"Marco Polo" ein Buch von Philippe Ménhard

Im aufwändig illustrierten Buch „Marco Polo“ über die Geschichte der legendären Reise des Venezianers fasst Philippe Ménhard seine Erkenntnisse bei der Neuedition von Marco Polos „Das Buch der Wunder“ zusammen.

417LeUDMJZL._SL500_AA300_Gemeinsam mit 15 weiteren Forschern hatte Professor Philippe Ménard in den Jahren 2001 bis 2007 Marco Polos phantastischen Reisebericht, das „Buch der Wunder“ unter dem französischen Originaltitel „Le Devisement du Monde“ in fünf Bänden neu herausgegeben. Intensiv haben sich die Forscher dabei mit der Glaubwürdigkeit der Berichte, der dargestellten Reiseroute und anderer Besonderheiten der Arbeit auseinandergesetzt, die der Venezianische Kaufmann in einem Genuesischen Gefängnis in französischer Sprache mit Hilfe des Pisaner Schriftstellers Rustichello zur Niederschrift gebracht hatte.

Marco Polo und Rustichello

Tatsächlich war Marco Polo zwar die Quelle, nicht aber der Verfasser des Buches der Wunder gewesen. Ganz offensichtlich aber hatte der Venezianer seinen Einfluss geltend gemacht, um sich auf Kosten des Schriftstellers Rustichello, der in den Schriften und Abschriften lediglich einmal am Ende des Prologs, genannt wird, zu profilieren. Denn bis heute gilt in weiten Kreisen immer noch Marco Polo als Urheber des Werkes.

Diese und andere Hintergründe zu den legendären Reisen des Marco Polo und dem daraus entstandenen Buch, schildert der Experte für die Literatur des Mittelalters, Philippe Ménard und lädt den Leser dabei zu einer Reise auf den Spuren des berühmten Venezianer ein. Dabei sind es nicht die Abenteuer des Reisenden, die zur Lektüre reizen, sondern Ménards Überprüfungen der Glaubwürdigkeit von Marco Polos Schilderungen anhand heutigen Wissens und historischer Fakten.

Marco Polo und die Wunder der Welt

Das Buch „Marco Polo“ ist beileibe kein Elaborat nach dem Muster „Und die Bibel hat doch recht“. Da geht es nicht um krampfhafte Belege für die Richtigkeit von Marco Polos Geschichten, sondern um Plausibilität und Rekonstruktion. Und so verwundert es nicht, dass Ménhard an vielen Stellen nachweist, dass bestimmte Ortsbeschreibungen oder die Darstellung merkwürdiger Bräuche und Gestalten letztendlich nur auf Hörensagen beruhen. Aber eben vor diesem Hintergrund gelingt es Ménhard die tatsächliche Reiseroute Marco Polos zu rekonstruieren und die generelle Glaubwürdigkeit des umfangreichen Reiseberichtes zu untermauern. Viele der Wunder und merkwürdigen Bräuche, die Marco Polo beschreibt sind nach heutigem Kenntnisstand weder wundersam, noch unglaubwürdig. Als Beispiele  sei hier nur die „Vielmännerei“ bei bestimmten asiatischen Völkern oder die „Ausleihe“ der Ehefrauen als Beweis der Gastlichkeit gegenüber Fremden genannt. Vieles von dem, was im christlichen Europa damals als unvorstellbar galt, gehört heute zum Allgemeinwissen.

Marco Polo und die Textkritik

Manche der von Ménard als real entlarvten Wunder wirken vor dem Hintergrund des heutigen Wissens trivial wie beispielsweise die Enthüllung, das es die wehrhaften Tiere, die in der Gefahr Pfeile abschießen, in Form von Stachelschweinen tatsächlich gibt. Aber Ménhards „Marco Polo“ zielt auch nicht auf Effekthascherei ab. Als Literaturexperte bezieht der Professor in seine Untersuchungen auch den Aufbau, die Entstehung und den Stil des Werkes, seiner Abschriften und Bestandteile mit ein. Und nach und nach wird dem Leser klar, warum Textkritik nicht nur dem Lustgewinn einiger weniger Literaturexperten, sondern vor allem als spannendes Analyseinstrument zur Verifizierung oder Falsifizierung historischer Realitäten dienen kann.

„Marco Polo“ und die Buchmalereien des Mittelalters

Bei oberflächlicher Betrachtung ist das Buch „Marco Polo, die Geschichte einer legendären Reise“ eine wunderschön und großformatig mit kostbaren Buchmalereien aus mittelalterlichen Handschriften, mongolischen und chinesischen Gemälden und aktuellen Fotos, bebilderte Zusammenfassung der Poloschen Reiseberichte. Tatsächlich aber stecken in den knapp 200 Seiten des Buches, gut und verständlich vermittelte Ergebnisse aus 25 jähriger Forschungsarbeit am Thema Marco Polo.

Ob die Literatur- und Quellenhinweise für die Leser, die einzelnen Aspekten tiefer auf den Grund gehen möchten, tatsächlich immer übermäßig hilfreich sind, darf allerdings bezweifelt werden, denn ein großer Teil der Literatur, vor allem der Literatur, die dem Buch „Marco Polo“ zugrunde liegt, ist naturgemäß französischsprachig und aufgrund ihres Alters (oft deutlich vor 2000) sicherlich nicht problemlos verfügbar.

Philippe Ménard: Marco Polo, Die Geschichte einer legendären Reise. Primus Verlag 2009. Gebunden mit Schutzumschlag, 191 Seiten.

 

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Eingeordnet unter 3 Mittelalter, Rezension

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