Auf der Spur des Naumburger Meisters Band 1

Mit dem knapp 1600-Seitigen, zweibändigen Begleitbuch zur Ausstellung „Der Naumburger Meister“  wird die westeuropäische Dombaugeschichte des 13. Jahrhunderts unter kunst- und kulturhistorischen Aspekten untersucht.

35000Wenn die Herausgeber mit dem Begleitbuch ein breiteres Publikum für Gegenstand und Inhalt der in vielerlei Hinsicht einzigartigen und ungemein spannenden Ausstellung begeistern wollten, wäre zum Teil eine weniger kunstwissenschaftlich geprägte Sprache sicherlich angemessen gewesen. Zumindest der Einstieg mit den nicht nur interessanten, sondern für das gesamte Ausstellungskonzept so wichtigen Ausführungen zur „Naumburger Skulptur zwischen Kunstwissenschaft und Ideologie“, zeigt sich in seinem Stil der Hauptüberschrift des Einführungsessays „Die Widerständigkeit der Bildwerke“ manchmal mehr als würdig und damit gelegentlich auch „widerständig“ gegenüber einer erbaulichen und leicht verständlichen Lektüre.

Die Stifterfiguren und das „deutsche Wesen“

Bereits zu Beginn des 18. Jahrhunderts gerieten vor allem die Figuren des Naumburger Westchores in die ideologischen Mühlen vaterländisch orientierter Kunst- und Kulturwissenschaftler. Mit ganz unterschiedlich konstruierten „Stilanalysen“ entdeckten die patriotischen – und später nationalistisch-nationalsozialistischen – Kunsthistoriker in den vermeintlich „kraftvoll-germanischen“ Stifterfiguren das „deutsche Wesen“ dieser tatsächlich einzigartigen Bildwerke. Ihren Höhepunkt fand die ideologische Vereinnahmung des historischen Bildwerkes im Naumburger Westchor im Rahmen der Restaurierung des Domes ab dem Jahre 1938. Der Münchener Bildhauer Bernhard Bleeker verpasste der beschädigten Stifterfigur im wahrsten Sinne des Wortes ein neues Gesicht. Wie Martin Kirves in seinem Essay „Die Widerständigkeit der Bildwerke“ formuliert, hatte Bleeker „das ideale Konstrukt des `fälischen Menschen´, wie ihn Hans F. K. Günther in seiner `Rassenkunde des deutschen Volkes’ entwirft“ geschaffen, „dessen ausführlicher physiognomischer Charakterisierung Bleeker minutiös folgt“.

Uta und die böse Königin Walt Disneys

Auch der folgende Aufsatz „Fortgesetzte Spiegelungen – Kontinuitäten und Brüche in der Rezeptionsgeschichte des Naumburger Meisters“ greift die Geschichte der jeweils zeitgenössisch weltanschaulichen Interpretation des mittelalterlichen Bauwerks und seiner Bilder seit Anfang des 19. Jahrhunderts auf. Deutlich wird auch hier, dass die gesamteuropäischen Zusammenhänge der Arbeit des „Naumburger Meisters“, insbesondere die Verbindung nach Frankreich bereits seit Beginn der Auseinandersetzung um das „deutsche Erbe des Naumburger Doms“ durchaus wahrgenommen wurde. Vor allem das Beispiel der Uta, die wohl faszinierendste Stifterfigur des naumburger Westchores, zeigt aber, dass der Blick auf das historische Monument bis in die jüngste Zeit doch sehr auf Einzelaspekte, vor allem auf die Bauplastik und weniger auf das Gesamtkonzept gerichtet war. Da begegnet dem Leser Uta als völkische Ikone, die den deutschen Soldaten im Schützengraben Rückhalt gibt oder als Sinnbild der deutschen Einheit auf einem Plakat des „Kuratoriums Unteilbares Deutschland“. Da verkörpern Ekkehard und Uta nach der marxistischen Lesart „am sinnfälligsten die progressive Kraft ihrer Klasse“ und am bereits 1937 hat sich Walt Disney Uta als Modell für die böse Schweigermutter in seinem Zeichentrickfilm „Schneewittchen und die sieben Zwerge“ ausgeliehen.

