„Der Naumburger Meister“ – Band 2

Mit der Frage nach den Hintergründen von Stiftergedächtnis und Herrschaftsbildnis beginnt der zweite Band des insgesamt knapp 1600 Seiten umfassenden Begleitbandes zur Ausstellung „Der Naumburger Meister“

Da wird nicht nur die Entwicklung der Stifter- und Herrscherbildnisse von der bildlichen Darstellung  in Büchern, auf Siegeln, über Grabplatten bis hin zu den vollplastischen Stifterfiguren des Naumburger Doms dargestellt. Der Leser erfährt zudem Hintergrund und herrschaftlich-strukturelle Zusammenhänge des Stifterwesens und der beteiligten weltlichen und kirchlichen Institutionen.

Naumburger Stifterfiguren, eine einzigartige künstlerische Leistung

Und wieder tauchen – wie bereits im ersten Band – ungeklärte Fragen auf. Warum können die Skulpturen zwar individualisiert sein, wie dies an den naumburger Stifterfiguren in für jene Zeit ungewöhnlicher Weise deutlich wird, andererseits aber selbst bei Personen, die zur gleichen Zeit wie der jeweilige Bildhauer lebten, keine Abbilder der dargestellten Personen zeigen. Verschiedene Möglichkeiten, aus der Funktion der Skulpturen in Zusammenhang mit der mittelalterlichen Bildsprache abgeleitet, werden im Kapitel „Stiftergedächtnis und Herrschaftsbildnis diskutiert. Wie Claudia Kunde in der Kapiteleinführung feststellt, ist die „Gruppe der Naumburger Stifterbildnisse . . . wegen ihrer komplexen Einbindung in ein theologisches Bildprogramm, dem bewegten Mienenspiel, der Gesten und Haltungen der einzelnen Stifter, die miteinander in Bezug treten, eine einzigartige, in dieser Form nie wiederholte künstlerische Leistung.“

Spurensuche nach dem Original

Mit dem Kapitel „Architektur, Bildkünstlerischer Bestand und Ausstattung des Naumburger Westchores“ schließt sich auch so etwas wie eine Spurensuche nach dem „Original“ des 13. Jahrhunderts an. Denn seit seiner Entstehung waren Architektur, Skulptur, Farbgebung, Glasmalerei und liturgische Ausstattung vielfältigen Veränderungen unterworfen. Das begann 1517/18, als im Rahmen der Umgestaltung des Westchores die Stifterfiguren und Passionsreliefs eine neue (Farb-) Fassung erhielten. Der Dombrand 1532, Reformation, 30jähriger Krieg, die Barockisierung im 18. Jahrhundert und natürlich die Veränderungen im 19./20. Jahrhundert, haben ebenfalls ihre Spuren hinterlassen. Wie in kaum einem anderen Kapitel dieses Buches erhält hier der bildstarke Katalogteil mit den sehr umfangreichen Erläuterungen eine ganz besondere inhaltliche Bedeutung für die Themenstellung. Denn der einzige Aufsatz dieses Kapitels vermittelt dem Leser nur einen ersten Überblick, dessen Einzelheiten durch die Beschreibungen der einzelnen Figuren, Reliefs und Reliefbestandteile und nicht zuletzt des Fenstern mit der aufwendigen Glasmalerei und der jeweiligen bildsprachlichen Bezüge zueinander vertieft werden.

Ikonografie der Bildhauerwerke

Und wieder sind es die einzigartigen Skulpturen des „Naumburger Meisters“, die unter der Überschrift „Die Naumburger Stifterfiguren und die ritterlich-höfische Kultur“ nun unter kulturgeschichtlichen Aspekten im Mittelpunkt der Betrachtung stehen.  Am Beispiel der Stifterfigur des SYZZO COMES DO. in ihren Bezügen zum Adligen Geschlechterbewusstsein der Grafen von Schwarzburg-Käfernburg wird nicht nur die Entstehung des Thüringischen Adelsgeschlechtes entwickelt, sondern auch der Prozess der Verknüpfung der weltlichen Herrschaft mit des kirchlichen Institutionen durch Stiftungen, Schenkungen und Klostergründungen.  Vor diesem Hintergrund wiederum wird die Darstellung, Funktion und Botschaft der gräflichen Stifterfigur untersucht.

Wer die Essays zu „Das Instrumentarium der „ersten Stifter“: Physiognomie, Gebärden, Bekleidung, Schmuck, Waffen“ gelesen hat, begreift, dass dem Bildhauer angesichts der inhaltlichen Bedeutung jeder Mimik, Körperhaltung, Ausrüstung, kurz jedes Details einer Figur bei der freien künstlerischen Gestaltung seiner Werke recht enge Grenzen gesetzt waren. Dafür ist andererseits – wie das Kapitel sehr schön veranschaulicht – eine ikonografische Betrachtung hinsichtlich der von den Bildwerken ausgehenden Botschaft und dem dahinter stehenden Zeitgeist sehr aufschlussreich.

