Mumien. Der Traum vom ewigen Leben – Rezension

Eines der wohl komplettesten Werke zum Thema Mumien ist 2007 als Begleitband der spektakulären Sonderausstellung „Mumien“ in den Reiss-Engelhorn-Museen entstanden. Selbstverständlich beinhaltet das Buch mit dem Titel „Mumien – Der Traum vom ewigen Leben“ auch ein Kapitel über die ägyptischen Mumien, die ägyptische Mumifizierungstechnik und den Totenkult.

Ötzi, der Gletschermann und die prominenten Moorleichen dürfen bei der Bearbeitung dieses Themas natürlich ebenfalls nicht fehlen. Aber das Buch ist wesentlich mehr, als nur eine umfassende Bestandsaufnahme von historischen Mumifizierungstechniken und Mumienfunden. Wie die Verfasser des Ausstellungsbandes in ihrer Einführung formulieren, sollen Ausstellung und Buch eine natur- und kulturgeschichtliche Gesamtschau zum Thema mit über 60 Mumienfunden von allen Kontinenten und aus allen Natur- und Kulturräumen liefern.

Mumien, Fäulnis und Verwesung

Das Buch wird dem Anspruch, der noch um die  wissenschaftlich- technischen Untersuchungsmethoden und interdisziplinären Forschungsansätze erweitert ist, durchaus gerecht. Und wie ernst es die Herausgeber mit der Gesamtschau meinen, zeigt sich bereits am ersten Kapitel über den natürlichen Kreislauf von Werden und Vergehen. Auf den ersten Blick nicht unbedingt appetitlich, wenn da – mit sehr anschaulichen Abbildungen dokumentiert – unter anderem über die biochemischen Prozesse des Vergehens (Selbstandauung, Fäulnis, Verwesung) von Körpern informiert wird. Dieser Teil, der auch die Prozesse kurz umreißt, die unter bestimmten Milieubedingungen zur Konservierung des Leichnams führen können, ist stark gerichtsmedizinisch geprägt, was sich auch in den recht wissenschaftlichen Formulierungen ausdrückt.

Mumien von den Anden bis nach Ozeanien

Natürlich ist das ganze Buch wissenschaftlich fundiert, stammen die Inhalte doch von den am international bedeutenden Mumienforschungsprojekt der Reiss-Engelhorn-Museen beteiligten Wissenschaftlen. Trotzdem sind die folgenden Kapitel gut verständlich geschrieben. Nach einem Überblick über die Umweltbedingungen der vielfältigen natürlichen Mumifizierungsprozesse werden zunächst die Eis- und anschließend die Moorleichen an konkreten Beispielen genauer unter die Lupe genommen. Dabei geht es jeweils nicht mehr nur um die Betrachtungen der Umstände und Prozesse der Mumifizierung, sondern auch der kulturgeschichtlich-archäologischen Hintergründe Untersuchungsmethoden und Erkenntnisse. Und diese inhaltlichen Schwerpunkte gelten auch bei der Betrachtung der Mumifizierungstechniken und des Totenkults im alten Ägypten, bei den Mumien im Andenraum oder den anderen Kontinenten und Kulturkreisen, von Ozeanien über China bis nach Sibirien.

Zur kulturgeschichtlichen Betrachtung des Mumienthemas gehören ebenfalls die „lebenden Buddhas“, die Mumifizierung japanischer Mönche bei lebendigem Leib oder das spannende Kapitel der Mumien in den Gruften und Katakomben von Kirchen, Klöstern Schlössern und Burgen.

Mumienforschung

Mumienforschung von den Anfängen bis hin zu den neuesten technisch wissenschaftlichen Methoden. Forensik, DNA- und Isotopenanalysen, Mikrobiologie und nicht zuletzt das sogenannte Rapid-Prototyping, das computergestützte dreidimensionale Reproduktionsverfahren von Körpern und Artefakten, werden in ihrer Funktionsweise, Anwendung und Ergebnis bei der Untersuchung von Mumien beschrieben. Erstaunlich, was so eine Mumie unter entsprechenden „kriminaltechnischen Verhörmethoden“ noch so alles preisgeben kann.

Der Teil „Mumien aus aller Welt“ des Begleitbuches schließlich präsentiert in 30 Abschnitten die Exponate der Ausstellung aus dem Bestand der Reiss-Engelhorn-Museen, ergänzt durch zahlreiche Leihgaben deutscher und internationaler Museen und Institutionen. Sie geben einen anschaulichen Überblick über natürlich und künstlich mumifizierte Mensch- und Tierkörper, ihre Fundsituation, Konservierungsart und Untersuchungsergebnisse.

Mumienausstellungen

Die Ausstellung, die von September 2007 bis März 2008 in den Reiss-Engelhorn-Museen in Mannheim zu sehen war, wurde anschließend von Juni bis September 2008 in Schloss Gottorf in Schleswig präsentiert. In etwas veränderter Form war sie bis zum April 2010 im Kasseler Naturkundemuseum Ottoneum zu bewundern. 2010 schließlich tourte die große Mumien-Exhibition auf der Basis der rem-Ausstellung durch die USA. Aber nicht nur deshalb ist das Buch „Mumien- Der Traum vom ewigen Leben“ immer noch so aktuell wie zu seinem Erscheinungstermin. Etwas natur- kultur- und wissenschaftsgeschichtlich Kompletteres und Kompetenteres und auch für den anspruchsvolleren Laien Interessanteres zu diesem Thema ist jedenfalls bislang nicht auf dem Publikumsmarkt zu finden.

Wieczorek, Tellenbach, Rosendahl (Hrsg): Mumien, der Traum vom ewigen Leben. Philipp von Zabern 2007. Gebunden, 378 Seiten.

 

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Eingeordnet unter Archäologie, Ausstellungen, Ethnologie

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