"Agincourt", ein Buch über die Niederlage der europäischen Ritterelite

Als die englische Flotte mit dem Heer König Henry V. am 13. August 1415 vor der Seinemündung vor Anker ging, um wieder einmal dem Anspruch des englischen Herrscherhauses auf den französischen Thron militärischen Nachdruck zu verleihen, ahnte noch niemand, was auf die englischen Ritter und Söldner zukommen sollte.

447166_de_179_3_aginAllein die Belagerung der Hafenstadt Harfleur, die am 18. August begonnen hatte, dauerte länger als geplant. Als die Stadt schließlich am 23. September von den englischen Truppen übernommen worden war, hatte nicht nur der Sturm auf die gut verteidigten Mauern unter den englischen Belagerern grausame Ernte gehalten. Dr. Johann Baier, Autor des Buches „Die Schlacht von Agincourt“ schildert anschaulich und lebendig am Beispiel Harfleur die mittelalterlichen Belagerungs- und Verteidigungstechniken.

Belagerung von Harfleur

Schon bei der Belagerung von Harfleur wird deutlich, dass für die mittelalterlichen Kriegsleute die größten Gefahren eines Feldzuges weniger in den eher seltenen großen Schlachten lauerten. Die Belagerung Harfleurs hatte das englische Heer allein durch die Dauer und die ungesunden Lebensumstände in dem sumpfigen und brackigen Schwemmland mehr als 7000 Kämpfer gekostet. 2000 Männer waren an der Ruhr gestorben, mehr als 5000 mussten zurück nach England geschickt werden. Und so umfasste das englische Heer, abzüglich der 1200 Mann, die Henry V. als Besatzung von Harfleur zurücklassen musste, gerade noch rund 1000 Ritter und etwa 5000 Bogenschützen. Da ein Marsch auf Paris nun nicht mehr in Frage kam, führte der englische König seine von Krankheit und Hunger geschwächten Männer durch die herbstlichen Regenfälle nunmehr in Richtung Calais, seinem englischen Stützpunkt in Nordfrankreich.

Die Schlacht bei Agincourt

Bei Agincourt schließlich, wo das Französische Heer den englischen Truppen den Weg nach Calais abgeschnitten hatte, kommt es zur in Verlauf und Ergebnis recht paradoxen Schlacht. 5000 kaum gerüstete Bogenschützen greifen das insgesamt rund 30.000 Kämpfer umfassende Heer Charles VI an, darunter Tausende Panzerreiter der europäischen Ritterelite. Der Ausgang ist bekannt, die Franzosen erleiden eine vernichtende Niederlage. Bei der Beschreibung der Schlacht bedient sich Baier als Quelle unter anderem des Augenzeugen Thomas Elmham, dem Kaplan Henrys V., der seinen detaillierten Schlachtbericht im „Gesta Henrici Quinti“ (Die Taten Heinrichs des Fünften) niedergeschrieben hat. Baier vermittelt in „Die Schlacht von Agincourt“ aber weitaus mehr als nur den skurillen Schlachtverlauf, bei dem sich der Leser beinahe selbst als Augenzeuge fühlt. Immer wieder eingeflochten, die historisch-politischen Hintergründe, die Biografie Henrys V. und nicht zu vergessen die zu den Ereignissen passenden Kommentare Shakespeares, die aus seinen Dramen Henry IV. Und Henry V. entnommen sind.

Bogenschützen und Panzerreiter

Geschickt nutzt Baier die Auseinandersetzungen auf englischem Boden im Vorfeld von Henrys Offensive gegen Frankreich, Phasen und Ereignisse des Feldzuges, die Schlacht selbst oder die Wetterverhältnisse bei der Schlacht, um Besonderheiten von Waffen und Rüstungen der Kontrahenten und die unterschiedlichen Konzepte bei Aufbau, Organisation und Philosophie der Armeen und nicht zuletzt die spezifischen Kampftechniken der verschiedenen Waffengattungen zu beschreiben. Diese Erklärungen stellen nicht nur interessante Informationen für Reenactors dar, sondern versetzten den Leser in die Lage, die Geschehnisse auch nachzuvollziehen. Alles in allem ein lesenswertes Buch, das aber literarisch von seinem Nachfolger „Krähen über Crécy“ noch getoppt wird.

Johann Baier: Die Schlacht bei Agincourt. Verlag Angelika Hörnig, 2. Aufl 2008. Hardcover, 144 Seiten.

 

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Eingeordnet unter 3 Mittelalter, Rezension

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