Rezension des Buches "Reflexbogen", über eine historische Fernwaffe

Eine ganz besondere Kombination aus Archäologie, Geschichte, praktischer Bauanleitung und experimenteller Archäologie verbirgt sich hinter dem trockenen Titel des 2009 erschienenen Buches „Reflexbogen“ aus dem Spezialverlag für das Bogenschießen „Angelika Hörnig“.

ReflexbogenDie 10 Autoren, ein jeder ein anerkannter Spezialist auf seinem Gebiet, vermitteln dem Leser eine umfassende interdisziplinäre Sicht auf die Jagd- Kriegs- und heute Freizeitwaffe, die je nach Konstruktions- und Sichtweise Reflex- Recurve- oder Kompositbogen genannt und damit vom einfachen Stab- oder Selfbow unterschieden wird.

Der Skythische Bogen der Steppenvölker

Bereits in der Jungsteinzeit, so belegen Felszeichnungen, wurden Recurve- Bogen verwendet, deren Merkmal die von Schützen weggebogenen Wurfarme sind. Ob es sich hierbei bereits um Kompositbogen, also aus verschiedenen Materialien zusammengefügte Waffen handelte, darüber spekuliert der Steinzeit- Archäologie Leif Steguweit von der Universität Erlangen-Nürnberg auf wissenschaftlicher Grundlage im ersten Kapitel. Den Skythischen Bogen klassifiziert, untersucht und rekonstruiert der Wissenschaftler Erhard Godehardt im zweiten Kapitel. Godehardt, hat sich vor allem bei der Rekonstruktion, der Berechnung und Erprobung der Physik von skythischen Bogen im Rahmen von Forschungsprojekten einen Namen gemacht, die von der Deutschen Forschungsgemeinschaft, der Fritz-Tyssen-Stiftung, der Gerda-Henkel-Stiftung gefördert und vom Deutschen Archäologischen Institut unterstützt worden waren.

Der Subexi Bogen – shythisches Design von der Seidenstraße

In Kapitel 3 setzen sich der Bogenhistoriker Holger Riesch und der experimentelle Bogenbauer Joachim Rutschke mit einem ganz besonderen, dem Subexi- Bogen auseinander, der aus dem 5. bis 3. vorchristlichen Jahrhundert stammend im Rahmen einer archäologischen Kampagne im Turfan- District im Nordwesten Chinas geborgen wurde. Die beiden Fachleute hatten anlässlich der Präsentation des Bogens mit skythischem Design im Rahmen der Sonderausstellung „Ursprünge der Seidenstraße“ der Reiss- Engelhorn- Museen Mannheim eine Dokumentation des Subexi- Bogens erstellt, die nun Eingang in das Buch „Reflexbogen“ gefunden hat.

Holger Riesch vermittelt dem Leser in Kapitel 4, immer an Konstruktionsprinzipien und Einsatzarten orientiert, einen Eindruck von der kulturellen, technologischen und militärischen Entwicklungsgeschichte des Reflexbogens und des asiatischen Bogenschießens in Europa von der Spätantike bis in die Renaissance. Dabei wird unter anderem deutlich, dass die Bogen der Europa überflutenden Reiternomaden wie Hunnen oder Mongolen nicht wirklich ein militärisches Überraschungselement darstellten. Denn unter dem Sammelbegriff skythischer Bogen fielen auch die geschwungenen Komposit- Fernwaffen, die längst von der griechischen und römischen Armee adaptiert und weiterentwickelt worden waren. Auch der germanischen Kriegerelite der römischen Eisenzeit waren die Recurvebogen vertraut.

Pfeil und Bogen in Japan

Kunstschlosser und Bogenbauer Ulrich Stehli widmet sich in Kapitel 5 der Betrachtung von Pfeilbewehrungen im Verbreitungsbereich eurasischer Reitervölker. Und wer glaubt, da gebe es nicht viel zu erzählen, wird von Ulrich Stehli eines Besseren belehrt. Faszinierend allein die unglaubliche Vielfalt der Pfeilspitzenformen. Aber Stehli informiert auch über die historischen Gewinnungsmethoden von Eisenwerkstoffen, Herstellungstechniken, Schmiedewerkzeugen und nicht zuletzt die „Schmiedefolge einer Tüllenblattspitze“ oder einer „dreiflügeligen Schaftdornspitze“.

