Rezension zu "Die Entdeckung der Vergangenheit"

„Die Entdeckung der Vergangenheit“ ist die Geschichte der Suche nach der Vergangenheit, die in Form von Ausgrabungen schon vor 5000 Jahren begonnen hatte. Ganz offensichtlich, so zeigt der Professor für Archäologie der Universität Paris, Alain Schnapp, ist die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit komplexeren Gesellschaften respektive Zivilisationen immanent.

Schnapp_EntdeckungVergangenheitSchnapp führt den Leser bereits im ersten Kapitel seines Buches nach Mesopotamien und präsentiert eine Inschrift aus dem 6. vorchristlichen Jahrhundert, die belegt, dass der babylonische Herrscher Nabonid Grabungen durchführen ließ, um die monumentalen Spuren seiner Vorgänger Nebukadnezar und Burnaburiasch wiedererstehen zu lassen.

Archäologie in der Antike

Das Ergraben und Sammeln von antiken Artefakten, das Interesse am Leben der Vorfahren und an historischen Ereignissen zog sich durch die ganze Antike bis zum Zusammenbruch des römischen Reiches. Und die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit entwickelte ganz unterschiedliche Formen, deren Zusammenhänge zu den jeweiligen Kulturen Schnapp sehr nachhaltig diskutiert und mit zeitgenössischen Dokumenten unterlegt. Dabei arbeitet Schnapp immer wieder die Unterschiede zwischen Antiquaren, Historikern und der Archäologie heraus, diskutiert und beschreibt Methoden, philosophische Ansätze und deren Überschneidungen bei der Suche nach Spuren der Vergangenheit in der Vergangenheit.

Das Geschichtsverständnis der Griechen oder der Römer und der damit verbundene Umgang mit den materiellen Hinterlassenschaften der Vorfahren wird dem Leser ebenso nahegebracht, wie die Archäologie zur Legitimation von Herrschaft der vorderasiatischen Großreiche. Die ideologische und religiöse Archäologie und Geschichtswissenschaft, die sich nach dem Zusammenbruch des römischen Westreiches im mittelalterlichen Europa bildete und im gewissen Sinne beinahe vergangenheitsfeindlich erschien und die Renaissance der fast verlorengegangenen Antike in der beginnenden Neuzeit werden im Buch „Die Entdeckung der Vergangenheit“ über ausführliche Zitate aus Schriften der jeweils führenden Vertreter unterschiedlicher Schulen nachgezeichnet.

Archäologie und Schöpfungsgeschichte

Die Entdeckung der Vergangenheit war beileibe kein kontinuierlicher Prozess. Da gab es Menschen, die in ihren Gedanken und methodischen Ansätzen ihrer Zeit weit voraus waren, andere, die noch im 19. Jahrhundert mit der Auffassung, dass die biblische Schöpfungsgeschichte allgemeingültig sei, die wissenschaftliche Welt dominierten. Sie alle kommen im Buch Alain Schnapps zu Wort und machen Stück für Stück die Vorstellungswelt der Menschen in den verschiedenen historischen Epochen und damit auch die teilweise skurrile Interpretation der Spuren der Vergangenheit für den Leser transparent. Mit Darwin und der Überwindung der biblischen Welt- und Geschichtsbetrachtung beginnt nach Schnapp das Zeitalter und die Etablierung der modernen Archäologie, die in diesem Buch nicht mehr Gegenstand der letztendlich auch ideengeschichtlichen Betrachtung der Archäologie ist.

Sammlungen, Museen und Denkmalpflege

Der Gegenstand des Buches ist außerordentlich komplex. Dennoch verliert sich der Leser nicht in den unterschiedlichen Entwicklungen, Widersprüchen, Brüchen und Stillständen bei der Entdeckung, Nutzung und Interpretation der Vergangenheit. Durch die Klippen der Geschichte der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit sicher von Alain Schnapp geführt, läßt sich schließlich auch die kuriose Sammellust der Könige und Fürsten seit dem 16. Jahrhundert, die am Ende zu universitären Lehrsammlungen und namhaften öffentlichen Museen geführt hatte, ebenso nachvollziehen wie die Entstehung der Denkmalpflege oder die Leistungen der archäologischen Pioniere.

Antiquare, Archäologen und Historiker

Auch wenn es auf den ersten Blick so scheinen mag, „Die Entdeckung der Vergangenheit“ ist kein Buch endloser philosophischer Diskurse. Es ist gerade wegen seiner zahlreichen ausführlichen und unter „Texte zur Archäologie“ noch einmal ergänzten zeitgenössischen Zitate und Beispiele außerordentlich anschaulich. Dies vor allem deshalb, weil trotz ihres Umfangs die Zitate nie, wie in einigen anderen Büchern gerade französicher Historiker, den Eindruck vermitteln, hier solle die Belesenheit des Autors unter Beweis gestellt werden. Jedes Zitat ist hier ein lebendiges Dokument, das dem Leser die Gedankenwelt der jeweiligen Autoren näher bringt, die Schnapp dann in größere historische kulturgeschichtliche und politische Zusammenhänge stellt. Nicht zu vergessen, die zahlreichen Illustrationen unter anderem aus mittelalterlichen Handschriften, die nicht nur als schöne Ausstattung des Buches begriffen werden dürfen, sondern ebenfalls einen Beitrag zum Verständnis des geschriebenen Wortes leisten.

Alain Schnapp: Die Entdeckung der Vergangenheit – Ursprünge und Abenteuer der Archäologie. Klett-Cotta 2009. Gebunden mit Schutzumschlag, 424 Seiten.

 

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Eingeordnet unter Archäologie, Geschichte im Querschnitt, Rezension

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