Weltsichten, eine Ausstellung mit vielen Aspekten

Am 17. September 2011 öffnete das Linden-Museum Stuttgart seine Pforten zu einer Landesausstellung, die mit dem Titel „Weltsichten, Blick über den Tellerrand“ eine besondere Sichtweise auf das Phänomen der unterschiedlichen Kulturen dieser Welt verspricht.

4366_Weltsichten_3DKeine Frage, oft genug werden auch heute noch in der alltäglichen Betrachtung die Unterschiede, das Fremde zwischen den Kulturen in den Vordergrund gerückt und dabei vor allem Vorurteile oder bestenfalls Unverständnis gepflegt. Tatsächlich liegt das in der Natur der Sache, denn die Unterschiede zwischen den Kulturen sind ja real und die jeweiligen kulturellen Eigenheiten in Zusammenhang mit einer Fülle verschiedener Umwelteinflüsse über lange Zeiträume „natürlich“ gewachsen.

Ausdruck kultureller Vielfalt

Die Ausstellungsmacher verfolgen dabei den interessanten Ansatz, durch die Darstellung der Unterschiede über die künstlerischen Ausdrucksformen verschiedener Kulturen, die grundlegenden Gemeinsamkeiten jeder Kultur herauszuarbeiten. Denn Kultur ist die Ausdrucksform von Lösungsstrategien für gesellschaftliche Fragestellungen und Herausforderungen. Und jede Kultur findet eigene Antworten auf die Fragen des gesellschaftlichen Zusammenlebens. Der Ausstellungsbesucher erfährt im Rahmen der Präsentation von rund 400 völkerkundlichen Objekten aus fünf Kontinenten, dass die immer gleichen zentralen Fragestellungen je nach Rahmenbedingungen ganz unterschiedliche kulturelle Antworten erlauben. Wer hat beispielsweise in einem Land Chancen, an die Macht zu kommen? Hat ein Buddhist ein anderes Zeitempfinden als ein Europäer oder Südamerikaner? Wie verschieden kann sich das Verhältnis zwischen Mann und Frau gestalten? Wie entsteht ein Schönheitsideal?

Museale Leistungsschau mit modernen und originellen Ideen

Blick in den Ausstellungsbereich "Kunst und Ästhetik"

Blick in den Ausstellungsbereich „Kunst und Ästhetik“

Klar ist, dass die didaktische Aufgabe, der sich das Linden-Museum anlässlich seines 100-jährigen Jubiläums mit seiner bislang größten Präsentation  gestellt hat, besondere Überlegungen zur inhaltlichen Struktur und Konzeption erfordern. Schließlich werden bei der großen Landesausstellung „Weltsichten“ auf mehr als 2000 Quadratmetern erstmals alle sieben Regionalabteilungen vereint.

Über den Eingangsbereich, den Kuppelsaal und den sogenannten Glasgang liefert das Museum eine eher intuitive Einstimmung in das Thema. Es beginnt mit Projektionen des Fotografen Anders Ryman mit dem Thema „Landschaften, Menschen, Rituale“, setzt sich mit der Inszenierung der Spitzenstücke aus der Sammlung des Museums, die den Blick des Besuchers auf die mannigfachen Deutungen unserer Welt und ihre künstlerische Umsetzung leiten sollen fort und schließt mit der Vorführung von fünf Kurzfilmen, die Aspekte der 100jährigen Geschichte des Linden-Museums vermitteln.

Insignien der Macht

„Auszeichnung und Ansehen – keine Macht herrscht allein“ ist das erste Thema, das sich der Frage widmet, wie Herrschaft und Macht in verschiedenen Kulturen organisiert ist, auf welchen Vorstellungen diese hierarchischen Strukturen basieren und worin sich Statusunterschiede ausdrücken. Da geht es um Vorstellungen von Raum und Zeit, Abstammungslinien, Plätze und geographische Räume. Schnell wird dem Besucher klar, dass die schönen ethnologischen Exponate nicht nur „künstlerisch wertvoll“ sind, sondern jeweils Botschaften und kulturelle Informationen beinhalten, deren Komplexität und Tiefe für Außenstehende kaum zu erfassen sind. Der Fokus dieses Ausstellungsteils liegt mit Textilien und Schmuckgegenständen Alt-Perus in Lateinamerika, ein Highlight dabei ein einzigartiges Totentuch der Nasca. Insignien der Macht, beispielsweise repräsentiert durch ostasiatische Drachenroben, Gegenstände „höfischen Lebens“ des Orients, indianische Häuptlingsornate mit Kopfschmuck und Adlerfeder und afrikanische Skulpturen, Throne oder Masken, liefern den vergleichenden Blick über den kulturellen Tellerrand, der mit einer Installation von Schilden aus unterschiedlichen Kulturen abgerundet wird.

