Die Schlacht bei den Pyramiden – Rezension

Napoleon erobert den Orient lautet der Untertitel des Buches von Juan Cole. Und doch dokumentiert der Historiker eher den vergeblichen Versuch Napoleons eine französische Republik Ägypten zu begründen.

9783806222029-bEs war Anfang Juli 1798 als Napoleon mit seinem Expeditionsheer Ägypten betrat, um es vor dem drohenden Zugriff Englands zu sichern. Juan Cole beschreibt wie sich aus der ursprünglichen Absicht Napoleons für die Franzosen den Zugang nach Indien zu öffnen, die Notwendigkeit der Bildung einer dauerhaften französischen Republik entwickelte. Durch Admiral Nelsons Sieg über die französische Invasionsflotte bei Abukir war dem französischen Feldherrn mit seiner Armee der Rückweg nach Frankreich versperrt. Es galt nun, sich in Ägypten langfristig einzurichten.

Napoleon zwischen Größenwahn, Depression und Pragmatismus

Ziel- und Strategiewechsel waren in der unverstandenen orientalischen Fremde ohnehin an der Tagesordnung der französischen Besatzungs- und Eroberungspolitik. Durch in den letzten Jahren entdeckte Memoiren und Briefe Napoleons und einiger seiner Soldaten, zeichnet Cole ein nicht nur lebendiges, sondern auch recht persönliches Bild der Ereignisse. Unterschiedliche Einstellungen zu den Befehlen und Maßnahmen Napoleons innerhalb der Armee und des Offizierschors werden dabei ebenso deutlich, wie die Sichtweise seiner Gegner. Vor dem Auge des Lesers eröffnet sich der scheinbare Größenwahn Napoleons, der sich bei genauerer Betrachtung als eine Mischung aus Ignoranz, revolutionärem Sendungsbewusstsein und politischem Kalkül entpuppt. Eine gehörige Portion Depression und Liebeskummer kommen noch hinzu.

Aufklärung versus orientalischen Despotismus

Cole hat es sich mit seinem Buch zur Aufgabe gemacht, ein Stück Kulturgeschichte historisch fundiert zu beleuchten, das bislang relativ wenig beachtet wurde. Immerhin ging es bei der ägyptischen Expedition nicht nur um eine militärische, sondern auch um eine kulturelle Eroberung. Napoleon war nämlich auch angetreten, den despotisch regierten Osmanen, Arabern und Ägyptern die Segnungen der französischen Revolution, der Aufklärung, der „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ zu bringen. Auch wenn ihm das allein deshalb nicht gelungen ist, weil er die Funktionsweise der orientalischen Gesellschaft nicht verstanden hatte, mit der Zerstörung der alten Herrschaftsstrukturen war er durchaus erfolgreich. Als Napoleon Ägypten schließlich verließ, hatte er eine völlig destabilisierte Gesellschaft hinterlassen.

Paschas, Beys und Mamelucken

Die politischen Verhältnisse im Orient waren zu Napoleons Zeit nicht weniger kompliziert als heute. Cole bewegt sich zwischen Mamelucken, Sultanen, Paschas, Beys und den Strukturen des osmanischen Reiches mit schlafwandlerischer Sicherheit. Im Gegensatz zum gelegentlich verwirrten Leser, der bestimmte Informationen nicht immer so schnell verdauen kann, wie sie präsentiert werden. Literarisch zweifellos vertretbar ist das Prinzip der historischen Rückblenden, um beispielsweise zu erklären, wie es zu der einen oder anderen Situation oder Entscheidung gekommen ist. Gelegentlich treibt der kundige Historiker es jedoch auch in dieser Hinsicht ein wenig wild und daher wäre zur Orientierung zweifellos eine Zeittafel angebracht. Der umfangreiche Anmerkungsapparat ist diesbezüglich nicht sehr hilfreich.

Informativ und anspruchsvoll

Spannend ist das Buch allemal und auch das Thema ist heute noch aktuell. Sorgfältig mit hoher Konzentration gelesen bringt die Lektüre viele ansonsten kaum verfügbare Informationen über die hochdifferenzierte orientalische Gesellschaft, den Islam und auch die Sichtweise der aufgeklärten Europäer auf den Orient des 18. Und 19. Jahrhunderts. Nicht immer ist man sich jedoch der korrekten Übersetzung des 2007 erschienenen englischsprachigen Originals sicher. Etwa wenn Cole auf dem Nil Galeonen segeln – eigentlich ein Schiffstyp des 16./17. Jahrhunderts – oder eine aus der frühen Neuzeit stammende Karavelle im Hafen anlegen lässt.

Juan Cole: Die Schlacht bei den Pyramiden, Napoleon erobert den Orient. Theiss 2010. Gebunden mit Schutzumschlag, 291 Seiten.

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Eingeordnet unter 19. Jahrhundert, 5 Neuzeit, Rezension

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