Tom Hollands "Millennium"

Nach „Persisches Feuer“ ist 2009 mit Tom Hollands „Millennium“ ein weiteres Geschichtsepos des britischen Journalisten auf dem deutschsprachigen Markt erschienen. In seinem neuen Buch entwickelt Tom Holland vor dem geistigen Auge seiner Leser die Entstehung einer neuen Zivilisation.

Holland_Millennium_2d_4cDabei spannt er einen Bogen von der Kreuzigung Jesu bis zur Eroberung Jerusalems durch die Kreuzritter. Zwei zentrale Aspekte der mittelalterlichen Geschichte des ersten Jahrtausends macht Holland zum Mittelpunkt und zur treibenden Kraft der historischen Prozesse. Da ist zum einen der Machtkampf zwischen Kaiser und Papst, der mit dem showdown zwischen dem deutschen Kaiser Heinrich IV. und Papst Gregor, 1077 in Canossa einen am Ende revolutionären Höhepunkt fand.

Die andere Triebkraft, die Holland als eine Motivationsgrundlage für das Handeln der Großen und Mächtigen jener Zeit in seine Erzählungen einfügt, war die Furcht vor dem zur Jahrtausendwende erwarteten Ende der Welt. Die Christliche Religion, der Glaube an die Offenbarung des Johannes war es – folgt man Tom Holland – die aus heidnischen Raufbolden und Räuberhäuptlingen zwar grausame aber visionäre Persönlichkeiten der Geschichte machten.

Millennium, das dunkle Zeitalter

Aber natürlich war die Religion auch ein politisches Machtinstrument, allein schon deshalb, weil nur der gebildete Klerus mit seinen Einrichtungen staatliche Verwaltung immer größer werdender Reiche garantieren konnte. Das Christentum war neben dem späteren Islam das einzig verfügbare ideologische Bindeglied zwischen Völkern und unterschiedlichen Kulturen. „Millennium“ beschreibt das erste Jahrtausend als eine Geschichte der Kriege, der Intrigen, der Grausamkeiten, des Schlachtens und Mordens und natürlich der mit den Expansionsgelüsten von Herrschern einhergehenden Christianisierung. Holland konzentriert sich auf genau diese Aspekte deren erklärende Bindglieder immer wieder der Kernkonflikt zwischen dem oströmischen Kaiser und dem barbarischen Anspruch auf das römische Vermächtnis, das Papsttum und der prognostizierte Weltuntergang darstellen. Und mittendrin das einflussreiche Kloster Cluny und seine mächtigen Äbte, ein in den Augen der damaligen Zeit himmlisches Reich auf Erden.

Die ganze Welt des Mittelalters

Der Leser findet in Hollands „Millennium“ an Ereignissen und Persönlichkeiten so ziemlich alles wieder, was das Jahrtausend des sogenannten finsteren Zeitalters zu bieten hatte. Die fränkischen und sächsischen Könige und Kaiser, die Päpste, die Wikinger, Waräger und Normannen und ihre Führer, die Kalifen der Sarazenen, die Skandinavischen Könige. Der Horizont der Ereignisse reicht von Vinland, der wikingischen Entdeckung in Amerika, über die Entstehung Kiews und des russischen Reiches bis zu den Slawen im Osten. Vom christlichen Byzanz bis zum islamischen Andalusien auf der spanischen Halbinsel und natürlich zum englischen Königreich, das kurz vor der päpstlichen Revolution gegenüber Heinrich IV. zur normannischen Beute geworden war.

Papst Urban und die Kreuzfahrer

„Das Ende der Welt und die Durchsetzung der Christenheit“ heißt der Untertitel der englischsprachigen Ausgabe von Hollands „Millennium“. Und tatsächlich entspricht dies wohl eher der Intention des Buches. Denn die Geburt Europas ließe sich an vielen Ereignissen und Epochen während der ersten 1500 Jahre unserer Zeitrechnung festmachen, je nachdem, was man unter Europa verstehen will. Die Brillanz des Buches lässt sich denn auch nicht wirklich am Anspruch, die Geburtsstunde Europas zu erklären, festmachen. In bewährter, geschichtswissenschaftlich sehr konservativer Manier konzentriert sich Holland in seinem „Millennium“ auf wunderbar geschilderte Charaktere großer Persönlichkeiten und anschaulich und kurzweilig dargestellte wichtige Ereignisse und ihre Auswirkungen und setzt dann einen zu seiner Aufarbeitung des Themas passenden Endpunkt der Entwicklung, der gleichzeitig einen Neuanfang darstellt – die Eroberung Jerusalems durch die von Papst Urban mobilisierten Kreuzfahrer.

Millennium zwischen Wissenschaft und Fiktion

Tom Hollands „Millennium“ ist also durchaus ein hochinteressantes und gut lesbares Historienepos, das auch Informationen und Hintergründe liefert, die nicht, oder noch nicht in den Geschichtsbüchern stehen. Aber es darf keineswegs mit einem Geschichtsbuch verwechselt werden, zu viele relevante Aspekte kommen vor dem Hintergrund von Hollands legitimer These der christlichen Revolution einfach nicht vor. Von revolutionärer Wirkung war beispielsweise auch die Entwicklung des Handels die bestenfalls rudimentär berücksichtigt wird. Und da Holland sich in seinem „Millennium“ bei der Auseinandersetzung mit den Persönlichkeiten der Zeit aus schriftstellerischen Gründen eben nicht nur auf die Wiedergabe ihrer durch Quellen belegten Handlungen beschränkt, sondern die Figuren auch durch die mehr oder weniger abgesicherte Unterstellung ganz unterschiedlicher persönlicher Motive und Gedanken lebendig werden lässt, handelt es sich natürlich auch um ein wenig Fiktion.

Das 10. Jahrhundert, die unterschätzte Epoche

Trotzdem, das worüber Tom Holland in der Sache geschrieben hat, basiert, wie bereits sein Buch „Persisches Feuer“, auf guter und gut belegter Recherche. Die Konzentration auf einige wenige Leitmotive erhöht natürlich die Lesbarkeit, und gewisse inhaltliche Lücken sind auch dem manchmal erstaunlich geringen Forschungsstand hinsichtlich bestimmter Zeiten und Regionen geschuldet. Holland war sich bei seiner Arbeit all dessen wohl bewusst, denn in seiner Danksagung formulierte er „ . . .dass die Arbeit daran mir häufig wie eine lange, gewundene Straße vorkam.“ Und „ . . dass es keine faszinierendere und gleichzeitig von der Wissenschaft unterschätztere Epoche gibt, als das 10. Jahrhundert.“

Tom Holland: Millennium – Die Geburt Europas aus dem Mittelalter. Klett-Cotta 2009. Gebunden mit Schutzumschlag, 502 Seiten.

 

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Eingeordnet unter 3 Mittelalter, Rezension

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