Ausstellungskatalog zu Alexander der Große

Gewicht, Format, Ausstattung und Titel des Begleitbandes zur gleichnamigen Ausstellung „Alexander der Große und die Öffnung der Welt“ lassen es schon vermuten: hinter dem repräsentativen Druckwerk verbirgt sich mehr, als nur ein weiteres Elaborat zum Leben des genialen makedonischen Feldherrn.

ALEXANDER72_KatalogcoverWer vor allem etwas über Schlachtgeschehen, militärische Strategien und Taktiken des ungestümen Kriegers Alexander erfahren möchte, sollte doch eher zu einem der zahlreichen hierzu erschienenen Bücher greifen, „Alexander der Große und die Öffnung der Welt“ spielt in einer ganz anderen kulturgeschichtlich- wissenschaftlichen Liga.

Mythos Alexander der Große

Ein Weltreich militärisch zu erobern ist das Eine, es zu beherrschen, zu organisieren, zu verwalten, etwas ganz Anderes. Die Fragen, worin die Leistung Alexanders des Großen über die militärischen Erfolge hinaus eigentlich bestand, welche intellektuellen und mentalen Voraussetzungen er für sein Lebenswerk mitbrachte – immerhin die Erkundung, Eroberung und Vereinigung nahezu der ganzen damals bekannten Welt – werden in den ersten Kapiteln des Buches untersucht. Dabei geht es nicht nur um die Person Alexanders, die nur vor dem Hintergrund des Wissens und der Vorstellungen seiner Zeit begriffen werden kann. Und so wird zunächst einmal ein unglaublich facettenreiches Bild der Welt gezeichnet, in die Alexander der Große hineingeboren worden war. Facettenreich nicht nur hinsichtlich des zeitgenössischen geografischen Verständnisses, das ein gewaltiges Auseinanderklaffen in Theorie und Praxis aufwies. Auch das komplexe kulturelle Verhältnis zwischen Griechen und Persern, das bereits vor Alexanders Eroberungen existierte, und das vor dem Hintergrund der spektakulären Perserkriege in unserem heutigen Geschichtsbild weitgehend untergeht, ist Gegenstand der Betrachtungen. Nicht zuletzt aber findet im Buch „Alexander der Große und die Öffnung der Welt“ eine permanente Quellendiskussion statt. Schließlich ist Alexander bereits zu Lebzeiten mystifiziert, sind auch zeitgenössische Informationen und Nachrichten politisch instrumentalisiert worden.

Alexander der Große als persischer König

Ein Beispiel ist das ausführlich auch in bezug auf seine Interpretationsprobleme diskutierte Alexandermosaik, ein anderes die Alexanderdarstellungen generell. Da entpuppt sich die Symbolik der Kleidungsfragen als ungemein wichtig, wenn es beispielsweise um die Erlangung politischer Herrschaftslegitimation über das ständig erweiterte Riesenreich geht.

Kulturelle und religiöse Toleranz, Aufrechterhaltung der logistischen und Verwaltungsstrukturen im eroberten persischen Reich, Adaption von Kultur und Wissenschaft, letztendlich die Übernahme des Persischen Königtums statt Unterwerfung Persiens unter die griechische Herrschaft, war das eigentliche Geheimnis Alexanders bei der Bildung seines auf den persischen Grundlagen basierenden Weltreiches.

Der Zusatz im Buch- und Ausstellungstitel „die Öffnung der Welt“ ist recht wörtlich zu nehmen. Denn Alexander überprüfte und korrigierte das damalige geografische Weltbild ganz praktisch. Seine Feldzüge ans Ende der Welt waren Welteroberung und systematische Welterkundung gleichermaßen – sicherlich ein wesentlicher Aspekt, der Alexanders Mythos noch viele Jahrhunderte nach seinem Tod lebendig bleiben und wachsen ließ. Nicht nur bei uns, sondern auch in der orientalischen und islamischen Literatur. Selbst in der Bibel findet, Alexander seinen Niederschlag.

Alexander der Große und der Hellenismus

„Asiens Kulturen im Wandel“ ist der zweite Titelzusatz, der auf den Schwerpunkt von Buch und Ausstellung verweist: die kulturellen Folgen der von Alexander dem Großen geschaffenen hellenistischen Welt. Gegenseitige Beeinflussungen griechischer, vielfältiger orientalischer, indischer und sogar chinesischer Kultur werden hier mit dem regionalen Schwerpunkt Baktrien dargestellt und auf ihre Hintergründe, Zusammenhänge und Überlagerungen überprüft. Kunst, Ikonografie, Münzen, Städtegründungen, Siedlungsgeschichte und vieles andere mehr werden in diesem Rahmen untersucht und nicht nur archäologisch untermauert. Deutlich wird dabei, eine einheitliche hellenistische Kultur oder gar ein Kunststil ist archäologisch nicht nachweisbar und eigentlich ist das angesichts der kulturellen Vielfalt des antiken Riesenreiches auch gar nicht zu erwarten. Hellenismus, erscheint nach der Lektüre eher ein Konzept kultureller Weltoffenheit, das Alexander der Große im Rahmen seiner Welterkundung in Bewegung gesetzt hat.

Alexander der große und die Öffnung der Welt

Die Ausstellung „Alexander der Große und die Öffnung der Welt“ ist mit zahlreichen hochkarätigen Exponaten aus aller Welt bestückt. Wie sollte es auch anders sein, bei einem Projekt, an dem nicht nur die Curt- Engelhorn- Stiftung, die Reis- Engelhorn- Museen und die Eurasien- Abteilung des Deutschen Archäologischen Instituts beteiligt sind.

Nach den hochinformativen und durchaus auch anspruchsvollen ersten mehr als 200 Seiten des großformatigen und hervorragend illustrierten Buches, folgt dann schließlich auf weiteren rund 200 Seiten auch der Katalog.

Durch die am Inhalt des Buches orientierte Gliederung des Kataloges, die vorangestellten kurzen inhaltlichen Überblicke und die Beschreibungen der Exponate, die diese jeweils in ihren historisch-kulturellen Zusammenhang stellen, kann der Katalogteil wie ein bestimmte Aspekte vertiefendes Repetitorium begriffen werden.

Hansen, Wieczorek, Tellenbach: Alexander der Große und die Öffnung der Welt. Schnell & Steiner 2009. Gebunden, 447 Seiten.

 

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