Villa rustica, ein Buch über die römische Landwirtschaft

Über das Leben und Arbeiten auf römischen Landgütern schreibt die Archäologin Ursula Heimberg und stellt dabei Ausgrabungen und Funde in den römischen Rheinprovinzen und Gallien in den Mittelpunkt ihrer Betrachtungen.

35333Die Konzentration der Betrachtungen auf die Region zwischen Rhein und Maas ist nicht nur interessant, weil Ursula Heimberg bis zu ihrer Pensionierung  Leiterin der Römischen Abteilung im Rheinischen Landesmuseum Bonn war. Bereits in ihrer Einführung macht die Autorin deutlich, dass es d i e römische Landwirtschaft nicht gab. Tatsächlich reicht das Spektrum landwirtschaftlicher Betriebe im römischen Imperium allein hinsichtlich der Größenordnungen von rund 50 bis hin zu Tausenden von Hektaren. Riesige Latifundien mit Geschäftsführern, Pächtern und Sklaven existierten neben kleinen „Inhabergeführten“ Familienbetrieben. Spezialisierungen auf bestimmte Produkte wie Korn, Vieh, Öl oder Wein erforderten jeweils spezifische Lösungen bei Größe, Lage, Struktur und Betrieb.

Regionale Differenzierungen der römischen Agrarbetriebe

Kein Wunder, dass es auch nicht den typischen römischen Guts- oder Bauernhof, also die Villa rustica gab, so wie man ihn sich meist nach klassischem italienischem Muster vorstellt. Sicherlich sorgten der römische Einfluss, also die Versorgungsbedürfnisse der Armee, der Verwaltung und städtischen Zentren in den Provinzen und nicht zuletzt die Konsumbedürfnisse des Zentrums Rom für eine Anpassung der jeweils regionalen Landwirtschaft. Im rheinischen Gebiet bestand diese Anpassung vor allem im Wechsel von einer reinen Selbstversorgungs- zu einer Überschussproduktion. Die Architektur, Struktur, Wirtschaftsweise und Technologie der Villa rustica waren dabei jedoch keine reinen römischen Exportartikel, sondern den regionalen – auch gesellschaftlichen – Besonderheiten entsprungene Lösungen für die neuen Anforderungen an die landwirtschaftliche Produktion.

Römische Agrarschriftsteller und Mosaike

Selbstverständlich hielten auch die Erfahrungen römischer Landwirtschaft mit neuen, ergiebigeren Nutztierrassen, technischen Gerätschaften oder Wohnkomfort – wie das Beispiel der beheizten Räume und Bäder der Häuser in Hambach, Blankenheim oder Stolberg zeigen –  Einzug in die Höfe der gallischen und germanischen Provinzen. Über die Grundlagen römischer Landwirtschaft auf der einen und die Arbeitsabläufe im Zyklus der Jahreszeiten informieren die römischen Agrarschriftsteller wie Cato, Maro oder Columella und die anschaulichen Mosaike beispielsweise aus Saint-Romain-en-Gal oder Zliten in Libyen, die Heimberg im Kapitel „Villa rustica – Landwirtschaft im Jahreslauf“ als Zeitzeugen bemüht. Im Kapitel „Haus und Garten“  geht die Autorin ins Detail der Landwirtschaftlichen Haushalte, wenn sie unter anderem über Herde und Backöfen, Trocknen und Räuchern, Brunnen; Pumpen, Gartenbau und über Schlösser- und Schlüsselkonstruktionen schreibt.

Die gallische Mähmaschine

Das Kapitel „Feld- und Ackerbau“ greift bei seinen Darstellungen  gelegentlich – wie beim Pflug, der Waage, den Mühlen oder dem Wagen – weit in die vorrömische Vergangenheit zurück, um die Entwicklung und die Fortschritte der römischen Landwirtschaft zu dokumentieren. Dabei schiebt Heimberg auch die eine oder andere vertiefende Passage, wie die zur Geschichte des Wagens ein. Am interessantesten in Zusammenhang mit der Themenstellung des Buches ist jedoch die Auseinandersetzung mit der gallischen Erntemaschine, einer regionalen Spezialität der römischen Landwirtschaft. Nicht unerwähnt bleiben darf auch der Weinbau und –herstellung, dem die Autorin ein eigenes Kapitel gewidmet hat.

Römische Kapitalisten und marxistische Historiker

Keine Frage, Anbaumethoden, Geräte und landwirtschaftliche Techniken hatten sich im römischen Imperium schon allein aufgrund der Anforderungen an den Versorgungsbedarf des Imperiums und seiner gesellschaftlichen Strukturen in allen Provinzen in Richtung effektive Überschussproduktion optimiert und den jeweiligen spezifischen Anforderungen und Möglichkeiten der Topografie, Klima und Böden angepasst. So erfolgreich übrigens, dass bis ins Mittelalter und teilweise bis in die Neuzeit kaum noch Veränderungen zu erkennen sind. Damit war, wie die Autorin in ihrem Nachwort feststellt, die römische Landwirtschaft durchaus innovativ, was allein angesichts der wissenschaftlich-technischen Leistungen der Römer auf anderen Gebieten heute auch kaum noch jemand bezweifelt. Ein wenig irritierend ist daher schon, wenn sich Heimberg ausdrücklich von dem „Einfluss eines marxistischen Geschichtsbildes in der Forschung“ abgrenzt, deren Vertreter vor Jahrzehnten propagierten, dass aufgrund der Sklaverei gerade in der Landwirtschaft in der Antike kaum Fortschritte verzeichnet wurden und wenn sie andererseits von einer „kapitalistischen“ Führung der landwirtschaftlichen Betriebe spricht.

Interessante Bestandsaufnahme mit gallisch-germanischem Schwerpunkt

Villa rustica ist ein schwierig zu bewertendes Werk. Folgt man dem Gros der in der Bibliographie aufgeführten teils recht betagten landwirtschaftsbezogenen Literatur, darf man annehmen, die Autorin habe mit ihrem Buch ein seit vielen Jahren vernachlässigtes Thema unter Einbeziehung neuer Forschungsergebnisse aufgegriffen und damit ein Standardwerk zum Thema geschaffen. Lässt man die wissenschaftlich diskussionswürdige Auffassung von einer „kapitalistischen“ Wirtschaft  der Römer, die doch recht beschreibende und damit relativ wenig lebendige Darstellung und die gelegentlich spürbare Unsicherheit darüber, an welches Publikum sich das Buch eigentlich richtet, beiseite, hat man es durchaus mit einer interessanten und differenzierten Bestandsaufnahme römischer Landwirtschaft zu tun. Nicht zuletzt ist es genau der Fokus auf  die niedergermanischen und gallischen Regionen, die einen wichtigen Beitrag zum Verständnis der Integration der germanischen Provinzen in das Imperium und seiner strukturellen Voraussetzungen leistet.

Ursula Heimberg: Villa rustica. Leben und Arbeiten auf römischen Landgütern, Philipp von Zabern 2011, Gebunden mit Schutzumschlag. 160 Seiten, 150 s/w-Abbildungen.

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Eingeordnet unter 2 Antike, Archäologie, Rezension

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