Rezension der „Kulturgeschichte des Waldes“

Der Wald als kulturelles Motiv spielt bei uns eine ganz große Rolle. Die Autorin Viktoria Urmersbach beschreibt die Kulturgeschichte des Waldes in ihrem Buch „Im Wald da sind die Räuber“ von den Anfängen bis zur Gegenwart.

Mit seiner Reihe „Kleine Kulturgeschichten“ hat der erst 2008 gegründete Vergangenheitsverlag ein interessantes Buchformat aufgelegt. Klein, kompakt und dennoch inhaltsschwer entpuppen sich die Büchlein als echte Taschenbücher, geeignet, sie immer bei sich zu tragen und jederzeit unterwegs griffbereit zu haben. Mit dem Buch „Im Wald da sind die Räuber“ hat sich die freie Historikerin und TV- Autorin Viktoria Urmersbach das Thema „Kulturgeschichte des Waldes“ vorgenommen und beantwortet damit unter anderem die Frage, warum wir Deutschen unseren Wald so lieben.

Die Wälder der Germanen

Schon im ersten Kapitel „vom ersten Baum zum finsteren Wald der Germanen“, räumt die Autoren mit beliebten Vorurteilen auf. „Die Wälder sangen nicht ewig“, enthüllt Urmersbach und erinnert daran, dass die Wälder, in denen sich unsere germanischen Vorfahren getummelt hatten, überhaupt erst etwa zwischen dem 9. und 7. Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung nach dem Rückzug der eiszeitlichen Gletscher entstehen konnten. Und kaum hatten sich die Menschen in den neu entstandenen Wäldern, die Nahrung und Schutz vor rauhem Wetter boten, eingerichtet, begannen sie auch schon, ihn sich Untertan zu machen. Spätestens seit der Eisenzeit hat der Mensch den Wald zur Kulturlandschaft gemacht. Der Wald wurde Weide, Lieferant von Baumaterial, er wurde gerodet, verbrannt und musste, wie Urmersbach treffend formuliert, im wahrsten Sinne des Wortes das Feld räumen.

Der Wald als gesellschaftliches Schlachtfeld

Aus der Sicht der Römer, die Germanien zur Provinz machen wollten, war der Wald, wie Tacitus beschrieb, grauenerregend und grässlich und letztendlich mitverantwortlich für die Niederlage des Varus im Jahr 9 nach Christus. Diese Einschätzung wurde als Grundlage für die patriotischen und nationalistischen Ideologien der neuzeitlichen Jahrhunderte bis zum Nationalsozialismus missbraucht und prägt die Affinität der Deutschen zu ihrem Wald bis heute.

Aber die „Kulturgeschichte des Waldes“ erschöpft sich nicht in den ideologischen Verirrungen unserer Nation. Viktoria Urmersbach vermittelt sehr anschaulich die Rolle des Waldes im Laufe der Geschichte. Des Mittelalters beispielsweise, in dem der Wald vom Allgemeingut zum Adelsbesitz wurde und damit juristisches, moralisches, ökonomisches und ganz konkretes Schlachtfeld für die Auseinandersetzung zwischen Herrschern und Untertanen für Jahrhunderte geworden war.

Entsprechend der Entwicklung dieser Auseinandersetzungen entwickelten sich ganz unterschiedliche Sichtweisen zum Thema Wald. War er einerseits schlichtweg auszubeutender Wirtschaftsraum, galt er andererseits als Freiraum, als Refugium für gesellschaftliche Aussteiger, als Gegenentwurf zur oft bedrückenden und zwanghaften gesellschaftlichen Realität, oder eben als finstere, bedrohliche Naturgewalt.

Wald und Ideologie

Diese Widersprüchlichkeiten sind es, so die Erkenntnis aus der Lektüre von „Im Wald da sind die Räuber“, die die Geschichten über den Wald, die Mythen, Legenden und Märchen hervorgebracht haben, deren Wirkung auf die deutsche Seele wir auch heute noch nicht so richtig abschütteln können.

Viktoria Urmersbach breitet vor dem Leser den Räuberwald Schillers ebenso aus, wie die romantisierende Waldsicht des 19. Jahrhunderts, die Märchen beispielsweise von Hänsel und Gretel (das Hexenhaus bestand übrigens, so kann man lernen, nicht aus Lebkuchen) oder die Rolle des Waldes in der Nachkriegszeit. Und selbstverständlich denkt die Autorin auch über die Zukunft des Waldes, das Thema Waldsterben und die neuen Entwicklungen der Waldpädagogik oder der Urwaldrekonstruktion nach.

Kulturgeschichte des Waldes

Eine durchaus interessante Literaturliste und zahlreiche Anmerkungen führen den Leser bei Bedarf weiter und es ist kaum zu fassen, was in so einem kleinen Büchlein drinnen steckt. Je nach Epoche zeitgenössische Illustrationen, Gedichte und Zitate hauchen dem „Waldbuch“ ebenso Leben ein, wie der lockere Stil der Autorin. Und auf den 152 Seiten ist sogar noch Platz für einen Anhang unter dem Titel „Noch mehr Holz“, mit Gedichten und Quellen von Novalis bis Klopstock. Auch wenn die Lektüre erbaulich und leicht daher kommt, sie ist zu keiner Zeit seicht und an vielen Stellen nachdenklich und subtil zum Nachdenken auffordernd.

Viktoria Urmersbach: Im Wald da sind die Räuber – Eine Kulturgeschichte des Waldes. Vergangenheitsverlag 2009. Broschürt, 152 Seiten.

 

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