Zeuge des Untergangs – der Bootsmann der Mary Rose

451648_de_bosum1Die genauen Zusammenhänge und Ursachen des Untergangs der Mary Rose, Flaggschiff Heinrich VIII  sind noch immer nicht gänzlich geklärt. Fest steht, dass im Juli 1545 Wasser durch die offenen Geschützluken des unteren Kanonendecks eingedrungen ist und das Schiff innerhalb von wenigen Minuten zum Sinken gebracht hatte.

Darüber, warum die Luken offen standen, wird immer noch gerätselt. Und so ist auch die am 11. Februar 2010 vorgenommene Enthüllung der Gesichtsrekonstruktion des Bootsmannes der Mary Rose im Mary-Rose-Museum des Portsmouth Historic Dockyard Anlass für neue Spekulationen.

Der Bootsmann aus Süd-West-England

Dass es sich bei dem Kopf, der auf der Basis eines aus dem Wrack geborgenen Schädels rekonstruiert worden ist, um den Bootsmann handelt, steht außer Frage. Immerhin wurde bei den Überresten ein eindeutiges Indiz für seine Stellung an Bord gefunden, die Bootsmannspfeife. Bei der forensischen Analyse der Überreste des Bootsmannes kamen noch weitere Informationen zu Tage, die dem Opfer der Mary Rose- Katastrophe, eines von mehr als 500, auch im übertragenen Sinne ein Gesicht verleihen. So haben die Untersuchungen an Knochen und Zähnen ergeben, dass der Bootsmann um die 40 Jahre alt gewesen sein muss und zur Zeit des Untergangs keine harte körperliche Arbeit mehr verrichten musste -eine Bestätigung seines Ranges. Die Abnutzungsspuren am Skelett zeigen aber andererseits, dass sich der Bootsmann von der Pike auf hochgearbeitet hatte. Und die Zähne haben den Wissenschaftlern auch noch verraten, dass der Mann aus Süd-West-England stammte.

Rekonstruktion eines Gesichtes aus der Tudor-Zeit

Auf der Basis biomedizinischer, archäologischer und historischer Analysen und Erkenntnisse hatte der renommierte forensische Künstler Richard Neave zusammen mit zwei seiner Kollegen das Gesicht des Bootsmanns Schritt für Schritt auf einer Nachbildung des Originalschädels rekonstruiert. Nun wird das Werk der Öffentlichkeit im Rahmen der Ausstellung im Mary-Rose-Museum präsentiert, die vor allem die umfangreiche Sammlung der von der Mary Rose geborgenen Alltagsgegenstände aus der Tudor-Zeit zeigt. Der Geschäftsführer des Mary-Rose-Trusts, John Lippiett, kommentierte die Aufnahme der Gesichtsrekonstruktion in die Mary Rose- Sammlung mit den Worten: „es ist großartig, nach all den Jahren die Möglichkeit zu haben, zu sehen, wie der Bootsmann ausgesehen hatte und ihn in unserem Museum begrüßen zu können.“

Der Bootsmann der Mary Rose: Opfer oder Täter?

Ob allerdings der Bootsmann ebenso glücklich über seine öffentliche Präsentation wäre, mag bezweifelt werden. Denn ausgerechnet seine Person ist nun zum Objekt der Spekulationen über den Mary Rose- Untergang geworden. So war es eigentlich seine Aufgabe gewesen, für geschlossene Stückpforten zu sorgen. Aber auch die Frage, ob der Mann nun Opfer oder gar Mitverursacher der Katastrophe gewesen ist, wird sich wohl nie klären lassen. Möglicherweise waren nämlich die Geschützpforten auf „Befehl von Oben“ offengelassen worden, um gerade das untere Geschützdeck ordentlich zu durchlüften. Denn zeitgenössische Berichte sprechen dafür, dass die Besatzung von einer Lebensmittelvergiftung oder Influenzaepedemie gepeinigt worden war, die geradezu nach Frischluft verlangte.

 

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