Formen der Monarchie im Alten Vorderasien

Im ersten Teil „LUGAL – arru – basileús“  befasst sich der Altorientalist Peter Panitschek mit den altorientalischen Herrschaftsformen von Uruk bis Ur III. Ein wissenschaftliches Fachbuch mit einem bislang kaum umfassend untersuchten Thema.

LugalPanitschek verweist in seiner Einführung darauf, dass es zu einzelnen Perioden der altorientalischen Zeit durchaus einschlägige Arbeiten zum Thema monarchische Herrschaftsformen gibt, die Grundlage seiner Untersuchungen sind. Eine systematische und umfassende Darstellung aus altorientalischer und althistorischer Sicht jedoch suchte man bislang vergeblich.

Von Uruk über Akkad bis Ur III

Panitschek fasst in seinem Werk, das den Zeitraum von der Uruk-Zeit bis zum Hellenismus behandelt, nicht nur die Forschungsergebnisse zu den Einzelperioden zusammen. Er richtet seine Untersuchungen an einer zentralen Fragestellung aus, die er folgendermaßen formuliert: „Gibt es Charakteristika – und wenn ja, welche – die sich in allen zu berücksichtigenden Perioden mit so hinreichender Deutlichkeit nachweisen lassen, dass sie als konstitutiv für einen selbständigen Begriff der Altvorderasiatischen Monarchie anzusehen sind?“

Herrschaftsideologie, Legitimation, Pflichtenkanon und Regierungspraxis

Naturgemäß darf man im hier vorgestellten ersten Teil des Gesamtprojektes (Uruk bis Ur III, 3. vorchristliches Jahrtausend) keine abschließende Antwort auf die Fragestellung erwarten. Vielmehr weist sie auf die vier wesentlichen Aspekte der monarchischen Machtausübung hin, die vor allem literaturkritisch untersucht werden: Herrschaftsideologie, Legitimation, Pflichtenkanon und Regierungspraxis.

Gerade im ersten zeitlichen Abschnitt, der sich zwangsläufig auch mit der Entstehung der Herrschaftsform Monarchie auseinandersetzt finden sich erwartungsgemäß mehrere Konfigurationen  der Monarchie, sowohl was ihre Einbettung in gesellschaftliche Strukturen als auch ihre regionale Ausdehnung und Wechselwirkungen betrifft.

Vorderasiatische Herrschaft zwischen Konsens und Gewalt

Der Autor formuliert durchaus bestimmte Faktoren, die für vorderasiatische Monarchien charakteristisch sind. So etwa die Bildung einer städtischen Zivilisation, auf Schrift basierende Verwaltung, Entwicklung einer Hierarchie, Wasserwirtschaft und nicht zuletzt der Tempel-Verwaltungskomplex als Mittelpunkt der Gemeinde. Auf den ersten Blick wirken diese Erkenntnisse durchaus nicht neu und in ihrer zusammengefassten Darstellung sind sie es auch nicht. Neu jedoch ist die sehr intensive Analyse und kritische Diskussion der Quellen, die Ableitung von Entwicklungsprozessen bei der Entstehung der Monarchien und der Bewertung ihrer tatsächlichen Herrschermacht im Zusammenspiel mit den unterschiedlichen gesellschaftlichen Kräften.

Sumerer und Semiten

In die literatur- und quellenkritische Analyse fließt natürlich auch die generelle Migrations- und Kulturdynamik in der betrachteten Region ein, die im sumerischen Mesopotamien ihren Ausgangspunkt findet. Vor dem Hintergrund semitischer Einflüsse und in Auseinandersetzung mit benachbarten Kulturzentren, entwickeln sich hinsichtlich Herrschaftsideologie, Legitimation, Pflichtenkanon und Regierungspraxis zeitlich und regional unterschiedliche Herrschaftskonzeptionen aus. Und trotz der Unterschiede und gewisser Brüche durch Anpassungen vor allem im Bereich der Herrschaftslegitimation und Herrschaftsrealität an veränderte Rahmenbedingungen, lassen sich klare Entwicklungsstränge im betrachteten Zeitraum ableiten.

Herrscher, Götter, Könige

Intensiv setzt sich Panitschek unter anderem mit herrschaftsbezogenen Begriffen und Formulierungen, ihren Veränderungen und Bedeutungswandeln je nach zeitlichem, städtischem, kulturellen, personellen und regionalen Kontext auseinander. Und dem Leser wird dabei trotz umfangreicher Quellenangaben, Verweisen sowie Begriffs- Zeit- Quellenmatrixen einiges an speziellen Vorkenntnissen abverlangt. Zweifellos richtet sich das Buch an Leser mit wissenschaftlichem Hintergrund und einem fachlichen Bezug zur vorderasiatischen Geschichte. Leichte Kost ist es aber auch dann nicht. Abgesehen von der Tatsache, dass auch ein hochgradig wissenschaftlicher Text heutzutage auf endlose Schachtelsätze verzichten können müsste, stellt sich gelegentlich ebenfalls das in manchen Passagen wohl ein wenig überforderte Korrektorat beim Lesen als irritierend heraus.

Differenziertes Bild orientalischer Herrschaft

Inhaltlich füllt das Buch  „LUGAL – arru – basileús“ nicht nur eine wissenschaftliche Lücke, ein wenig leserfreundlicher in Struktur und Stil wäre es auch für eine breitere als die fachwissenschaftliche Leserschaft hochinteressant. Und das nicht nur, weil den landläufigen Vorstellungen vom orientalischen Despotismus ein sehr differenziertes Bild orientalischer Herrschaft entgegengesetzt wird. Funktionen und Konzeptionen von Ideologien und Religionen in gesellschaftlichem Zusammenhang werden durchschaubar, ebenso wie verschiedene Konzepte von Herrschaftslegitimation, sei sie Abstammungsbasiert, mit göttlichem Auftrag oder universellen Ordnungsprinzipien begründet. Auch das Staats- und Rechtsverständnis des Islam erschließt sich – obwohl gar nicht Gegenstand dieser Arbeit – aus seiner Jahrtausende alten Vorgeschichte in einer extrem polyethnischen Welt.

Peter Panitschek: LUGAL – arru – basileús: Formen der Monarchie im Alten Vorderasien von der Uruk-Zeit bis zum Hellenismus. Teil 1: Von der Uruk-Zeit bis Ur III. Grazer Altertumskundliche Studien – Band 9. Taschenbuch, Peter Lang 2008. 568 Seiten.

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