„Naumburger Meister“ war kein naumburger Meister

All diese Aspekte greift die Ausstellung in unterschiedlicher Weise auf und vor dem Hintergrund des Wissens um die Gefahren ideologischer Verklärungen ist mit dem Begleitband eine umfassende Dokumentation der vor allen kunstwissenschaftlichen Erkenntnisse zur Einordnung des Naumburger Domes mit seinem einzigartigen Westchor in die europäische Dombaukunst des 13. Jahrhunderts. Dabei geht es, wie der Titel von Ausstellung und Buch verspricht, immer wieder auch darum, die Person des Meisters aus dem Dunkel der Geschichte zu holen, der offensichtlich als Baumeister und Bildhauer für das Gesamtkonzept des Westchores verantwortlich zeichnete.

Tatsächlich ist der eigentlich provokante Titel „Naumburger Meister“ eher ein Aufhänger für eine sehr intensive und umfassende Reise in die zeitgenössische herrschaftliche Baukunst, zu der als integraler Bestandteil auch die Bauplastik gehörte. Denn die Identität des „Naumburger Meisters“ ist bislang nicht auszumachen, und selbst die Organisation, Hierarchie und Struktur „seiner“ Werkstatt wird von den Fachleuten mit jeweils plausibler Argumentation durchaus unterschiedlich gesehen. Fest steht jedenfalls, dass der „Naumburger Meister“ gar kein naumburger Meister war. Die ausführlichen Stilvergleiche, die sich durch die Aufsätze des gesamten Buches ziehen, zeigen, dass die als Naumburger Meister titulierte Künstlergruppe von Bildhauern und Steinmetzen  – und vielleicht auch Malern – ihre Ausbildung  an den nordfranzösischen Kathedralbauten erfuhr und ihre herausragenden Fähigkeiten über Mainz nach Naumburg und Meißen verbreitete.

Rahmenbedingungen mittelalterlicher Dombaukunst

Der unbekannte Werktrupp unter der Leitung eines als „Bildhauer-Architekten“ definierten Meisters, dessen Schaffen sich in besonderer Weise auch in den erhaltenen Bildwerken des Mainzer Westlettners, den Relief mit der Mantelteilung des heiligen Martin in Bassenheim, die Grabplatte des Ritters von Hagen im Merseburger Dom, die Standbilder im Chor und der Achteckkapelle des Meißner Doms und natürlich das „Gesamtkunstwerk“ Westchor des Naumburger Doms mit dem Passionsrelief am Lettner manifestiert, war in seinem künstlerischen Schaffen natürlich nicht frei von kulturellen, religiösen und technischen Rahmenbedingungen. Im Gegensatz zu heute war die künstlerische Ausdrucksform eng an die Botschaften gebunden, die der jeweilige Auftraggeber mit den Bau- und Bildwerken zu vermitteln beabsichtigte. Hinzu kamen Fragen des Transfers von Wissen, Erfahrungen, Architekturkonzepten. Wie also wurde, so auch die Fragestellung des Kapitels „der Baumeister und seine Kathedrale“, aus einer architektonischen Idee ein realer und so unglaublich komplexer Bau wie beispielsweise eine Kathedrale. Wie wurde das Wissen um Konstruktionsprinzipien von der Baustelle etwa in Rheims zur Baustelle in Naumburg transportiert. Welchen Informationsgehalt hatten diesbezüglich die Skizzenbücher der Baumeister oder die Kleinskulpturen wie die Baldachine von Stifterfiguren und Heiligen.

