Gefährliches Pflaster – Kriminalität im römischen Reich

Im öffentlichen Bewusstsein ist die Kriminalität im römischen Reich kaum ein Thema. Trotzdem vermittelt dieses Forschungsgebiet tiefere Einblicke in die römische Gesellschaft, als die allgemein übliche Beschäftigung mit Militär, Architektur oder Herrschaftsformen.

GefPflastMit dem Begleitband zur im Juli 2011 im LVR-RömerMuseum im Archäologischen Park Xanten eröffneten Wanderausstellung „Gefährliches Pflaster, Kriminalität im römischen Reich“ präsentieren die Herausgeber ein in vielerlei Hinsicht spektakuläres Forschungsgebiet. Kriminalität im römischen Reich ist zweifellos ein faszinierendes und komplexes Querschnittsthema, das Disziplinen wie Archäologie, Alte Geschichte, Numismatik, Bauforschung, Papyrologie, Anthropologie und nicht zuletzt Rechtsgeschichte umfasst.

Römische Architektur und Sicherheitstechnik gegen Kriminalität

Man kann sich dem Thema auf verschiedene Weise nähern, das Buch beginnt mit der Untersuchung des Sicherheitsbedürfnisses der provinzialrömischen Bevölkerung anhand der Architektur. Geschlossen nach außen, offen nach innen kennzeichnet den klassischen Domus, das Wohnhause der begüterten Oberschicht. Selbst die zur Straße geöffneten untervermieteten Läden, die Teil des Domus waren, hatten mit den Räumlichkeiten des Hausbesitzers in der Regel keine Verbindung. Vergitterte Fenster, oft eher Luken, raffinierte Sicherheitsschlösser und ausgefeilte Anordnungen von Türen, die je nach ihrer Stellung Laden- und Wohnbereiche der Mieter blockierten, dokumentieren Sicherheitskonzepte in einer Gesellschaft, in der es keine Polizei in unserem heutigen Sinne gab. Kriminalität wie beispielsweise Einbruch, Diebstahl und Raub gehört andererseits natürlich zu einer Gesellschaft, in der Armut auf der einen, Ansammlung und zur Schau Stellung von Reichtum auf der anderen Seite zum Alltag gehört. So finden wir private Wachdienste und nicht zuletzt die berühmten römischen Wachhunde, die uns noch heute auf den Mosaiken römischer Villen begegnen und durch die Inschrift „Cave Canem“ geradezu unsterblich geworden sind.

Wie die Römer tickten

So vertraut und geradezu modern Vieles auf den ersten Blick erscheinen mag, die Verwendung gleicher Begriffe darf über die teilweise grundlegend andersartigen Strukturen und Sichtweisen der römischen Gesellschaft nicht hinwegtäuschen. So spielten beispielsweise bei der Frage, was als Delikt angesehen wurde, nicht nur die Eigentumsverhältnisse, sondern auch der gesellschaftliche Status des Handelnden oder die Götter eine wesentliche Rolle. Die Autoren veranschaulichen im Kapitel „Kriminaldelikte“ die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen römischem und modernem Verständnis von Kriminalität, die unter anderem darauf beruhen, dass Sicherheit und Strafverfolgung im römischen Verständnis weitestgehend Privatangelegenheit war, in unserer Gesellschaft zentrale Aufgabe des mit dem Gewaltmonopol ausgestatteten Rechts- und Fürsorgestaates ist. Am Beispiel von Delikten wie Falschmünzerei, Falschspiel, Korruption und Amtsmissbrauch,  religiöse Delikte, Mord, Totschlag, Grabfrevel oder Sexualdelikte und häusliche Gewalt lernt der Leser, wie die Römer „tickten“.

