehrswege oder Grenzen darstellen und den Raum erweitern oder einengen, Städte, Dörfer, Heiligtümer Landmarken und nicht zuletzt Orte, die mit Ereignissen in Verbindung gebracht werden. Und während die eine Kultur ihren Raum über die landwirtschaftliche Aneignung der Erde definiert, spielen bei anderen Kulturen vor allem Wege Handel und Jagd für ihr Raumverständnis eine zentrale Rolle. Vielschichtig ist das Raumverständnis allemal, vor allem, wenn nicht nur das Dies- sondern auch das Jenseits Teil des jeweiligen Kulturraumes darstellt.

Raum und Zeit als gesellschaftliche Kategorien

Es ist faszinierend, mit wie wenig Text man bei den den Horizont gewaltig erweiternden kulturellen „Spotlights“ auskommen kann, wenn der Leser durch den Buchaufbau und die jeweils einführenden durchaus kompakten Texte auf den jeweiligen Blickwinkel vorbereitet ist. So reichten wenige aussagefähige Bilder und eine „Handvoll“ Erläuterung aus, um den Leser die Raum- und Weltvorstellungen der nordamerikanischen Inuit, der japanischen Reisbauern, der australischen Aborigines oder der Südamerikanischen Inka nachempfinden zu lassen. Dabei geht es in diesen kurzen Schlaglichtern nicht vordergründig um Raum, sondern um Robben und Kajaks, Reisanbau, Traumzeiten oder Klima, Transportmittel oder Behausungen.

Mit den Zeitvorstellungen und den Vorstellungen vom Lauf der Welt im 3. Kapitel verhält es sich nicht anders. Auch hier das gleiche außerordentlich anregende Konzept das dem Leser begreiflich macht, wie unerschöpflich und vielfältig Raum und Zeit, abseits von physikalisch-mathematischen Dimensionen eigentlich sind. Je weiter man mit der Lektüre des Buches voranschreitet, desto eher reicht ein kleiner Wink, ein scheinbar nebensächlicher Aspekt, das Bild eines „Kunstwerks“, ein exotisches Gesicht, um zu verstehen, dass es immer die Menschen und die ihrer jeweiligen Umwelt angepassten gesellschaftlichen Strukturen sind, die Raum und Zeit ihr spezifisches Gesicht, ihre Dimensionen verleihen und beides untrennbar miteinander verknüpfen. Besonders deutlich wird diese Raum-Zeit-Verknüpfung an den Jenseitsvorstellungen, in „Weltsichten“ vermittelt am Beispiel des mittelamerikanischen dia de los muertos, dem Allerheiligen, dessen Traditionen weit in die Zeit der Maya und Azteken zurückreicht und ein Lehrstück für kulturelle Dynamik darstellt. Spotartige Ausflüge nach Indien, China, in den Islam, in die Lehre von den letzten Dingen in vier Religionen und zu den Schöpfergottheiten Papua Neuguineas runden die Weltreise ins Jenseits ab.

wenn lebendige Traditionen mit moderner Realität in Widerspruch geraten

Mit der indischen Hochzeit beginnt das 4. Kapitel „Familie, Verwandtschaft und Generationen – allerhand Verbindungen“. Ein farbenprächtiges Schauspiel ist das zweifellos und eine Frage der Ehre und des Prestiges. Liebesheiraten wird bei diesem Hochzeitstheater, bei der jeder Schritt, jedes Ritual, jede Dekoration, der gesamte Ablauf eine tiefe gesellschaftliche und familiäre Bedeutung hat, kaum jemand erwarten. Wie stark dieses traditionelle gesellschaftliche Ritual der arrangierten Eheverbindung, dessen prachtvolle öffentliche Präsentation ursprünglich vor allem eine Sache der wohlhabenden Oberschicht war, noch heute wirkt, erscheint auf den ersten Blick erstaunlich. Ohne tiefere Kenntnis der gesellschaftlichen Hintergründe, Konventionen und Vorstellungen der indischen Gesellschaft ist kaum zu begreifen, welche zerstörerischen Züge einst stabilisierende Traditionen unter den Bedingungen moderner Ökonomien haben können. Auch dieser Aspekt wird in Weltsichten nachvollziehbar vermittelt. Nach der Lektüre der indischen Hochzeit bedarf es zum Verständnis der Funktion des melanesischen Brautgeldes und der Brauttruhen in der islamischen Welt keiner umfassenden Ausführungen mehr. Und auch bei „Männlich und weiblich – zwei kosmische Urprinzipien und „Liebe und Leidenschaft im Japan der Edo-Zeit genügen zur Vermittlung wenige Worte und Abbildungen.

Der Stoff aus dem die Macht ist

Wenn bereits die Vorstellungen von Raum und Zeit bis ins Jenseits reichen, so gilt das natürlich auch für die Gesellschaft als integraler Bestandteil von Raum und Zeit. Und so finden naturgemäß auch im Kapitel zur Familie und Verwandtschaft die Ahnen den ihnen gebührenden Platz. Nach und nach verdichten sich die unterschiedlichen Aspekte und Themen zu einem kulturellen Gewebe aus vielfältigen Vorstellungsmustern an dessen Ende die Auseinandersetzung mit dem „Gewebe der Macht: Textilien als Statussymbole“ steht. Wie sind Macht und Herrschaft organisiert, wie sind sie legitimiert, wie drücken sich Hierarchien sich nach außen hin aus. Die Textilien in den Anden, die Drachenroben der chinesischen Kaiser- und Beamten, usbekische Männermäntel, indianische Powwow-Tanzkleidung aber auch Insignien institutionalisierter Opposition aus Kamerun, das neubritannische Schneckengeld und zuletzt die unterschiedlichen Funktionen von Schilden dokumentieren, wie sehr Symbole und Insignien spezielle gesellschaftliche Konventionen und Weltvorstellungen repräsentieren können.

Die weite Reise zur gesellschaftlichen Identität

Mit „Weltsichten“ ist den Machern ein Buch gelungen, das die aufgeschlossenen Leser nachhaltig beeindrucken dürfte. Denn bei genauerer Betrachtung ist eben gerade bei Ästhetik, Kunst und Ritualen die Bedeutung vor allem den Eingeweihten, den mit der jeweiligen Kultur vertrauten, denjenigen für den es ursprünglich bestimmt ist, offensichtlich. Insofern dient der „Blick über dem Tellerrand“ vordergründig dem Verständnis fremder Kulturen. Nachdem aber der Leser seine Reise außerhalb des eigenen kulturellen Tellerrandes beendet hat, verändert sich plötzlich auch der Blick auf Offensichtlichkeiten und Rituale des eigenen Kulturkreises. Hat man einmal die Funktionalität von Kultur und ihren Ausdrucksformen begriffen, kommt man nämlich hinsichtlich unserer aktuellen wissenschaftlich-abendländischen Rituale und ihrer gesellschaftlichen Funktionen Zeit- und Zweckmäßigkeit nun gehörig ins Grübeln. Weltsichten verführt den Leser im besten und ursprünglichen Sinne zum Philosophieren.

Inès de Castro, Ulrich Menter: Weltsichten, Blick über den Tellerrand. Philipp von Zabern 2011. Gebunden, 359 Seiten.

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