Schiffe und ihr Design – von der Antike bis 1900

Seit der Antike hängt das Design von Schiffen nicht nur von der technischen Zweckmäßigkeit, sondern auch von traditionellen und kulturellen Aspekten ab. Die Geschichte des Schiffsbaus zeigt, wie unterschiedlich die Lösung gleichartiger technischer Probleme nicht nur im Detail, sondern auch im Großen aussehen kann.

VictoriabugOft genug sind nicht das zu lösende Problem selbst – nämlich der Transport von Lasten und Personen über das Wasser – sondern Traditionen, Kulturen, Umweltfaktoren oder Modeerscheinungen maßgeblich für die Gestaltung des Schiffes.

Das beginnt bereits bei den Schiffen der Pharaonen, deren zusammengenähte und gedübelte Holzplankenschiffe mit ihren hochgezogenen Enden oft den alten oder zeitgleichen Schilfbündelkonstruktionen ähnelten. Für die Schilfbündelschiffe waren die hochgezogenen und mit Seilen gespannten Enden zwingend erforderlich gewesen, um ein Auseinanderbrechen der Konstruktion zu verhindern. Für die hölzernen Plankenschiffe der Ägypter hingegen führten diese traditionellen Formen, die vor allem Prunkschiffen vorbehalten waren, eher zu Stabilitätsproblemen.

Auch wenn sich der Schiffbau der unterschiedlichen antiken Kulturen im Mittelmeer natürlich gegenseitig beeinflusste, die Zeitgenossen dürften aufgrund jeweils gestalterischer und konstruktiver Besonderheiten durchaus in der Lage gewesen sein, kretische, minoische, ägyptische, etruskische oder phönizische Schiffe voneinander zu unterscheiden.

Nordisches Klinker- und friesisches Kraweeldesign

Am deutlichsten wird die generelle Bandbreite unterschiedlicher Schiffsdesigns, wenn man die mittelalterlichen Schiffe der Europäer, Araber und Asiaten miteinander vergleicht. Aber auch innerhalb dieser Kulturbereiche war die gestalterische Vielfalt geradezu unerschöpflich. So hatten sich aus der gegenseitigen Beeinflussung der nordischen Klinkerbautradition, der westeuropäisch- friesischen Bautradition und der Bautraditionen des Mittelmeers im Mittelalter zahlreiche in Größe, Form und Konstruktion unterschiedliche Schiffstypen entwickelt, deren Definition den Wissenschaftlern erhebliche Schwierigkeiten bereitet. Und das allein schon deshalb, weil die jeweiligen Schiffbautraditionen, bereits seit der Bronzezeit nachweisbar, im Laufe der Zeit selbst Veränderungen unterworfen waren. Gleiches gilt für den arabischen und asiatischen Raum, jede Region, oft jeder Ort hatte hier eigene Konstruktions- und Gestaltungstraditionen, wie allein die riesige Familie der arabischen Dhauen oder der chinesischen Dschunken zeigt.

Holländisches Schiffsdesign

Auch, wenn im Laufe der Neuzeit eine gewisse Rationalität und Wissenschaftlichkeit in den Schiffbau eingezogen war und der kreative Teil zunehmend in Farbgebung und Verzierungen verdrängt zu werden schien, konstruktive gestalterische und modische Unterschiede blieben weiterhin offensichtlich. So galt vor allem vom 16. bis 18. Jahrhundert der holländische Schiffbau als das Maß aller Dinge. Die europäischen Nationen, von Schweden über Russland, von Brandenburg bis England, bestellten Schiffe in Holland oder engagierten holländische Schiffsbaumeister, obwohl die holländischen Schiffe mit ihren wegen der holländischen Küstengewässer flachen Böden beispielsweise gegenüber den schärfer gebauten englischen Galeonen auf offener See hinsichtlich der Manövriereigenschaften deutlich schlechter abschnitten.

Französiche Eleganz und britischer Konservativismus im Schiffsdesign

Und dann waren da noch die Spanier, die noch bis in das 18. Jahrhundert nicht auf ihre topplastigen, festungsgleichen Gold- und Silbergaleonen verzichten wollten, obwohl dieses Konzept sich spätestens seit dem Untergang der spanischen Armada 1588 als überholt erwiesen hatte.

Der französische Schiffbau zeichnet sich seit dem 17. Jahrhundert durch seine besondere Eleganz der Linien aus. In der napoleonischen Zeit galten französische Kriegsschiffe zudem als die besten der Welt. Gleichwohl verzichtete die unangefochtene britische Seemacht darauf, die französischen Linien zu kopieren, „keep britisch“ scheint die konservative Haltung der Schiffbauer gewesen zu sein, die sich auch in einem Vergleich der Mitte des 19. Jahrhunderts entwickelten Panzerschiffe dokumentiert.

Design a la Jule Verne

1858 versetzten die Franzosen mit dem Stapellauf der vollständig mit Eisenplatten gepanzerten Holzfregatte „La Gloire“ den Engländern einen Schock. Die aus meist ungepanzerten hölzernen Segelschiffen bestehende britische Flotte jener Zeit schien von einem zum anderen Tag ihre Überlegenheit verloren zu haben. Tatsächlich waren Panzerschiffe bereits aus dem amerikanischen Bürgerkrieg bekannt, das Konzept nicht wirklich überraschend. Aber das futuristische Design der „La Gloire“, wie eine von Jules Verne erdachte Kampfinsel, war in jener Zeit sicherlich unglaublich beeindruckend.

Die Briten antworteten 1860 mit dem technologisch und konstruktiv hochinnovativen, vollständig aus Eisen konstruierten Panzerschiff „HMS Warrior“, im Vergleich zu den französischen Panzerschiffen mit geradezu langweiligem konventionellen Design.

Antikes Design im industriellen Kriegsschiffsbau

Es war die französische Linienführung mit imposantem Rammsporn, die sich schließlich bei den ausgereiften Panzerschiffen, den Linienschiffen, Panzerkreuzern und Kreuzern gegen Ende des 19. Jahrhunderts durchgesetzt hatte. Dies war sicherlich der damaligen Begeisterung für die Antike und die Schlacht bei Salamis geschuldet, in der die Griechen die persische Flotte in Grund und Boden gerammt hatte. Aber natürlich hatte sich schnell herausgestellt, dass angesichts der technologischen Entwicklungen von Artillerie, Torpedos und Panzerung die Rammtechnik keine wirkliche Option im Seekrieg mehr war. Und dennoch, selbst die gewaltigen Linienschiffe, die mächtigen Panzerkreuzer und die schnellen Kreuzer des ersten Weltkrieges, ja selbst die Kaiserliche Jacht „Hohenzollern“ pflügten noch immer das Meer mit ihren schräg nach vorne gezogenen, konstruktiv und militärisch sinnlosen Rammsteven.

 

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Eingeordnet unter Geschichte im Querschnitt, Schifffahrtsgeschichte

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