Das Luftkissenfahrzeug des K.u.K.-Leutnants Müller von Thomamühl

Bereits 1865 dachte der britische Schiffbauingenieur J. Scott Russel über eine Art Luftkissen nach, um die Reibung zwischen Wasser und Schiffsrumpf zu vermindern. Der bekannte britische Torpedobootbauer Sir John Thornycraft hatte diesen Gedanken 1870 aufgegriffen und weiterentwickelt.
448890_de_97837083061877 ließ er sich die Konstruktion eines mit Druckluft gefüllten hohlbodigen Luftkissenbootes patentieren. Weiterentwicklungen, Entwürfe und Patente folgten. Zuletzt entwarf der schwedische Ingenieur Hans Dineson ein Fahrzeug mit flexiblen Gummipolster-Dichtungen. Aber erst 1915 gelang es dem österreichischen Linienschiffsleutnant Dagobert Müller von Thomamühl ein Luftkissenfahrzeug zu bauen, das 1916 erfolgreich den Praxistest bestand. Im Buch „Das erste Luftkissenfahrzeug der Welt“ setzen sich die Autoren Helmut W. Malnig und Gerhard Schuster mit historischem, militärischem und technischem Hintergrund des hochinnovativen Versuchsbootes kurz vor dem Ende Österreichs als Seemacht 1918 auseinander.

Luftkissenboot als Torpedoträger

Als von Thomamühl seine Versuche mit dem zunächst als Hochgeschwindigkeits- Gleitboot mit Bodeneffekt und aufgestautem Luftkissen begann, befand sich die damals Weltweit immerhin an achter Stelle rangierende Seemacht Österreich-Ungarn mit ihrem adriatischen Flottenstützpunkt Pola in einer schwierigen Situation. Die Kriegsgegner, England, Frankreich, Russland und 1915 auch noch Italien bildeten mit ihrer vereinigten Mittelmeerflotte einen übermächtigen Gegner. Zudem hatte die kaiserlich-königlische Marine auch noch wichtige Entwicklungen verschlafen. Denn die Italienische Marine kontrollierte die adriatischen Küstengewässer mit den neuen schnellen Motortorpedobooten, denen die österreich-ungarische „Dickschiffmarine“ kaum etwas entgegen zu setzen hatte. Und so war das „Versuchsgleitboot“ des von Thomamühl von vornherein als Torpedoträger konzipiert.

Obwohl das Fahrzeug bei den erfolgreichen Testfahrten seine Funktionsfähigkeit unter Beweis stellen konnte, wurde die immer mit sehr beschränkten finanziellen und technischen Mitteln ausgestattete Entwicklung vom Flottenkommando nicht weiter verfolgt. Das Projekt geriet nicht zuletzt aufgrund des Kriegsausganges und dem damit verbundenen Ende der Österreichischen Marine in Vergessenheit. Erst 1955 patentierte der Brite Christopher S. Cockerell sein Hovercraft und wurde im öffentlichen Bewusstsein zum Erfinder des Luftkissenfahrzeuges.

Dagobert Müller von Thomamühl und die Lichtschranke

Das Buch „Das erste Luftkissenfahrzeug der Welt“ stellt nicht nur die Entwicklung und die technischen Details des innovativen Torpedoträgers der k.u.k. Marine vor. Auch das Leben des Marineoffiziers und Ingenieurs, Dagobert Müller von Thomamühl wird dem Leser zum Glück nicht vorenthalten. Immerhin war sein Lebenswerk mit dem Zusammenbruch der Monarchie 1918, der im Anhang durch persönliche Briefe von Thomamühls dokumentiert wird, nicht zu Ende. Gemeinsam mit Prof. Hans Thirring patentierte der nun zum tschechischen Staatsbürger gewordene Marineoffizier 1924 beispielsweise die Erfindung der Lichtschranke. Und insgesamt vermittelt die Vita des vielseitigen Mannes die komplizierten Schicksale von Menschen, die die beiden Weltkriege und ihre Folgen erleben mussten.

Während der erste Teil des Buches eine komplexe technologisch- historische Abhandlung des ersten Luftkissenbootes der Welt darstellt, die mit wunderbaren Konstruktionszeichnungen, historischen Fotos und Dokumenten unter anderem aus dem Archiv der Familie von Thomamühl ausgestattet ist, widmet sich Gerhard Schuster ganz dem Modell des einzigartigen Versuchsbootes.

Modellbau des ersten Luftkissenfahrzeugs

Teil II des „ersten Luftkissenfahrzeugs der Welt“ ist zweifelsfrei ein echtes Modellbaubuch. Da beschreibt Schuster die Quellenlage für den Nachbau im Maßstab 1:16 in Form von Plänen und Fotos, lässt den Leser an seinen Detailrecherchen teilhaben und beschreibt schließlich Schritt für Schritt den Bau vom Rumpf bis hin zu den kleinsten Einzelheiten. Dabei finden sich hier technische Details zum Boot, die im ersten Teil nicht angesprochen werden.

Das Buch „Das erste Luftkissenfahrzeug der Welt“ befriedigt die Bedürfnisse des Modellbauers, des Technik-Interessierten und des Marinehistorikers in gleicher Weise. Und es ist allein schon deshalb lesenswert, weil es in einer sehr kompakten Kombination zwischen Persönlichem Schicksal, Geschichte und Technik ein recht unbekanntes aber ungemein interessantes und lebendig dokumentiertes historisches Kapitel nahebringt.

Helmut W. Malnig, Gerhard Schuster: Das erste Luftkissenfahrzeug der Welt. Neuer Wissenschaftlicher Verlag, 2009. Hardcover, 112 Seiten.

 

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Eingeordnet unter 19. Jahrhundert, 5 Neuzeit, Rezension, Schifffahrtsgeschichte

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