Masken der Vorzeit in Europa – Rezension

Mit Masken in ihrer materiellen und rituellen Komplexität von der Vorzeit bis zum Mittelalter befasste sich eine zweiteilige  internationale Tagung jeweils im November 2009 und 2010 des Landesmuseums für Vorgeschichte in Halle.

Masken der Vorzeit in Europa (I)

Masken der Vorzeit in Europa (I), Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen Anhalt

Rechtzeitig zum zweiten Tagungsteil im November 2010, der die Masken zwischen dem 8. Jahrhundert vor und dem 12. Jahrhundert nach unserer Zeitrechnung untersucht, ist der Tagungsband „Masken der Vorzeit in Europa (I)“ zur 2009er Tagung erschienen. Hier behandeln die Wissenschaftler das Thema Masken von der Vorzeit bis in die frühe Eisenzeit Europas.

Masken, Magie und Transformation

Dass Masken kulturgeschichtlich mit Ritualen in Zusammenhang zu sehen sind, liegt auf der Hand. Seit wann und in welchem konkreten Zusammenhang Masken verwendet wurden, darüber lässt sich weitestgehend nur spekulieren. Und auch die Frage, was eine Maske ist, gehört zu den Abgrenzungsaufgaben, mit denen sich die Wissenschaftler der archäologischen Tagung in Halle immer wieder befassen mussten. Natürlich ist eine Maske zunächst einmal eine Verkleidung, sei es des Gesichts, sei es des ganzen Körpers. Bei genauerer Betrachtung dient sie aber nicht nur dazu, etwas zu verbergen – beispielsweise das Gesicht oder den Körper des Trägers. Masken stellen auch etwas dar, transformieren Identitäten, sind selbst Träger von Eigenschaften, von Magie und vieles andere mehr. Den Veranstaltern der Tagung geht es jedoch weniger um die Maske als Metapher, sondern um die systematische Erschließung der aus der Vorzeit Europas überlieferten Masken als Objekte.

Körpermasken und Idole

Dass beispielsweise die vorzeitlichen Körpermasken aufgrund der in der Regel verwendeten Naturmaterialien materiell kaum überliefert sind, stellt eine der Herausforderungen des Themas dar. Und so müssen, je weiter der Untersuchungszeitraum zurückreicht, beispielsweise Höhlenmalereien, Idole, Darstellungen auf Keramiken, Totenmasken, Figuren oder Felsritzzeichnungen als Indizien für den kulturellen Maskengebrauch herhalten. Gerade hinsichtlich ihres Zwecks, der dahinterstehenden weltanschaulichen Vorstellungen, der Rituale oder auch der kulturellen und regionalen  Verbreitung kann da nur ganz vorsichtig und durchaus gegensätzlich interpretiert und spekuliert werden.

Archäologische Bestandsaufnahme von Masken

Vor diesem Hintergrund stellt „Masken der Vorzeit in Europa (I)“ vor allem eine archäologische Bestandsaufnahme all jener themenrelevanten materiellen Hinterlassenschaften dar, die einen Bezug zum Thema Masken haben könnten. Das beginnt mit den Figürchen und Höhlenmalereien der Altsteinzeit, den entsprechenden Hinterlassenschaften des Jungpaläolithikum und führt über die menschlichen Gesichter auf Gefäßen des mittel- und südosteuropäischen Neolithikums zu den Maskengräbern  der Kupferzeitlichen Nekropole von Varna. Einen breiten Raum nehmen auch  die Schädelmasken ein, die nicht nur durch die Funde aus der Siedlung Hunte 1 im Landkreis Diepholz repräsentiert werden, sondern auch in anderen Aufsätzen, nicht zuletzt in „Kopfkult der Kelten“ eine gewisse Rolle spielen.

Masken als archäologisches Forschungsfeld

Die Stelen der Hallstattzeit, die Goldmasken aus Mykene, Gesichtsurnen aus Dänemark, die verhältnismäßigen seltenen phönizischen Masken, und nicht zuletzt selbstverständlich die Genese der griechischen Masken; die Untersuchung all dieser Artefakte  dient dem Zweck, dem Phänomen Maske archäologisch besser auf die Spur zu kommen. Dabei zeigt die Lektüre der Tagungsbeiträge, dass die Forschung zum Thema noch am Anfang steht. Daher soll die vom Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt zusammen mit dem Landesmuseum für Vorgeschichte Halle und der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg organisierte Tagung,  dieses Forschungsfeld in Zusammenhang mit der Vorbereitung einer internationalen Sonderausstellung für die archäologischen Wissenschaften neu erschließen.

Vorbereitung einer Maskenausstellung

Zweifellos darf man auf diese Ausstellung gespannt sein. Denn bereits „Masken der Vorzeit (I)“ zeigt durch sein recht breites Spektrum der zum Thema herangezogenen Artefakte aber auch durch die Variationen der von den einzelnen Autoren jeweils vorgeschlagenen Begriffsdefinition oder die gelegentlichen vorsichtigen ethnologischen und kulturellen Analogieschlüsse, noch erheblichen Forschungsbedarf.

Harald Meller, Regine Maraszek (Hrsg.): Masken der Vorzeit in Europa (I), Tagungen des Landesmuseums für Vorgeschichte Halle (Saale), Band 4/2010. Halle 2010. Gebunden, 232 Seiten.

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