Passions- und Armutsfrömmigkeit

Mit dem Kapitel „Das menschliche Antlitz Christi und die Neubewertung des Individuums“ stellt den nächsten Aspekt dar, der vor allem den Rahmen für die sich wandelnde Gestaltung der sakralen Skulpturenwerke im 13. Jahrhundert darstellt. Seit dem 10. Jahrhundert geriet das Leiden Christi und die Erlösung gegenüber der Vorstellung vom strafenden Richter und König in den Vordergrund der Darstellung des Gekreuzigten. Die Zeit des „Naumburger Meisters“ war geprägt von der Blütezeit der Passionsfrömmigkeit. „Als eine Epoche vielfältiger religiöser Aufbrüche, einer radikalen Armutsfrömmigkeit und eines wachsenden Zustroms von Frauen und Laien zum religiösen Leben griff das 13. Jahrhundert das gewandelte Christusbild und die Passionstheologie und Passionsmystik des 12. Jahrhunderts mit großer Dynamik auf und schuf neue Rahmenbedingungen der Verbreitung.“ formuliert Matthias Werner in seinem Essay. Vor diesem Hintergrund entstanden nicht nur die ausdrucksstarke gotische Kathedralskulptur, sondern auch eine Individualisierung und Emotionalisierung der dargestellten Figuren bis hin zu den Masken von Reims, die, wie Martin Büchsel in seinem Aufsatz „Affekt und Individuum“ feststellt, in der mittelalterlichen Skulptur Zäsur darstellt: „Nie zuvor wurde ein vergleichbares Spektrum von pathognomischen und physiognomischen Ausdrucksformen entwickelt.“

Der Naumburger Dom im Kontext Europas

Dass die Würdigung des Schaffens des „Naumburger Meisters“ am Naumburger Dom nach einer gesamteuropäischen Perspektive verlangt, wird spätestens deutlich, wenn neben den französischen und deutschen Bauwerken, an denen die mittelalterliche Künstlergruppe ihre Spuren hinterlassen hat, auch noch die englische Skulptur des 13. Jahrhunderts zum Vergleich herangezogen wird. Und auch bei der Betrachtung der vor dem Hintergrund  der „Entdeckung der Natur“ in Kunst und Wissenschaft so originalgetreu erscheinenden Pflanzenornamentik  des „Naumburger Meisters“ lassen sich Parallelen zum Höhepunkt englischer Laubwerkornamentik ziehen.

Kapitel IV schließlich stellt die Kathedrale von Rheims und ihre Ausstrahlung in den Mittelpunkt. Themen hierbei: Die Baugeschichte, das Kathedralkapitel, die Entwicklungsphasen der Bildhauerkunst an der Kathedrale, die Charakterisierung der Baumeister der Kathedrale als Bildhauer-Architekten, Stilgeschichte, und Geschichte der Kathedrale und anderes mehr und auch hier natürlich immer wieder die Bezüge zu anderen Bauwerken wie dem Straßburger Münster oder Magdeburg und Naumburg.

Bevor sich die Autoren am Ende des ersten Bandes mit der hochmittelalterlichen Kulturlandschaft und schließlich noch einmal explizit mit dem neusten Erkenntnissen zum Westchor des Naumburger Doms befassen, begeben sich die Wissenschaftler noch einmal aus kunsthistorischer Perspektive auf die Spuren des „Naumburger Meisters“

Geballtes Expertenwissen und offene Fragen

Am Ende des 1. Bandes des durch den integrierten Katalog opulent ausgestatteten Buches angekommen, ist dem Leser klar: das Thema ist so komplex, dass auch der zweite Band noch eine Fülle von Themen und Erkenntnissen bereithalten wird. Tatsächlich dokumentieren die ersten knapp 800 Seiten geballten Expertenwissens nicht nur weiteren Forschungsbedarf, sondern auch das außerordentlich breite Spektrum von Fragestellungen und Blickwinkeln, unter dem das durch den Arbeitstitel „Naumburger Meister“ umrissene Thema westeuropäischer Kathedralenbau im 13. Jahrhundert betrachtet werden muss.

Enno Bünz, Camphausen, Kunde u.a. (Hrsg.): Der Naumburger Meister, Bildhauer und Architekt im Europa der Kathedralen, Band 1. Michael Imhof Verlag 2011. Gebunden mit Schutzumschlag, 784 Seiten.

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Eingeordnet unter 3 Mittelalter, Ausstellungen, Rezension

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