Die Staufer und Italien – Rezension des Ausstellungskatalogs

Gleich im Doppelpack, als Essay- und als Katalogband kommt das Begleitbuch zur gleichnamigen Ausstellung der Reiss-Engelhorn-Museen in Mannheim über die hochdynamische und innovative Zeit der Stauferdynastie daher.

9783806223668-bAls Verschränkung „zweier Blickachsen“ bezeichnen die Ausstellungs- und Buchmacher das Konzept, das sich mit den Wechselwirkungen zwischen den dynastischen Bemühungen der Staufer, ein gewaltiges Reich zu organisieren, zu beherrschen und zu verwalten und den sozioökonomischen Prozessen, die sich in den drei untersuchten Innovationsregionen abspielten, befasst.

Die Staufer in Italien, Buch und Ausstellung

Mehr als 400 Seiten zwar reichhaltig bebilderter aber doch relativ eng beschriebener Seiten weisen bereits auf den Informationsumfang des Essay-Bandes des großformatigen zweiteiligen Begleitbuches zur Ausstellung hin. Aber auch die Informationsdichte ist enorm. Kein Wunder, wurde doch in der mehrjährigen wissenschaftlichen Vorbereitung der Gemeinschaftsausstellung von Hessen, Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg so ziemlich alles zusammengetragen, was es über die Stauferzeit zu finden gab. Das gilt übrigens nicht nur für die literarischen Quellen und wissenschaftlichen Erkenntnisse, sondern im qualifizierten Sinne auch für die im zweiten Teil vorgestellten Exponate. So manch ein Stück der über 500 hochkarätigen Objekte war zuvor noch nie in Deutschland zu sehen. Als hätten die Autoren nicht alle ihre Informationen im Essayteil unterbringen können, sind auch die Exponate entsprechend der inhaltlichen Gliederung der Ausstellung mit hochinteressanten und aufschlussreichen Erläuterungen und Zusammenfassungen versehen. Zweifellos ein Gewinn für den Leser, der den Objekteband durchaus als eigenständige Informationsquelle zum Thema nutzen kann.

Staufische Herrschaft mit Krieg und Konsens

Aber was ist das eigentliche Thema, das sich mit Kapiteln wie „Staufermythen“, „Italien: Vorbild und Faszination“, „Beschleunigung: Drei Kraftregionen im Stauferreich“ oder „Verwandlungen des Stauferreichs“ offensichtlich recht vielschichtig präsentiert. Bei genauer Betrachtung der nicht primär populär gehaltenen „fundierten Texte renommierter Historiker“ – wie der Verlag in seinem Pressetext formuliert – , zeigt sich, dass genau diese Vielschichtigkeit von Prozessen und Wechselwirkungen zwischen den gesellschaftlichen Kräften des Stauferzeitalters die eigentliche Kernaussage der ganzen Geschichte ausmacht.
Ja, die Staufer haben ihre Zeit in verschiedener Hinsicht maßgeblich mitgeprägt, ebenso wie die Päpste, die oberitalienischen Städte, Adel, Bürgerschaft und Klerus der Rhein-Neckar-Region oder das normannisch geprägte Königreich Sizilien.  Innovationsträger waren die Staufer dabei sicher nicht. Schließlich ging es um Ausweitung, Erhalt und Legitimation der Herrschaft in einem Reich, das von der Nord- und Ostseeküste bis nach Sizilien reichte.  Da waren die regional sehr unterschiedlichen ökonomischen, kulturellen und gesellschaftlichen Prozesse die das Jahrhundert der Staufer prägte eher eine Herausforderung an Anpassungs- und Konsensfähigkeit der neun staufischen Herrscher.

Der Papst und der Kaiser

So besteht also die eine „Blickachse“ in der Darstellung der Entstehung und Entwicklung der Dynastie, angefangen vom gezielten Aufbau eines dynastischen Mythos, über die Geologie des „Stammsitzes“ oder der Entwicklung einer Architektur als Ausdruck von Herrschaft und Macht. Denkmale setzen, eine legendäre dynastische Vergangenheit bis zurück in die Antike schaffen, militärische und politische Auseinandersetzungen, Heiratspolitik als Instrument der Territorialen Ausdehnung, Machtausübung durch Konsens und Gunsterweise, alles Aspekte die die Erfolgsgeschichte der Staufer verstehbar machen. Da wird ein ganz anderes Bild vom hochmittelalterlichen Kaisertum gezeichnet, als die – natürlich auch behandelte – Rezeption beispielsweise des beinahe göttlichen Barbarossa weismachen möchte. Oder der Konflikt zwischen Papst und Kaisertum. Nicht nur eine politisch- religiöse Frage, sondern auch eine Frage der Ehre und nicht zuletzt der misslungenen Verständigung in einer kommunikativ hochkomplizierten  Zeit, in der Gesten, Worte, Bilder, öffentliche Inszenierungen und Symbole über Krieg und Frieden, Leben und Tod Macht oder Ohnmacht entscheiden konnten.

Herrschaft und Innovation im Mittelalter

Die zweite „Blickachse“ berührt die Strukturen des gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und kulturellen Umfeldes, der im Rahmen von Ausstellung und Buch festgelegten drei Innnovationsregionen des Reiches, in dem sich die neun staufischen Herrscher bewegen und bewähren mussten. Auf Kontinuität und Stabilität angewiesen, waren die Staufer vor allem hier mit ständigen und gravierenden Veränderungen konfrontiert. Als Beispiele seien hier nur die erfolgreichen oberitalischen Städte mit ihrer republikanischen Verfassung, die bürgerlich städtischen Handels- und Handwerksstrukturen der prosperierenden Rhein-Main-Neckar- Region mit ihren überregionalen Netzwerken genannt. Oder die Einführung des Geldes, die Entwicklung der Wissenschaft und der Universitäten oder eines kirchenunabhängigen bürgerlichen Bildungswesens. Nicht zu vergessen, das Königreich Sizilien mit Multikulti-Qualität, dem Schmelztiegel der Kulturen, wo sich Orient und Okzident vermischten.

Ein Kompendium staufischer Forschung

Das Vermischen, das ineinander Verwobene, die Dynamik der Wechselbeziehungen der „Blickachsen“ jener Zeit lassen dem aufmerksamen, konzentrierten  und geduldigen Leser ein sehr detailliertes Verständnis der Stauferzeit erlangen. Dass mit dem Zusammentragen, Sortieren, neu Bewerten, Aufarbeiten und Publizieren von rund 30 Jahren Forschung ein Kompendium staufischer Forschung entstanden ist, versteht sich eigentlich von selbst. Mit der Literatur zur Stauferausstellung, die neben dem hier vorgestellten Doppelband auch einen 500-seitigen Tagungsband des wissenschaftlichen Symposiums 2008 „Verwandlungen des Stauferreichs“, einen weiteren Tagungsband des 2009er Symposiums und einen kulturhistorischen Führer durch die Stauferregion umfasst, haben die Wissenschaftler aber auch eine moderne Sichtweise auf die Geschichte präsentiert, die nicht auf die Stauferzeit beschränkt ist.

Wieczorek, Schneidmüller, Weinfurter (Hrsg.): Die Staufer und Italien, Drei Innovationsregionen im mittelalterlichen Europa, Objekte-Essays. Theiss 2010. Gebunden mit Schutzumschlag, 2 Bände zus. 800 Seiten.

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