"AufRuhr 1225" ein Standardwerk zum Mittelalter

Wie bereits die umfassende inhaltliche Vorankündigung der Ausstellung des Jahres 2010 „AufRuhr 1225!“ im LWL-Landesmuseum Herne, beginnt auch der gleichnamige Begleitband mit der Tötung des Kölner Erzbischofs Engelbert durch den Grafen Friedrich von Isenburg im Jahre 1225.

479137_de_4108_aufruBereits beim ersten Essay, der sich nicht nur mit dem Ereignis selbst, sondern auch mit der Vorgeschichte, den Quellen und auf dieser Basis nicht zuletzt auch den Intentionen und Interessenlagen der Täter, Opfer und Berichterstatter befasst, wird deutlich, wie außerordentlich gut dieser Einstieg in das eigentliche Ausstellungsthema „Ritter, Burgen und Intrigen, das Mittelalter an Rhein und Ruhr“ gewählt ist.

Engelbert und das mittelalterliche Rechtssystem

Im Kapitel zur rechtsgeschichtlichen Rekonstruktion und Bewertung des Vorgangs und des anschließenden juristischen Verfahrens, kommt der Autor zu dem Schluss, dass hier aus Machtinteressen heraus ein eindeutig politischer Prozess gegen den vermeintlichen Mörder Graf von Isenburg stattgefunden hatte. Dabei ist diese Schlussfolgerung selbst nicht unbedingt überraschend, denn der mittelalterlichen Rechtsprechung wird ja ohnehin ein gehöriges Maß an Willkür unterstellt. Spannender als das Ergebnis ist daher, dass im Zusammenhang mit der Untersuchung von Tathergang, Verfahren und Urteil dem Leser das zu jener Zeit komplex strukturierte und institutionalisierte mittelalterliche Rechtssystem anschaulich in seiner Entwicklung dargestellt wird.

Bischof Engelbert und Graf von Isenburg

Dieser Entwicklungsaspekt ist es, der sich durch die Essays des ganzen, hervorragend illustrierten Begleitbandes zur Ausstellung „Aufruhr 1225“ zieht. Und gerade durch diesen roten Faden man merkt dem Buch auch die solide inhaltliche Vorbereitung des Gesamtprojektes und die ausgezeichnete redaktionelle Betreuung an. Immerhin die Essays von 18 Fachautoren mussten inhaltlich und strukturell so koordiniert werden, dass am Ende ein Buch entstanden ist, dass trotz des zentralen Ansatzpunktes „Engelbert und Isenburg“, selbst bei sich überschneidenden Themen dem Leser keine irritierenden und letztendlich auch langweilenden Wiederholungen zumutet. Somit ist das Buch nicht nur hinsichtlich seines Umfangs gewichtig. Allein der Katalogteil des rund 3 Kilogramm schwere Werkes umfasst gut 270 Seiten, und zusammen mit den rund 50 Seiten Quellenangaben und Literaturhinweisen, bringt es der Begleitband zur Ausstellung auf immerhin 600 Seiten geballten und weitestgehend kurzweilig vermittelten Wissens über das Mittelalter in Deutschland.

Herrschaft im Mittelalter

Bei der Entwicklung von Herrschaftsstrukturen im Mittelalter spielen nicht nur die verschiedenen Kräfte, wie Adel, Klerus, Bürgertum eine wichtige Rolle, sondern auch verwandtschaftliche Beziehungsgeflechte, in Konventionen gegossene Strategien der Konfliktbewältigung und des Interessensausgleichs oder die ökonomischen und politischen Autonomiebestrebungen bei gleichzeitigem Bestreben territorialer Kontrolle und Konsolidierung der verschiedenen Akteure. Und die Lektüre des Buches macht deutlich: die mittelalterliche Gesellschaft war strukturell gesehen ständig in Bewegung. Das Mittelalter schlechthin oder die mittelalterliche Gesellschaft hatte es nie gegeben und auch die Einteilung in Früh, Hoch- oder Spätmittelalter anhand bestimmter Ereignisse erscheint ein wenig willkürlich. Allein das Kapitel zu Waffen und Rüstung zeigt die ständigen gesellschaftlichen Veränderungsprozesse und räumt mit einigen Vorurteilen auf. Für den Mittelalterfan, den Burgenliebhaber oder den Reenactor ist das Buch schon beinahe ein Muss. So manche Vorstellung vom Mittelalter wird hier zurecht gerückt, vieles in neue Zusammenhänge gestellt und vor allem ist die Betrachtung nicht auf das Rhein- Ruhr-Gebiet beschränkt.

Die Mächtigen des Deutschen Reiches

Allein die Tatsache, dass die Forschung über das Mittelalter in dieser Region gegenüber dem wissenschaftlichen Interesse an der industriellen Entwicklung der Neuzeit in der Vergangenheit stark vernachlässigt worden war, zwang die Autoren immer wieder zu Anlehnungen an Forschungsergebnisse aus anderen Regionen. Als Beispiel sei hier nur der Burgenbau und die Rekonstruktion der Turmhügelburg oder auch das Klosterwesen genannt. Trotz des Fokus auf das Rhein-Ruhr-Gebiet und trotz der „Engelbert-Affäre“ als Ausgangspunkt, zeichnet das Buch „Aufruhr 1225“ daher ein umfassendes Bild der Entwicklungen im Mittelalter Deutschlands etwa seit dem 8. Jahrhundert bis zum Beginn der Neuzeit. Natürlich auch deshalb, weil die Kontrahenten der Engelbertgeschichte wichtige Stellungen im Machtgefüge des Deutschen Reiches inne hatten.

Burgen, Klöster, Städte im Mittelalter

Das Buch „Aufruhr 1225“ behandelt ein recht breites Spektrum der mittelalterlichen Gesellschaft. Das beginnt bei der Analyse des Konfliktes zwischen dem kölnischen Erzbistum und dem Adel, der durch Engelbert und den Grafen von Isenburg veranschaulicht wird. Eine dritte Partei war die Abtissin von Essen, deren Rolle in diesem Konflikt zum Anlass genommen wird, über die Entwicklung und Bedeutung der „Klosterlandschaft Ruhrgebiet“ zu informieren und angesichts der durchaus mächtigen Klosterfrau über Frauen in den Familienstrukturen des europäischen Adels im Hoch- und Spätmittelalter zu berichten. Geschickt bildet der Essay zu Harnisch und Waffen des Hoch- und Spätmittelalters das inhaltliche Scharnier zu den Beiträgen über die Städte und ihre Rolle in der Territorialisierung des 13. Jahrhunderts. Denn Rüstung und Waffen waren nicht nur ritterliche sondern auch Stadtbürgerliche Attribute. Mit der „Burgenlandschaft Dortmunds“ schließen sich die Beiträge über die Burg und ihre Entwicklungen an. Und die „Rekonstruktion einer idealtypischen Motte“ schließt den inhaltlichen Teil des Begleitbandes zur Ausstellung im LWL-Museum für Archäologie.

LWL-Museum für Archäologie (Hrg.): Ritter, Burgen und Intrigen, Aufruhr 1225, Das Mittelalter an Rhein und Ruhr. Verlag Philipp von Zabern 2010. Gebunden mit Schutzumschlag, 600 Seiten.

 

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Eingeordnet unter 3 Mittelalter, Rezension

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