Die Mumien aus dem Altai

In den Gräbern der sogenannten Pazyryk-Kultur in der heutigen Mongolei haben sich erstaunliche Mumienfunde ergeben, die in der Fachwelt für einige Überraschung sorgten. Dazu gehören auch die skythische Lady und ihre Kollegen.

Als die russische Archäologin Natalja Polosmak 1993 auf dem Ukok-Plateau im Altaigebirge die sogenannte Lady, eine mumifizierte „Prinzessin“ aus der Pazyryk-Kultur, entdeckt hatte, war eine neue Epoche der Erforschung der skythischen Kurgankultur jener Region angebrochen. Der Fundort der vermutlichen Schamanin befindet sich an strategisch bedeutender Stelle. Hier grenzen Russland, die Mongolei, China und Kasachstan aneinander. Seit Urzeiten verbindet ein hier vorüberführender Weg, quer durch die saftigen Sommerweiden des Plateaus, Zentralasien und China. Und hier in dieser Region hatten sich skythische Gemeinschaften niedergelassen und die nach einem Fundort benannte Pazyryk-Kultur (ca. 980 bis 200 vor Christus) ausgeprägt. Besondere Merkmale dieser Kultur waren nicht nur die eindrucksvollen Grabhügel, die Kurgane, sondern auch der berühmte skythische Tierstil, der sich in Form von Schnitzereien oder Goldgegenständen als Grabbeigaben aber auch als aufwändige Tätowierungen auf den Mumien findet.

Skythische Mumifizierungstechnik

Die „Altaische Lady“ war nicht die erste Mumie, die in den sogenannten Eisgräbern des Hochplateaus entdeckt worden war. Bereits im 19. Jahrhundert waren russische Forscher auf die Kurgane gestoßen, unter denen sich einem Blockhaus ähnliche Grabkammern befanden. Im kurzen Sommer sickerte hier Tauwasser ein, das den Inhalt des Grabes durch dauerhaftes Gefrieren als Eislinse bis in die heutige Zeit konservierte.

Dennoch sind die in den Kurganen bestatteten Eliten nicht einfach durch Eis konservierte Leichen, wie beispielsweise der berühmte „Ötzi“. Die Leichen der altaischen Lady und der hochrangigen Skythenkrieger, die in den prächtig ausgestatteten Gräbern aufgefunden worden waren, hatten sich tatsächlich vor ihrer Bestattung einer umfassenden Mumifizierungsprozedur unterwerfen müssen. Dabei wurden beispielsweise bei der Lady Eingeweide und Gehirn entfernt, die Bauchhöhle mit einer hygroskopischen, also Wasser ziehenden Mischung aus Wolle, Kräutern und Sand gefüllt, die Brust mit trockenem Torf  gefüttert und der Kopf mit Rosshaar ausgestopft. Und offensichtlich hatte es auch eine Oberflächenbehandlung gegeben, denn es fanden sich Harze, Wachs, Ton und Quecksilber auf der Haut.

Die Reisen der skythischen Mumien

Der intensive Totenkult der Skythen ist durch zeitgenössische griechische Autoren dokumentiert. So wird beispielsweise berichtet, dass verstorbene skythische Herrscher oft noch einmal ihr ganzes Reich – als Mumie – bereisten, bevor sie in ihren Kurganen bestattet wurden. Für die altaische Lady dürfte das wahrscheinlich nicht zutreffen. Die Forscher vermuten, dass sie aufgrund ihrer Bestattung ohne Partner eine Schamanin fürstlichen Ranges gewesen war. Für eine fürstliche Herkunft sprechen nicht nur die sechs als Wegbegleiter beigelegten Opferpferde, sondern auch die im Eis hervorragend erhaltenen Beigaben und Kleidungsstücke wie beispielsweise eine Tunika aus Seide. Die Fortschritte der archäologischen Wissenschaften und der modernen Konservierungstechniken hatten den Fund der Lady zu etwas Besonderem gemacht. Denn es war nicht nur gelungen, herauszufinden, dass die fürstliche Dame ca. 400 vor unserer Zeitrechnung im Alter von etwa 25 Jahren verstorben war. Eine Rekonstruktion der völlig verwesten Gesichtszüge der ansonsten hervorragend erhaltenen Mumie hatte zudem eine Überraschung zur Folge. Es fand sich im rekonstruierten Gesicht der Lady keine Spur der aufgrund der heutigen Bevölkerung der Region eigentlich erwarteten mongoloiden Merkmale.

Die skythischen Mumien mit den blonden Haaren

Auch die in den folgenden Jahren entdeckten Mumien der Pazyryk-Kultur wiesen deutliche indoeuropäische Merkmale auf, wie beispielsweise der rotblonde Krieger mit dem Pony und den Zöpfen, der 1994 in einem Kurgan zusammen mit seinem Pferd in der Nähe der Lady gefunden worden war. 1996 wurde durch eine DNA-Analyse bestätigt, dass die Lady, die inzwischen im Museum der Akademie der Wissenschaften in Novosibirsk liegt, mit den modernen Bewohnern der Region nicht verwandt ist. 2007 fand sich im Gebiet der Pazyryk-Kultur eine weitere blonde Kriegermumie aus dem 3. Jahrhundert vor Christus. Die archäologische Sensation hier: die Bergung eines der berühmten skythischen Kompositbogen aus mit Tiersehnen und Hornschichten verleimten Holzstreifen.
Tatyana Balueva, die Chefin des Moskauer Gerassimow-Instituts für Ethnografie, die die Gesichtszüge der Lady rekonstruiert hatte, glaubt, dass die Bildung der konservierenden Eislinsen in den Gräbern von den Erbauern beabsichtigt gewesen waren. Tatsächlich wären ohne diese Eiskonservierung weder die Mumien selbst noch vor allem die organischen Artefakte wie beispielsweise die Kleidung bis heute erhalten geblieben. Mit den Mumien und den Artefakten wären auch die Zeugnisse vergangen, die uns heute die Skythen als Träger einer komplexen und kunstvollen Kultur nahe bringen und die zeitgenössischen griechischen Berichte über das barbarische Reitervolk relativieren.

Literaturhinweis: Alfred Wieczorek, Michael Tellenbach, Wilfried Rosendahl: Mumien der Traum vom ewigen Leben. Philipp von Zabern 2007.

 

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