Germania und die Insel Thule – Rezension

Mit der Entschlüsselung von Ptolemaios  „Atlas der Oikumene“ hat ein Berliner Forscherteam unter anderem zahlreiche Orte des rechtsrheinischen Germanien der beiden ersten nachchristlichen Jahrhunderte zuverlässig lokalisieren können.

GermaniaThuleNoch 1892 war die Darstellung von Germania Magna des Ptolemaios für die Wissenschaftler „ein verzaubertes Schloss der Forschung“, wie der klassische Philologe Karl Zangemeister (1837 – 1902) formulierte. Die drei von Zangemeister in diesem Zusammenhang angesprochenen Fragestellungen – Textüberlieferung, die Quellen des Ptolemaios und seine Verfahrensweise zur Ermittlung der geographischen Koordinaten –  galten zu recht seit diesem Zeitpunkt als Schlüssel zum Verständnis des „Atlas der Oikumene“. Und obwohl an diesen Fragen seit mehr als 100 Jahren intensiv geforscht wurde, gelang es erst dem Forscherteam der Technischen Universität Berlin (TUB), die vermeintlichen Rätsel der Weltkarte des Ptolemaios zu entschlüsseln.

Siedlungsstrukturen im Barbaricum

Mit viel Mathematik aber auch mit Quellenstudium und Literaturkritik haben sich der wissenschaftliche Mitarbeiter am Institut für Geodäsie und Geoinformationstechnik der TUB, Andreas Kleineberg,  Christian Marx, ebenfalls wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut,  Prof. Eberhard Knobloch, seit 2006 Präsident der European Society for the History of Sciences und Dieter Lelgemann, emeritierter Professor für astronomische und physikalische Geodäsie an der TUB, über das Problem hergemacht. Und die nun im Buch „Germania und die Insel Thule“ präsentierten Ergebnisse der interdisziplinären Forschungsbemühungen bieten der archäologischen und historischen Forschung ganz neue Perspektiven. Denn tatsächlich können nun auch viele römisch-kaiserzeitliche Orte in den scheinbar wilden und unbekannten Gefilden Germaniens lokalisiert werden, die bislang teilweise als Phantasieprodukte antiker Kartografen gelten konnten. Mit den publizierten Karten und den aufgelisteten „Koordinaten und Identifizierungen der antiken Orte und Geländemarken“, die auch akribisch dokumentierte Fehlertoleranzen und den Grad der sicheren Identifikation beinhalten, kann sich der Nutzer des Buches nun ein relativ zuverlässiges Bild der frühkaiserzeitlichen Siedlungsstrukturen in Germania Magna, Gallia Belgica, Germania Inferior, Germania Superior, Raetia et Videlicia und Noricum machen. Selbstverständlich haben die Forscher – wie der Titel verrät – auch eine sehr plausible Verortung von Thule präsentiert.

Die Weltkarte des Ptolemaios, ein mathematisches Puzzle

„Germania und die Insel Thule“ ist aber nicht nur wegen der Ortsidentifikationen interessant. Wohl wichtiger ist die Darstellung der methodischen Vorgehensweise, der eingesetzten mathematischen Instrumente und der jeweils zugrunde gelegten Vorüberlegungen. Auch wenn man wie der Autor dieses Beitrags keine allzu große Affinität zu Mathematik oder gar Statistik hat, auch ohne die zahlreichen Formeln zu begreifen, kann man die „geodätische Entzerrung der ptolemäischen Koordinaten“ gut nachvollziehen. Das liegt vor allem an der systematischen Vorgehensweise der Autoren, die den Leser Schritt für Schritt in die Überlegungen einbeziehen, die am Ende in so gewöhnungsbedürftige Begriffe und Statistische Rechenkonstrukte wie „Gauß-Markov-Modell“ oder „Transformationssätze“ münden.

Informationsquellen und ihre Fehler

Wenn man bedenkt, dass Ptolemaios beispielsweise für die Beschreibung von Germania Magna unter anderem die kleinräumigen Messergebnisse römischer Militärkartografen mit ganz unterschiedlichen Entfernungsangaben, sei es, in Tagesreisen, verschiedenen Stadienmaßen, Meilen oder Leuga zu einem großen Ganzen zusammenrechnen musste, dann wird das Problem deutlich. Fehlerquellen über Fehlerquellen bei allen Beteiligten sammeln sich an und müssen berücksichtigt werden.

Das gilt nicht nur für die mehr oder weniger zeitgenössischen Informationsquellen des Ptolemaios, die ebenso wie das Originalexemplar seiner „Geographie“ gar nicht mehr existieren. Auch in den zahlreichen griechischen Abschriften, deren älteste um 1300 nach Christus entstanden sind, haben sich nachweislich übertragungs- und Schreibfehler eingeschlichen. Es ist einfach faszinierend, wie die Wissenschaftler diese Fehlerquellen analysieren, kategorisieren und auch für den Laien nachvollziehbar unter Hinzuziehung historischer Quellen und wissenschaftsgeschichtlicher Kenntnisse Schritt für Schritt so weit wie möglich beseitigen.

Identifizierte Orte und die germanische Infrastruktur

Wer sich nur für die Ergebnisse in Form von historischen Ortsangaben interessiert, der wird möglicherweise ein wenig enttäuscht sein, obwohl die Identifizierungen der antiken Orte einschließlich der dazugehörigen Anmerkungen einen großen Teil des Buches einnehmen. Aber erst wenn man verstanden hat, auf welcher Basis die Wissenschaftler Ptolemaios Arbeit analysiert und interpretiert haben, was also beispielsweise die jeweilige Bewertung der gefundenen Koordinaten bedeutet, wird man den inhaltlichen Reichtum dieses Buches sowohl von der wissenschaftlich-methodischen als auch der historisch-forschungsperspektivischen Seite erfassen können. Der geneigte Leser merkt ohnehin schnell, dass nicht die einzelnen identifizierten Orte für sich das Wesentliche an der wissenschaftlichen Arbeit sind, sondern die daraus gewonnenen Erkenntnisse zur bislang relativ unbekannten Siedlungs- und Verkehrswegestruktur beispielsweise im Germanien der frühen römischen Kaiserzeit.

Ein spannendes Buch für Forscherseelen

Das Buch ist ohne Zweifel ein sehr spezielles Werk. Ganz sicher weniger ein populärwissenschaftliches Lesebuch, sondern eher ein Buch zum Studieren, Lernen, Ergründen. Tatsächlich muss man auch gelegentlich einmal zum Fremdwörterlexikon greifen, für eine wissenschaftliche Arbeit ist es dennoch erstaunlich gut verständlich geschrieben.

Kleineberg, Marx, Knobloch, Lelgemann: Germania und die Insel Thule, Die Entschlüsselung von Ptolemaios` „Atlas der Oikumene“. Wissenschaftliche Buchgesellschaft 2010. Gebunden mit Schutzumschlag, 131 Seiten.

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Eingeordnet unter 2 Antike, 20. Jahrhundert, Rezension

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