Andrea Rottloff: Archäologen

Heinrich Schliemann, Agatha Christie oder Lawrence von Arabien sind nur einige der mehr als 40 ArchäologInnen, die im Buch von Andrea Rottloff vorgestellt werden. Dabei ist das Buch „Archäologen“ kein Lexikon der großen Ausgräber, sondern eine Sammlung hochinteressanter Biographien von ungewöhnlichen Menschen, die wichtige Beiträge zur Archäologie geleistet haben.

978-3-8053-4063-2Die Autorin, Dr. Andrea Rottloff, selbst Lehrbeauftragte der Provinzialrömischen Archäologie an der Ludwig-Maximilians- Universität in München, hat sich bei der Auswahl ihrer Portraits auf die „Alte Welt“, also Europa und den Mittelmeerraum und auf jene Menschen beschränkt, die nicht mehr am Leben sind. Angesichts der in diesem Buch vorgestellten 40 Persönlichkeiten, sicherlich eine kluge Entscheidung, eine vollständige Bestandsaufnahme aller weltweit agierenden berühmten Archäologen würde sicherlich den Rahmen eines jeden Buches sprengen.

Archäologen als unkonventionelle Geister

Für den Leser wird der Wert der etwas anderen Herangehensweise der Autorin an die Biografien der großen ArchäologInnen bereits bei der ersten Persönlichkeit, dem Ratsherrn und Antiquar Conrad Peutinger, deutlich. Der 1465 geborene Peutinger, Begründer der Römerforschung in Augsburg, hatte sich auf das Sammeln und Analysieren römischer Inschriften und antiker Münzen spezialisiert und dabei für jene Zeit geradezu revolutionäre Dokumentationsmethoden angewendet. Wie für die anderen im Buch portraitierten Archäologen gilt natürlich auch für Peutinger, dass er in das Netz der zeitgenössischen Künstler, Philosophen und Wissenschaftler, also in die Gesellschaft eingebunden war, was nicht nur der Karriere dienlich war, sondern ebenso Konfliktpotential für große und unkonventionelle Geister beinhaltete.

Archäologie und Gesellschaft

Mit Szenen einer Ehe in 16. Jahrhundert beleuchtet Andrea Rottloff genau diese Aspekte am Beispiel des Peutinger, der 33-jährig, die für die damalige Zeit hervorragend ausgebildete 17-jährige Kaufmannstochter Margarethe Welser heiratete, die ganz im Stil der Renaissanse als hochgebildete Zierde ihres Mannes fungierte. In der viktorianischen Epoche befürchtete man jedoch, dass „zu eifriges Studium bei Frauen zu Gehirnerweichung“ führe, gesellschaftliche Rahmenbedingungen, die es um so erstaunlicher erscheinen lassen, dass gerade im 19. Jahrhundert nicht wenige Frauen in der Männerdomäne Archäologie Hervorragendes geleistet hatten.

Archäologinnen der ersten Stunde

So zum Beispiel Amelia Edwards, die Königin der Ägyptologie, die – Journalistin, Reiseschriftstellerin und Ägyptologin – als Begründerin der wissenschaftlichen Ägyptologie in England gilt. Faszinierend hier nicht nur die Tatsache, dass Edwards in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ohne „männlichen Schutz“ durch Ägypten reiste. Rottloff gelingt es immer wieder die Menschen und die oft genug schillernden Persönlichkeiten, die hinter den wissenschaftlichen Leistungen stecken, auch bei oft schlechter Quellenlage, hervorzulocken und dabei auch Vorurteile zu widerlegen. So war beispielweise kaum eine der von den Zeitgenossen oft als „Mannweiber“ begriffenen tatkräftigen, gelegentlich alleinstehenden Archäologinnen, tatsächlich militante Feministin, wie noch heute oft vermutet wird.

Netzwerk archäologischer Persönlichkeiten

Rottloff gelingt es, die Geschichte der Archäologie, die großen Entdeckungen und Grabungen, die Entwicklung der wissenschaftlichen Methoden in den Kontext ihrer Zeit und der Persönlichkeit ihrer Protagonisten zu stellen. Ein spannender Ansatz, der tatsächlich zu neuen Erkenntnissen für den Leser führt. Da sind die zahlreichen Querverbindungen zwischen den Archäologen, die Freund- und Feindschaften, da erfährt man, dass das archäologische Genie Petri ein Enkel des Forschungsreisenden Matthew Flinders war.

Selbstverständlich dürfen bei „Archäologen“ Namen wie Johann Joachim Winkelmann, Heinrich Schliemann, Adolf Furtwängler oder Harriet Boyd Hawes nicht fehlen. Aber tatsächlich gehören zu den berühmten ArchöologInnen jene Menschen, die als solche heute kaum mehr wahrgenommen werden wie beispielsweise der Pathologe Rudolf Virchow, der britische Geheimagent Lawrence von Arabien oder die Schriftstellerin Agatha Christie.

Triebkräfte der Archäologie

Es sind keine vollständigen Biografien die die Autorin hier präsentiert. Rottloff selbst bezeichnet ihre Portraits als anekdotenhaft, schlaglichtartig, als Lebenssplitter, eingebunden in ihre Zeit und ihr Umfeld. Mit ihrem Blick auf das Persönliche der behandelten Personen bietet sie dem Leser aber vor allem einen einzigartigen Zugang zu den Triebkräften der Archäologie. Wer mehr über die Biografien der vorgestellten Archäologen erfahren möchte, für den bietet Rottloff im Anhang ausreichend „Stoff“ zum Weiterlesen an. Das Buch „Archäologen“ stellt übrigens den Auftakt zur neuen Philipp von Zabern Reihe „die Berühmten“ dar. Weitere Bücher der neuen Reihe sind mit „Römische Schriftsteller“, Liebschaften der Antike“, Päpste am Wendepunkt“ und Griechische Bildhauer“ derzeit in Vorbereitung.

Andrea Rottloff: Archäologen. Philipp von Zabern 2009. Flexicover, 208 Seiten.

 

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