Das Mumienforschungsprojekt der Reiss-Engelhorn-Museen

Die spektakuläre Wanderausstellung „Mumies of the World“, mit der seit Mitte 2010 rund 70 Mumien aus der ganzen Welt durch die USA reisen, geht auf eine Initiative der Reiss-Engelhorn-Museen in Mannheim zurück.

Als 2004 die Depots der Reiss-Engelhorn-Museen (rem) in Mannheim umstrukturiert wurden, erwartete die Mitarbeiter des Hauses eine geradezu sensationelle Überraschung. 20 „vergessene“ Mumien unterschiedlicher Herkunft tauchten in den Tiefen der Lager wieder auf und stellten Sammlungsleiter und Restauratoren vor einige Rätsel. Eine Dokumentation dieser speziellen Sammlungsbestände war kaum vorhanden, die Inventarbücher wiesen einige der wiedergefundenen Objekte gar als „Kriegsverlust“ aus. Schnell hatte man sich entschlossen, die notwendige Restaurierung und die moderne, den ethischen Richtlinien des internationalen Museumsrates (International Council of Museums, ICOM) entsprechende Aufbewahrung der Mumien, von einem wissenschaftlichen Untersuchungsprogramm zu begleiten. Das Programm sollte nicht nur die teils massiven Informationslücken zu den Objekten schließen, sondern auch die jeweils optimale Aufbewahrungsmöglichkeit für die einzelnen Mumien ermitteln.

Auf die Mumie gekommen, das rem-Mumienforschungsprojekt

Was mit einem Zufallsfund begann, entwickelte sich schnell zu einer international bedeutenden Institution, dem rem-Mumienforschungsprojekt, in dessen Rahmen Anatomen, Mediziner, Chemiker, Physiker, Biologen, Genetiker und andere Spezialisten Zusammenarbeiten. Dem Projektleiter, Dr. Wilfried Rosendahl war es schnell gelungen, internationale Kooperationspartner für das rem-Mumienforschungsprojekt zu gewinnen. Dazu gehören neben Dr. Albert Zink vom „Institut for the Iceman and Mummies“ der Europäischen Akademie Bozen auch Prof. Dr. Heather Gill-Robinson von der amerikanischen North Dakota State University.

Das inzwischen zum „German Mummy Projekt“ avancierte Mumienforschungsprogramm  der Reiss-Engelhorn-Museen hatte schließlich 2007 zu der imposanten Sonderausstellung „Mumien, der Traum vom ewigen Leben“ geführt. Zur Mannheimer Ausstellung, die immerhin 60 Mumien und zahlreiche Begleitfunde aus aller Welt präsentiert hatte, und nach einer Zwischenstation in Schloß Gottorf, in Schleswig und im Kasseler Naturkundemuseum besichtigt werden konnte, ist ein eindrucksvoller Begleitband erschienen, der das Thema Mumien natur- und kulturgeschichtlich sehr umfassend behandelt und natürlich auch die neuesten Forschungserkenntnisse vorstellt.

Mumien in der „Röhre“, zerstörungsfreie CT-Untersuchungen

Bis zum Start der amerikanisch-deutschen Superausstellung „Mumies of the World“ Mitte 2010 in den USA, mussten die Mannheimer hart arbeiten. Denn wenigstens 12 Ganzkörpermumien mussten noch intensiv untersucht und erforscht werden, bevor sie auf ihre Reise über den großen Teich gehen konnten. Darunter befanden sich unter anderem peruanische Mumien aus der Schweiz oder die Vorfahren des Barons von Crailsheim aus der Familiengruft von Schloss Sommersdorf.

Auch die Leihgaben aus dem Museum der Kulturen und dem Naturhistorischen Museum in Basel, drei agyptische Mumien, eine Frau, ein Mann und ein Kind, mussten Mitte 2009 in die „Röhre“. Sie bildeten den Auftakt der Untersuchungen mit einem besonders leistungsfähigen Computertomographen (CT), der den Mumienforschern durch die Kooperation mit der Universitätsmedizin Mannheim seit Mitte 2009 zur Verfügung steht. Bereits erste CT-Untersuchungen hatten interessante Erkenntnisse zu Tage gebracht. So entpuppte sich beispielsweise die für ein Baby gehaltene vollständig bandagierte Kindermumie als Kleinkind, das mit zusammengeschobenen Beinen bandagiert worden war.

Natürlich sind Untersuchungen mit dem Computertomographen nur ein erster aber aufschlussreicher Blick in das innere einer Mumie. Die im März 2009 durchgeführte CT-Untersuchung einer peruanischen Reiss-Engelhorn-Mumie beispielsweise – eine Frau mit gekreuzten Beinen, 30 bis 59 Jahre alt und auf das Jahr 1415 datiert – hatte zwei von ihrer Hand umschlossene Kinderzähne enthüllt. Natürlich ergaben sich allein daraus weitere, noch ungeklärte Fragen.

Amerikanische „Blockbuster- Mumienausstellung“

Sicherlich hat auch der gute Kontakt zur North Dakota State University dazu beigetragen, dass die Reiss-Engelhorn-Museen in Kooperation  mit dem kommerziellen Ausstellungsproduzenten „American Exhibitions“ schließlich die weltweit größte Mumienausstellung für die USA vorbereiteten. Die Wanderausstellung „Mummies of the World: The Dream of Eternal Life” tourt seit Juli 2010 mit 70 Mumien aus aller Welt – darunter die bereits in Mannheim gezeigten Objekte aus dem Alten Ägypten, Südamerika, Asien, Ozeanien und Europa – durch amerikanische Städte wie Los Angeles, Philadelphia, Chicago, Denver Huston, Boston oder St. Louis. Auf insgesamt drei Jahre ist die Wandersusstellung angelegt, die derzeit im Milwaukee Public Museum zu sehen ist.

 

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Eingeordnet unter Archäologie, Ausstellungen, Ethnologie

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