Mit Napoleon in Ägypten – eine Rezension

Der Begleitband zur Kölner Ausstellung „Mit Napoleon in Ägypten“ beschreibt die Entwicklung von Napoleons ägyptischer Expedition bis zur Ägyptologie als Wissenschaft. Die Zeichnungen und das Leben des Jean- Baptiste Lepère im Kölner Wallraf- Museumstehen dabei im Mittelpunkt der Betrachtungen.

Wer kennt sie nicht, die Radierungen und Stiche, die verblüffend naturgetreuen, oft kolorierten, oft technischen Zeichnungen von Gebäuden, Landschaften oder Schiffen, die markanten Portraits in den Lexika und anderen Büchern des 19. Jahrhunderts. Allein die „Description de l`Égypte“, die aufwändig produzierte Renommierausgabe über die beim Ägyptenfeldzug Napoleons dokumentierten Kulturdenkmale, enthält 902 Bildtafeln mit über 3000 Einzelmotiven. Und einer der mehr als 200 Künstler, die an der Erstellung der „Beschreibung Ägyptens“ beteiligt waren, war der Architekt, Jean- Baptiste Lepère, der immerhin Vorlagen für über 50 Tafeln geliefert hatte.

Das Werk des Lepère in Köln

Lepère gehörte zum wissenschaftlichen Begleitpersonal der Ägyptenexpedition, die natürlich primär militärische Ziele hatte. Dennoch war der ägyptische Feldzug, wie Das Buch „Mit Napoleon in Ägypten“ vermittelt, der Beginn der wissenschaftlichen Ägyptologie. Dass dem französischen Architekten und dem Ägyptenfeldzug Napoleons ausgerechnet in Kölner Wallraf- Museum eine Ausstellung gewidmet ist, mag auf den ersten Blick verwundern. Tatsächlich aber ist hier auf verschlungenen Wegen der Nachlass des Lepère gelandet und in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts erstmals wissenschaftlich aufgearbeitet worden.

Napoleon in Ägypten – ein Kulturschock

Als die Franzosen nach Ägypten kamen, stießen zwei einander weitestgehend unbekannte Kulturen aufeinander, deren gegenseitiges Verständnis sich allein durch den kriegerischen Hintergrund der Expedition nicht gerade prächtig entwickelte. Aber auch ohne Krieg, so erfährt der Leser im Kapitel „Vom Wüstensand ins Atelier – Beobachtungen des Zeichners vor dem Motiv und bei der Ausarbeitung seiner Ergebnisse“ recht anschaulich, lässt sich beispielsweise die kulturelle Prägung des Betrachters fremder Architektur nur schwer überwinden.

Aber zuvor werden natürlich der Architekt Lepère und seine Arbeit nicht nur in Ägypten vorgestellt. Die Beschreibung der Arbeitsbedingungen der Dokumentatoren unter dem Primat des Krieges, Entdeckungen und ihre zeichnerischen, gelegentlich fehlerhaften Interpretationen und Rekonstruktionen und nicht zuletzt die Hinterlassenschaften Reisender früherer Jahrhunderte in Form von Graffitis füllen das inhaltlich erstaunlich vielseitige Buch, dessen Autoren den Leser trotz sachlicher Formulierungen auf eine spannende Zeitreise mitnehmen.

Die Entstehung der Description de l`Égypte

Seine besonderen Stärken entwickelt das eindrucksvoll illustrierte und an keiner Stelle schwache Buch „Mit Napoleon in Ägypten“ aber beispielsweise bei der Darstellung der Entstehung einer Zeichnung a la Lepère. Die Unmöglichkeit des objektiven Blicks des Künstlers, die technischen, handwerklichen Instrumente der Versachlichung, die konstruktiven Elemente der Architekturgrafik und vieles mehr machen deutlich, welch ein gewaltiger intellektueller Prozess und welche handwerklichen Fähigkeiten sich hinter den Illustrationen verbergen. Und auch die Zusammenarbeit von Zeichner und Stecher, also die Übersetzung des Originals in eine Druckplatte, die im Kapitel „Bon à être gravé“ zeigt, welch komplexer Prozesse und Arbeitsgänge eine simpel erscheinende Bildtafel beinhaltet, lassen so manches antiquarische Massenprodukt in einem anderen Licht erscheinen.

Lepère im Wallraf-Richartz-Museum

Aber die inhaltliche Vielfalt ist damit noch lange nicht erschöpft. Wie kamen Lepères Werke ins Wallraf? Was war das Besondere an dem Papier auf dem Lepère zeichnete? Wie werden die von Feuchtigkeit und Schimmel teilweise stark in Mitleidenschaft gezogenen Werke konserviert? Die Autoren des Buches stellen und beantworten diese Fragen und jedes Mal wieder ist man erstaunt, wie interessant solche scheinbar trockenen Themen tatsächlich sein können.
Exkurse zur Lesung und Entzifferung der ägyptischen Hieroglyphen, zu Aspekten des ägyptischen Totenkultes und die Diskussion der Frage, was Napoleon überhaupt nach Ägypten getrieben hatte, würden das Buch abrunden, wenn da nicht noch der umfangreiche Katalogteil und die Anhänge wären. In den Bildbeschreibungen des Anhangs konkretisieren sich unter anderem die kulturellen und sachlichen Probleme, die in den Kapiteln über die Entstehung der Zeichnungen entwickelt worden sind. Allerdings sind hier nur wenige der Exponate auch abgebildet. Dafür findet sich am Ende des Buches eine Ausklapptafel mit dem Querschnitt des Amun-Tempels in Theben. Eine Illustrierte Zeittafel und ein kleines Glossar bilden den inhaltlichen Abschluss des Buches „Mit Napoleon in Ägypten“.

Francoise Labrique, Uwe Westfehling: Mit Napoleon in Ägypten – Die Zeichnungen des Jean- Baptiste Lepère. Philipp von Zabern 2009. Hardcover, 263 Seiten.

 

Werbeanzeigen

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter 19. Jahrhundert, 5 Neuzeit, Archäologie, Rezension

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.