Glasmalerei: von der Herstellung bis zur Bedeutung

Natürlich vermitteln auch die Glasmalereien mittelalterlicher Sakralbauten ihre Botschaften. Und, wie Guido Siebert in seiner Einführung zum Kapitel „Die Glasmalereien des Naumburger Westchors in ihrem stilistischen Umfeld“ hervorhebt, „Die Glasmalereien sind nicht nur Teil dieser Botschaft, sondern stehen hierarchisch an der Spitze.“ So befasst sich das Kapitel zum einen mit der handwerklichen Entstehung und dem künstlerischen Zusammenhang der Glasmalereien der Westchorfenster mit dem architektonisch-künstlerischen Gesamtkonzept des Chores und kommt dabei zur Erkenntnis, dass die Werkstätte des „Naumburger Meisters“ und die der Glasmaler zumindest eng zusammengearbeitet haben müssen. Bereits hier wird deutlich, dass die Glasmalerei – also das Produzieren farbigen Glases, das Zerschneiden und bleigefasste Zusammensetzen des Fenstermosaiks zu einem sorgfältig geplanten Bild – ebenfalls eine im europäischen Kontext verwurzelte Kunst mit überregionalen ikonografischen Konventionen ist. Wie bei der Architektur stellt sich auch hier die Frage nach dem internationalen Transfer von Knowhow, Formen und Mustern, die im Aufsatz „zur Musterübertragung in der Malerei des 13. Jahrhunderts im Umfeld des Naumburger Westchores“ behandelt wird.

Die bunte Welt des Mittelalters

Intensiv steigen die Autoren des 2. Bandes des „Naumburger Meisters“ schließlich in „Konzept und Programmatik des Naumburger Westchores“ ein, um nach einem Essay über Kathedrallettner der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts Einblicke in die bildhauerische Formgebung und den Bauhüttenbetrieb zu vermitteln. Bautechnik, Bauhüttenbetrieb, Entwurf, Bauplanung und Bauprozesse seien hier nur als einige Schlagworte zum Thema genannt. Der Leser erfährt etwas über die Zahl der benötigten Arbeitskräfte und ihrer Funktion bzw. Qualifikation, über Rüstung, Vermaßung und Konstruktionsprinzipien – ein im Gegensatz zu den Kunstwissenschaftlichen Betrachtungen zweifellos sehr handfestes und technisch orientiertes Kapitel.

Mit dem Thema der Farbgebung, also „Fassung“ mittelalterlicher Skulptur eröffnet das Begleitbuch zur Ausstellung ein relativ junges Forschungsgebiet. Bereits seit den 1960er Jahren liegt zwar zum farbigen Holzbildwerk umfangreiche Literatur vor, die Erforschung der Farbigkeit mittelalterlicher Steinbildwerke, ihrer Funktion, Bedeutung und Aussehen, steht allerdings noch am Anfang. Die bisherigen Erkenntnisse und Hintergründe polychromierter Steinbildwerke werden an verschiedenen Beispielen beleuchtet und eröffnen dem Leser damit die Erkenntnis, dass „die  . . . gewonnenen Erkenntnisse . . . überhaupt zum ersten Mal deutlich [machen], dass innerhalb der Kathedralbauhütten Maler von herausragenden künstlerischen und handwerklichen Fertigkeiten tätig gewesen sind. Vielleicht“, so Hartmut Krom in seiner Einführung, „traten Bildhauer und Maler hier auch in ein und derselben Person auf.“

„Der Naumburger Meister“: umfassend, umfangreich und anspruchsvoll

Mit den Kapiteln „Die Architektur des Naumburger Westchors und den Meißner Ostchors“, „Bildhauerkunst in der Nachfolge des Naumburger Westchors und schließlich „Kunst der Zeit Ludwig des Heiligen, Ein neues höfisches Ideal in Frankreich und seine Ausstrahlung“ endet schließlich der gewaltige kunst- und kulturgeschichtliche Exkurs in die europäische Kathedralbaukunst der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts, deren Entwicklungslinien und Höhepunkte sich vor allem am einzigartigen Westchor und dem Lettner des Naumburger Doms wiederspiegeln.

Die Lektüre der beiden gewichtigen Bände ist nicht immer einfach, manchmal wünscht man sich eine stringentere inhaltliche Strukturierung. Denn die Texte des Begleitbuches orientieren sich an der Abfolge der Ausstellungsstationen, die ja nicht nur den Westchor selbst, sondern das ganze Dom-Kirchen-Park-Klausur-Ensemble sowie einen Renaissancebau – das Schlösschen – am Markt umfassen. So sind beispielsweise die Betrachtungen der Stifterfiguren unter jeweils unterschiedlichen Aspekten und in verschiedenen Zusammenhängen, jedoch mit gewissen inhaltlichen Überschneidungen über die Kapitel der beiden mächtigen Bände verteilt. Bei der Komplexität des Stoffes ist dies möglicherweise sinnvoll, bei einem Begleitbuch zur Ausstellung vielleicht auch nicht zu vermeiden, setzt aber bei dem Leser ein gehöriges Maß an geistiger Mitarbeit, Flexibilität und Engagement voraus.

Angesichts der Tatsache allerdings, dass hier gleichzeitig ein umfassendes, über die opulenten Illustrationen sehr anschauliches und durch den Bezug zum Naumburger Dom durchaus einzigartiges Werk zum aktuellen Forschungsstand hochmittelalterlicher Kathedralarchitektur und -skulptur entstanden ist, darf die Lektüre für jeden, der sich ernsthaft mit dem Mittelalter auseinandersetzt als ein Muss gelten.

Enno Bünz, Camphausen, Kunde u.a. (Hrsg.): Der Naumburger Meister, Bildhauer und Architekt im Europa der Kathedralen, Band 2. Michael Imhof Verlag 2011. Gebunden mit Schutzumschlag, 784 Seiten.

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Eingeordnet unter 3 Mittelalter, Ausstellungen

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