Kriminalität und Rechtsverständnis jenseits der römischen Grenzen

Strafverfolgung und Rechtsprechung ist der dritte große Abschnitt des Buches „Gefährliches Pflaster“, dessen Erscheinen man sich bereits im Varusjahr gewünscht hätte. Schließlich gehört der Widerspruch zwischen römischer Rechtsprechung und germanischem Rechtsverständnis zu den wesentlichen Begründungen, die für den verheerenden Aufstand im Jahre 9 nach Christus angeführt werden. Die Autoren gehen zwar nicht explizit auf diese Frage ein, für den Leser ergeben sich in Zusammenhang mit den letzten Abschnitten dennoch ganz faszinierende Aspekte zur Neubewertung dieses Arguments. „Jenseits der Grenzen des Imperiums – Kriminalität und Recht in der kaiserzeitlichen Germania und den barbarischen Nachfolgestaaten des römischen Reiches“ nennt sich dieses Kapitel, das trotz seiner relativen Kürze viel Stoff zum Nachdenken beinhaltet.

Die reine Zusammenfassung des Inhalts allein würde den Rahmen dieser Rezension sprengen und dem eigentlichen Wert dieses außergewöhnlichen Buches nicht gerecht. Denn das reizvolle sind die immer wieder neuen Perspektiven auf scheinbar Bekanntes, die sich dem Leser bei der Lektüre eröffnen. Als ein Beispiel sei hier nur die augusteische Pax Romana genannt, die üblicherweise vor allem als militärisch-außenpolitische Doktrin wahrgenommen, hier aber unter anderem als innenpolitisch-juristische Angelegenheit behandelt wird.

Fluchtäfelchen, Grabsteine und Papyri

Richtig spannend aber auch die Erläuterungen zur Quellenlage, die Begründungen für die Auswahl bestimmter Regionen zur Darstellung allgemeingültiger römischer Rechtsstrukturen. Da gibt es nicht nur die schriftlichen Quellen der offiziellen Geschichtsschreiber. Viel aufschlussreicher sind beispielsweise Inschriften auf Stelen, Grabsteinen oder sogenannten Fluchtäfelchen, ägyptische Papyri, Münzen oder archäologische Funde. Die Erläuterungen zu Wert und Hintergrund der jeweils herangezogenen Quellen ziehen sich durch das ganze Buch und machen deutlich, wie sehr dieses Forschungsgebiet noch in seinen Anfängen steckt.

Und am Ende der Vergleich des römischen und modernen Strafrechts. Immerhin, Elemente wie Strafprozessordnung, Unschuldsvermutung oder das Prinzip gesetzlicher Grundlagen für Strafverfolgung und Rechtsprechung begegnen uns bereits in der römischen Antike.

„Gefährliches Pflaster“ unbedingt empfehlenswert

„Gefährliches Pflaster“ ist unbedingt empfehlenswert. Es ist lebendig, konkret und behandelt ein bislang kaum beachtetes Thema, über das der Leser tief wie sonst kaum in das Verständnis der römischen Gesellschaft einzudringen vermag. Besonders erfreulich aber auch, dass die Essays der einzelnen Spezialisten unterschiedlicher Disziplinen inhaltlich so hervorragend aufeinander abgestimmt sind. Keine ermüdenden inhaltlichen Überschneidungen, keine Aufsätze, zwischen deren Zeilen das Ringen des Autors um wissenschaftliche Profilierung hervortropft. Schlichtweg ein Buch, das sich trotz hohen wissenschaftlichen Anspruchs und Kompetenz am Leserinteresse orientiert – nicht unbedingt selbstverständlich vor allem bei Begleitbüchern zu musealen Großprojekten, deren Konzeption und inhaltliche Umsetzung oft genug anderen Kriterien als der qualifizierten Informationsvermittlung für ein breiteres interessiertes Publikum zu folgen scheinen.

Marcus Reuter, Romina Schiavone (Hrsg.): Gefährliches Pflaster. Kriminalität im Römischen Reich. Philipp von Zabern 2011. Broschureinband, 451 Seiten.

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