Mumifizierung durch die Natur

Die Mumifizierung von Organismen ist nicht auf menschliche Eingriffe angewiesen, es gibt auch ein breites Spektrum an natürlichen Mumifizierungsmechanismen. Dabei ist allen natürlichen Mumifizierungsprozessen gemeinsam, dass die Zersetzung des Körpers aufgrund spezieller Umweltbedingungen gestoppt bzw. unterbunden wird.

Moora2Die bei der rituellen Mumifizierung durch Menschen zum Tragen kommende Trocknung des Leichnams findet sich natürlich auch in der Natur. Wüsten als Mumifizierungsmilieu liegen da nahe. Dabei sind es nicht nur die heißen Stein- und Sandwüsten, die die Mumifizierung durch Austrocknen fördern, sondern auch die extrem trockenen Kältewüsten der Antarktis. Trockene Luft und direkte Sonneneinstrahlung entziehen hier dem Körper unabhängig von der Temperatur schnell die verwesungsfördernde Feuchtigkeit. Das führt zu einer Versiegelung der Oberfläche, die zuerst austrocknet und damit unter Umständen die fäulnisfördernde Feuchtigkeit im Innenraum des Körpers zurückhält. Hier, innerhalb des Körpers spielen sich aber wiederum auch chemische Umwandlungsprozesse ab, die der Verwesung entgegenwirken, ein recht unterschiedlicher Erhaltungsgrad der inneren Organe unter Wüstenbedingungen ist daher kaum verwunderlich.

Wie die Mumien aus der vorgeschichtlichen Zeit Ägyptens oder der Taklamakanwüste in China belegen, gehört auch der heiße Wüstensand, gegebenenfalls in besonderer chemischer Zusammensetzung, zu den  wirkungsvollen natürlichen Mumifizierungsmilieus.

Moorleichen

Hochmoore bilden unter bestimmten Bedingungen ebenfalls Milieus, die die natürliche Mumifizierung fördern, wie die spektakulären Moorleichen, beispielsweise der Lindow-Mann oder Moora, belegen. Dabei wirken, wie man heute weiß, nicht primär die Sauerstoffarmut oder der Säuregrad des nährstoffarmen Hochmoores konservierungsfördernd. Vielmehr spielen hier sogenannte Polysaccharide, also hochmolekulare Zuckerverbindungen aus den Torfmoosen und pflanzliche Polyphenole eine zentrale Rolle. Die Polysacharide, die sich beim Absterben der Moose über verschiedene Zwischenstufen in Humussäre umwandeln, sorgen für ein bakterienfeindliches Milieu im Moor. Die Polyphenole sorgen für den Umbau der Körpereigenen Einweißmoleküle und wirken damit als Gerbmittel für den Erhalt von Haut, Haaren und sogar inneren Organen. Fett- und Muskelgewebe hingegen gehen unter und Skelettelemente können aufgrund der Entkalkung im Milieu des Hochmoores verformen oder auch ganz fehlen.

Mumifizierung durch Gefriertrocknung

Die Kältemumifizierung ist die wohl effizienteste Art, einen Körper zu erhalten. Interessanterweise finden auch hier je nach Umständen unterschiedliche chemisch-physikalische Reaktionen statt, die Kälte ist nicht der einzige und auch nicht der wesentliche Mumifizierungsfaktor. So findet man häufig bei Gletschertoten eine Umwandlung der Körperfette in sogenanntes Fettwachs, das nach einer Trocknung das Skelett umschließt und die ursprüngliche Körperform bewahrt. Feuchte Umgebung und geringe Sauerstoffzufuhr ist hierfür notwendig.

Tiefe Temperaturen und Permafrost, also ein trockenes Milieu führt zu einer Gefriertrocknung, die der Eisleiche das körpereigene Wasser direkt im gefrorenen beziehungsweise kristallisierten Zustand entzieht. Hier bleibt der ganze Körper einschließlich der Weichteile, oft sogar der inneren Organe erhalten. Beispiele hierfür sind viele der aus der letzten Eiszeit stammenden sibirische Tiermumien.

Die berühmteste Eismumie, der „Ötzi“ ist hingegen ein Beispiel für eine sogenannte Feuchtmumie. Auch Ötzi wurde zwar im Permafrost gefriergetrocknet, dies hatte, aufgrund schwankender Temperaturen aber nicht zur vollständigen Dehydrierung, also zur Entwässerung bis in die letzte Körperzelle geführt. Bei einigen Mammutmumien, die ebenfalls unter den spezifischen Bedingungen zu Feuchtmumien getrocknet wurden, hatte man nach 30.000 Jahren sogar noch Blutreste gefunden.

Mumien in Salz und Öl

Dass Salz konservierende Wirkung hat, ist allgemein bekannt. Und so verwundert es kaum, dass in ganz unterschiedlichen salzhaltigen Milieus, wie Salzbergwerken, Salzwüsten oder Salzseen sogenannte Salzmumien gefunden wurden. Dabei kann zum einen durch die hygroskopische Wirkung des Salzes eine Austrocknung des Körpers stattfinden. Es kann aber auch Salz durch Osmose, also den Ausgleich der Salzkonzentration zwischen der hochsalzigen Umgebung und dem schwachsalzigen Körper, in die Leiche eingelagert werden und somit das Wachstum der Fäulnisbakterien hemmen.

Salz spielt übrigens auch bei der „Ölkonservierung“ eine wichtige Rolle. Öl tritt in vielfältiger Form ganz offen in der Natur auf. Erdwachs und Asphalt beispielsweise sind die Oxidationsprodukte des Erdöls, die bei einem gewissen Salzgehalt ein Körperkonservierendes Milieu bilden. 1907 stieß man beim Abbau von Erdwachs im heute ukrainischen Starunia erstmals auf natürlich mumifizierte Mammut- und Wollnashornreste. 1929 konnte man hier im Rahmen einer gezielten Grabung eine nahezu vollständig und gut erhaltene Wollnashornmumie bergen.

Mumien in Grüften und Katakomben

Konservierende natürliche Milieus können auch in Höhlen gegeben sein. Die absolute Dunkelheit, konstante Temperaturen, ob warm oder kalt und eine gewisse Luftzirkulation gehören hier zu den entscheidenden Faktoren und bestimmen in ihrer Kombination die Art der Konservierung. Ähnliches gilt übrigens für die natürliche Mumifizierung in künstlichen Räumen. Zahlreiche Beispiele finden sich in Grüften und Katakomben von Kirchen, Klöstern und anderen historischen Begräbnisstätten. Ein bekanntes Beispiel hierfür ist die Mumie des berüchtigten Ritters von Kahlbutz in der Kirche von Kampehl in Brandenburg.

Literaturhinweis: Alfred Wieczorek, Michael Tellenbach, Wilfried Rosendahl: Mumien der Traum vom ewigen Leben. Philipp von Zabern 2007.

 

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Eingeordnet unter Archäologie

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