Carl Heinrich Mercks sibirisch-amerikanische Tagebuch

Die erste deutschsprachige Edition der Reisenotizen des Arztes und Naturforschers Carl Heinrich Merck, Begleiter der Billings-Sarycev-Expedition der Jahre 1788 – 1791.

0545-8Mit den großen Forschungs- und Entdeckungsreisen des 18. und 19. Jahrhunderts verbindet die Öffentlichkeit so klangvolle Namen wie James Cook, Charles Darwin oder Georg Forster. Bereits Letzterer zeigt, dass es nicht nur die Briten oder Franzosen waren, die die aufgeklärte Erkundung der Welt maßgeblich mitgestaltet hatten. Zahlreiche deutsche Wissenschaftler der damaligen Zeit, waren an den britischen, französischen und vor allem russischen Expeditionen in die unbekannten Regionen unserer Erde beteiligt. Viele von ihnen hatten sich, wie Forster, Peter Simon Pallas, oder Georg Wilhelm Steller durch Publikationen oder Sammlungen einen Namen gemacht, der noch heute unvergessen ist.

Die Billings-Sarycev-Expedition

Mit Carl Heinrich Mercks „sibirisch-amerikanischen Tagebuch“ erinnert der Göttinger Wallstein Verlang nun an einen Wissenschaftler, der beinahe vergessen, dennoch in die Reihe seiner berühmten Zeitgenossen gehört. In Vergessenheit geraten war Carl Heinrich Mercks vor allem, weil seine Beobachtungen während der als Billings-Sarycev-Expedition bekannt gewordenen „geheimen astronomischen und geografischen Expedition zur Erkundung Ostsibiriens und Alaskas“ bislang nicht publiziert worden waren. Merk selbst war es bis zu seinem Tod 1799 nicht mehr gelungen, seine Notizen zu einem publikationsfähigen Reisebericht nach dem Muster vieler anderer Forschen seiner Zeit auszuformulieren. Und so präsentiert sich die Wallstein-Edition seines Tagebuches als sehr ursprünglich mit seinen stichwortartig niedergeschriebenen Beobachtungen. Bewusst haben die Herausgeber nur wenig am Ursprungstext verändert, ihn dafür aber mit zahlreichen kommentierenden und erläuternden Fußnoten verständlich gemacht.

Itel´men, Cukcen, Aleuten und Yupik

Das, was das Lesen des dokumentarischen Teiles dieses Buches so mühsam macht, ist gleichzeitig seine Stärke und Ursprung eines vielschichtigen Leseabenteuers. So ist zum einen die Sprache dieser Zeit für den heutigen Leser bereits selbst eine Entdeckungsreise. Da beschreibt Merck bei seinen ethnologischen Beobachtungen der indigenen Kulturen der Itel´men, Cukcen, Aleuten oder Yupik das Verhalten der und die komplexen Verhältnisse zwischen „Mansen“ und „Weibsen“. Und eine Rechtschreibung ist schlichtweg nicht vorhanden. Da finden sich die gleichen Wörter mal mit, mal ohne h, Doppelkonsonaten werden je nach Belieben verwendet und Groß- und Kleinschreibung war wohl auch eher Geschmacksache. Aber nach einer gewissen Eingewöhnung tut es der Lesbarkeit keinen wesentlichen Abbruch mehr.

Deutlich wird an Inhalt und Form der Notizen auch der unglaubliche Druck, dem die Forscher bei ihren Reisen in die unbekannten Regionen dieser Erde ausgesetzt waren. Mercks Auftrag war es immerhin Flora und Fauna zu beschreiben, geografische und mineralogische Beobachtungen festzuhalten, Sprache, Kultur und Lebensweise der indigenen Bevölkerung zu dokumentieren und nicht zuletzt die Heilkünste der Schamanen zu erforschen – schließlich war Merck ja Arzt.

Das Tagebuch Carl Heinrich Mercks

Tausende von Kilometern zu Wasser und zu Lande unter zeitweise extremen Wetterbedingungen mussten Merck, seine Begleiter wie Zeichner, Ausstopfer und die anderen Wissenschaftler unter der Leitung des ehemaligen Besatzungsmitglieds der Cook-Expeditionen, Billing, beobachtend, sammelnd und dokumentierend zurücklegen. Für wohlgesetzte Formulierungen oder gar literarische Gefühlsausbrüche blieb da keine Zeit. Ausformulierte Reiseberichte wurden, wie die Herausgeber des sibirisch-amerikanischen Tagebuchs erläutern, in der Regel nach der Rückkehr in der Schreibstube auf der Basis der Notizen angefertigt. Kein Wunder, dass sich aus den als persönliche Gedächtnisstütze niedergeschriebenen Stichworten Mercks auch für die aufwändig recherchierenden Herausgeber des Buches nicht immer die zugrunde liegende Information erschließen ließ. Aber Informationen gibt es im sibirisch-amerikanischen Tagebuch ohnehin genug. Sei es in Form der peniblen Beschreibung von Behausungen, sei es bei der Dokumentation von Sozialstruktur, Glaubensvorstellungen oder Alltagskultur der indigenen Völkerschaften. Und wenn, wie auf den langen Seereisen, gerade einmal keine Tiere zum akribischen Vermessen der diversen Körpermerkmale einschließlich differenzierter Beschreibungen von Farbgebungen oder Grätenzahlen der Flossen zur Verfügung stand, dann füllte sich der Notizblock mit Wetterbeschreibungen, Kursangaben, Windstärken, Seegang und anderes mehr. Kaum ein Moment, kaum ein Ereignis blieb unbeobachtet, undokumentiert und der Leser ist immer dabei.

Forschungsreisen des 18. und 19. Jahrhunderts

Die Herausgeber des Buches haben es aber nicht bei der Edition und Kommentierung des Tagebuches belassen. Die immerhin rund 80 Seiten umfassende Einführung vermittelt dem Leser die Hintergründe und Rahmenbedingungen der Forschungsreisen des 18. und 19. Jahrhunderts. Dabei liegt der Schwerpunkt auf den russischen Erkundungen, die sich naturgemäß mit dem sibirisch-amerikanischen Raum befassen. Da ging es neben der wissenschaftlichen Erkenntnis eben auch um Gebietsansprüche, um koloniale Erweiterung, um internationale Machtpolitik, um Kontrolle. Geheimhaltung war daher ein Grundsatz solcher Expeditionen, dem jedoch das Bedürfnis nach wissenschaftlicher Profilierung und die enge persönliche Verflechtung der internationalen Wissenschaftsgemeinde entgegen stand. Merck war anerkannter Bestandteil dieser internationalen Wissenschaftsgemeinde. Aufgrund seines frühen Todes war ihm jedoch die Karriere verwehrt, die er aufgrund seiner Leistungen im Rahmen der Billings-Sarycev-Expedition eigentlich zu erwarten hatte.

Carl Heinrich Merck: Das sibirisch- amerikanische Tagebuch aus den Jahren 1788 – 1791. Wallstein Verlag 2009. Gebunden mit Schutzumschlag, 413 Seiten.

 

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Eingeordnet unter 4 Frühe Neuzeit, Ethnologie, Rezension

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