Kulturelle Sichtweisen des Raums

Blick in den Ausstellungsbereich "Weite und Wege"Zeit und Raum sind die Dimensionen, die nicht nur die Welt im Allgemeinen, sondern auch Herrschaft und Macht und die jeweils spezielle kulturelle Ausgestaltung von Gesellschaften prägen. So behandelt der Schwerpunkt „Raum“ mit den Themen „Kultivieren und Achten – macht euch die Erde Untertan?“ (Fokus Afrika), „Weite und Wege – von A nach B“ (Fokus Wasserwege), „Abgrenzen und Einladen – `My Home ist my castle`“ (Fokus Orient) und „Geschlechter und Beziehungen – allerhand Verbindungen“ (Fokus Südasien), all jene Aspekte, die gesellschaftlich mit der Dimension Raum in Verbindung stehen. Bereits die Auseinandersetzung mit dem jeweiligen Fokus bringt neue Sichtweisen für den Besucher, wie die unterschiedlichen Auffassungen des „Hauses“ zeigen, die durch eine begehbare kasachische Jurte auf der einen und dem Modell des indonesischer Bataks auf der anderen Seite repräsentiert werden.

Raum, Weg und Verbindungen

Exponate aus Nord- und Südamerika, Afrika und Ozeanien zeigen, wie Handelsstraßen zu Lande und zu Wasser traditionelle Kulturen und Sprachen zu allen Zeiten miteinander verbunden haben. Im Mittelpunkt die Verkehrsmittel, naturgemäß überwiegend Boote und Bootsmodelle mit dem nordamerikanischen Rindenkanu als Blickfang.

Bei den Beziehungen zwischen den Geschlechtern eröffnet sich nicht nur die ganze Bandbreite gesellschaftlichen Zusammenlebens mit Macht- und Herrschaftsstrukturen aufgrund von Heirat und Verwandtschaft, sondern auch die Bewertung und Funktion von Sexualität und ihrer Darstellungen. Im Fokus Südasien wird dabei die Bedeutung der Hochzeitsfeier hervorgehoben, während sich die „Blick-über-den-Tellerrand-Themen“ auch mit dem Aspekt der sozialen Verbindungen zwischen großen Verwandtschaftsgruppen (Ozeanien) oder der Sexualität als soziale und politische Komponente (Ostasien, Südasien) auseinandersetzen.

Wahrnehmung, Deutung und Funktion der Zeit

Blick in den Ausstellungsbereich "Kultivieren und Achten"

Blick in den Ausstellungsbereich „Kultivieren und Achten“

Mit der „Zeit“ eröffnen sich dem Ausstellungsbesucher wiederum neue und mit Exponaten prächtig ausgestattete Aspekte wie die Beziehungen zwischen den Lebenden und den Toten (Vergessen und Erinnern – Oma, Opa und ich), Ewigkeits- und Jenseitsvorstellungen (Erneuerung und Wiederkehr – was bedeutet Tod) und unter dem Titel „Kreislauf und Unendlichkeit – die Zeit läuft . . .“ zur Wahrnehmung und Deutung der Zeit bis hin zur exakten Messung. Kalendersysteme, Rituale, Mythologien, Religionen und ihre vielfältigen künstlerischen Ausdrucksformen werden dem Besucher in diesem Zusammenhang nahegebracht.

„Weltsichten“ ein anspruchsvolles Konzept mit Zukunft

Keine Frage, allein einer der Schwerpunkte hätte ausgereicht, eine vollwertige, umfangreiche und hochinformative Landesausstellung auf die Beine zu stellen. Die Entscheidung für diese umfassende und komplexe Schau zum 100 Jährigen Museumsjubiläum, in die auch noch Videostationen mit Filmen zu aktuellen Problematiken wie Armut, Schulbildung, Gleichstellung der Geschlechter, Kinder- und Mütterschutz, AIDS, Nachhaltigkeit und globale Kooperation mit einbezogen sind, ist zweifellos mutig. In jedem Fall erfordert ein Besuch der Ausstellung eine gewisse Bereitschaft, sich mit der präsentierten Thematik auch emotional, intuitiv auseinanderzusetzen. Denn die Ausstellungsmacher setzen bei relativ knappen Hintergrundinformationen auch auf die Wirkung und Ausstrahlung der Exponate und das Begleitprogramm mit „regulären“ und unter dem Begriff „Eat & Great“ besonderen Kuratorenführungen und besonderen Highlights wie dem Jurten-Fest oder dem großen Fest zum mexikanischen Tag der Toten. Das vollständige Programm sowie Basisinformationen zur Ausstellung, die bis zum 08.01.2012 geöffnet ist, finden Sie auf der Weltsichtenhomepage. Und einen weiten Blick über den Tellerand garantiert auch das gelungene Begleitbuch zur Ausstellung.

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Eingeordnet unter Ausstellungen, Ethnologie

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