Das geht auf keine Kuhhaut – Redewendungen aus dem Mittelalter

Dass sich der Ursprung heutiger Redewendungen bis ins Mittelalter zurückverfolgen lässt, ist bekannt. Nicht immer aber stimmen die landläufigen Ableitungen. Mit seinem Buch „Das geht auf keine Kuhhaut, Redewendungen aus dem Mittelalter“ untersucht der studierte Germanist und Historiker, Gerhard Wagner alltägliche und nicht mehr ganz so alltägliche Redewendungen auf ihren Ursprung.

9783806224719-bBereits in seinem Vorwort betont Wagner, dass bei Kindern und Jugendlichen selbst jene Redewendungen oft sogar aus dem passiven Wortschatz verschwunden sind, die den Älteren unter uns wenigstens noch geläufig sind. Wagner bemängelt ebenfalls, dass sich Nutzer auf den „einschlägigen“ Internetseiten oft Bedeutungen zusammenreimen, die manchmal mehr oder weniger aus der Luft gegriffen sind.

Von Pechnasen und Leimruten

Mit immerhin 250 Artikeln, in denen knapp 300 Redewendungen zusammengefasst und erklärt sind, zieht Wagner nun gegen das Vergessen zu Felde, auf dass wenigstens einige der bedrohten „(Redens-)Arten vor dem Aussterben bewahrt werden.“ In sieben Kapitel hat der Autor sein sprachliches Aufklärungswerk gegliedert, angefangen von „Ritterliches“, über „Gerichtliches“, „Historisches“, „Kirchliches“ und „Öffentliches“ bis hin zu „Häusliches“. So mancher Irrtum über die Herkunft bestimmter Redensarten wird dabei aufgedeckt, so manche scheinbar logische Ableitung als völlig daneben  entlarvt.
Natürlich haben die Redewendungen inzwischen ihre ursprünglichen Zusammenhänge weitestgehend verloren. Schließlich gibt es heute meist den zugrunde liegenden oft mehr als rund 500 Jahre zurückliegenden Sachverhalt gar nicht mehr. Als Beispiele seien hier das mit der Blaufärberei zusammenhängende „Blaumachen“, oder die „Leimrute“ zum Vogelfang als Grundlage für die „Pechnase“ erwähnt.

Die Flinte im Korn

Ob das Buch geschichtsunkundigen Erwachsenen die Ursprünge der bildstarken Begriffe nahe zu bringen vermag, darf bezweifelt werden. Und auch die Frage, ob die zwar lockeren aber auch recht knappen Erklärungen das vom Autor angeführte Unverständnis von Kindern und Jugendlichen wenigstens hinsichtlich der aktuellen Bedeutung der Redewendungen ein wenig zu beseitigen hilft, mag offen bleiben. Tatsächlich dürften in einer Zeit, in der zumindest in der Breite weder den Erwachsenen noch den Kindern und Jugendlichen Existenz und Funktion einer Zündkerze im Automotor geläufig sind, so manche Erklärungen für die angesprochene Zielgruppe kaum wirklich erhellend sein. So erklärt Wagner bei der Redewendung „Die Flinte ins Korn werfen“, dass der Begriff Flinte auf den Flintstein, mit dem „damals der Zündfunke in den Vorderladergewehren erzeugt wurde“ zurückgeht. Gewisse konstruktive Vorkenntnisse hinsichtlich der Feuerwaffen erfordert zweifellos auch die Erklärung zum Begriff „Vernagelt sein“. Hier spielen Zündloch, Zündkanal und Hauptrohr des auf einer Lafette liegenden Geschützrohres eine zentrale Rolle.

Aha-Effekte und Holzwege

Für Mittelalter- und Geschichtsfreunde stellen die Erklärungen keine sonderliche Herausforderung dar. Hier offenbaren sich ab und zu der beabsichtigte Aha-Effekt und das klammheimliche Eingeständnis, mit den eigenen Vorstellungen gelegentlich wohl so ziemlich auf dem Holzweg gewesen zu sein. Gerhard Wagner verfolgt mit seinem Buch „Das geht auf keine Kuhhaut“ auch nicht den Anspruch ein wissenschaftliches Werk zu publizieren. Vielmehr möchte er „auf unterhaltsame Weise interessante Informationen über die in unserer Sprache so verbreiteten Floskeln und Redewendungen“ bieten. Und das ist ihm mit dem Buch durchaus gelungen. Vor allem auch durch die Erläuterungen zu Natur und Genese der „sprachlichen Brücken in die Vergangenheit“ im Vorwort und nicht zuletzt durch das Stichwort-, Literatur- und Webseitenverzeichnis.

Gerhard Wagner: Das geht auf keine Kuhhaut, Redewendungen aus dem Mittelalter, Theiss 2011. Gebunden,  160 Seiten.

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Eingeordnet unter 3 Mittelalter, Rezension

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