Hochinteressant natürlich auch das Kapitel 6 des Kunstwissenschaftlers Fritz Eichler über „Pfeil und Bogen in Japan“. Selbstverständlich wird auch hier die technische Seite der Bogenentwicklung in den Rahmen der Kulturgeschichte gestellt, ohnehin ein hervorragendes Merkmal des gesamten Buches, in dem es gelingt, hochkarätiges technisch- wissenschaftliches Spezialwissen in historisch-gesellschaftliche Zusammenhänge zu stellen und damit auch dem Laien begreifbar zu machen.

Der Bogen des Odysseus

Die nun folgenden Kapitel verlagern ihren Schwerpunkt zunehmend zur technisch- handwerklichen Seite des Bogenbaus. Michel Bittl, Rekonstrukteur historischer Hornbogen gibt einen unerwartet spannenden Einblick in das Material Horn und seine Verwendung im Rahmen der Beschreibung des Baus eines Hornbogens. Joachim Rutschke liefert einen Grundbauplan für einen Kompositbogen, bei dem erst so richtig deutlich wird, wie komplex ein solches Gerät überhaupt zusammengesetzt ist.

Nachdem Michael Bittl den Nachbau des Bogens des Odysseus dokumentiert hat, folgt noch einmal Rutschke mit dem Bau eines Doppelbogens als reiner Holz- Recurve in Laminatbauweise. Ganz ausführlich schließlich die Rekonstruktion eines der prächtigen osmanischen Kompositbogen aus dem 16. Jahrhundert vom österreichischen Naturbogenbauer Micha Wolf und mit dem amerikanischen Recurvebogen, einem der beliebtesten Sportbogen der heutigen Zeit endet die „Bogenbauwerkstatt“ des Buches „Reflexbogen“.

Nicht unerwähnt lassen sollte man natürlich das letzte Kapitel „Über die Mechanik des Static- Recurvebogens“, eine  überwiegend geometrisch- mathematische Abhandlung physikalischer Kennziffern des Mathematikers Bob Kool. Dieses Kapitel ist  im Zusammenhang des Themas von erheblicher Bedeutung. Immerhin, es geht hier um Beschleunigung, Energieeffizienz, Hebelkräfte, Massen und anderes mehr, letztendlich also um die Grundlagen eines effektiven Bogendesigns, trotzdem sicherlich nicht jeden Lesers Sache.

Die Faszination des traditionellen Bogens

Das Buch „Reflexbogen“ aber bedient auf spannende Weise ein ungewöhnlich breites Spektrum interessierter Leserschaft. Ob man Interesse an Archäologie, Kulturgeschichte, Technologie, Militärgeschichte oder sicherlich nicht zuletzt auch noch Bogenbau und Bogenschießen hat, mit diesem Buch liegt man immer richtig. Und selbstverständlich könnte es auch zu einem Standardwerk der Reenactmentszene werden. Denn das Buch besticht nicht nur durch seine anschaulichen und informative Illustrationen, sondern auch durch die fachliche Kompetenz der Autoren, die sich unter anderem in der Diskussion und Entwicklung und nicht im Postulieren von Fakten ausdrückt. Sicherlich muss man nicht gleich zum traditionellen Bogenschützen oder Bogenbauer werden, der Faszination dieser traditionellen high- tec- Waffen kann man sich bei der Lektüre des Buches aber kaum entziehen.

Volker Alles (Hg.): Reflexbogen, Geschichte und Herstellung. Verlag Angelika Hörnig 2009. Hardcover, 336 Seiten.

 

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Eingeordnet unter Archäologie, Ethnologie, experinemtelle Archäologie, Geschichte im Querschnitt, Rezension

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