Rezension: Lebensadern des Imperiums

Rund 85.000 Kilometer umfassten die Straßen des römischen Weltreiches, die aneinandergereiht damit gut zweimal den Erdball umrunden könnten. Sie waren ‚Lebensadern des Imperiums‘, wie Margot Klee in ihrem gleichnamigen Buch detailliert entwickelt.

9783806223071-bBereits der kurze und knackige Prolog mit dem Titel „Nichts ist abgenutzter als das Pflaster der Flaminia“ (Martial 9,57) verrät dem Leser, dass er hier mehr erwarten darf, als eine Leistungsschau römischer Straßenbaukunst. So beginnt Margot Klees Geschichte der römischen Straßen erfreulich überraschend mit den Straßen in der römischen Gesetzgebung und den Rechtsgrundlagen des Straßenbaus. Wer durfte überhaupt Straßen bauen, wer musste bauen, wer hatte sie zu unterhalten und wer musste bezahlen. Ehe man sich versieht, führt einen die Betrachtung der Straßen tief hinein in die römische Verwaltung, ihre Veränderungen im Laufe der Jahrhunderte. Innerstädtische Straßen, Sträßchen und Sackgassen, Fernstraßen, Militärstraßen, Verwaltungsstraßen, öffentliche Straßen unterschiedlichster Kategorien, Funktionen und Bauweisen spannten sich über das Imperium wie ein sich ständig erweiterndes Spinnennetz.

Straßenbau, ein Glanzlicht römischer Ingenieurskunst

Selbstverständlich haben die Römer den Straßenbau nicht erfunden. Und so entwickelte sich unter den Römern kein grundsätzlich neues Wegenetz, wohl aber eine auch auf Altwege gestützte Infrastruktur, die deutlich mehr nach sich zog, als nur die Möglichkeit von einem Ort zum anderen zu reisen. Zunächst aber widmet sich Margot Klee dem Straßenbau selbst. Der Leser erfährt, dass die Römische auch technisch keine Einheitsstraße war und dass ihre Qualität von auf vielschichtigem Untergrund sorgfältig gepflasterten High-tec-Straßen bis hin zur festgestampften Sandpisten reichte. Pragmatisch waren die Römer bekanntlich und so passte sich nicht nur die Bautechnik, sondern auch der Straßenverlauf den jeweiligen Notwendigkeiten an. Nicht nur die Vermessungstechnik befand sich, wie die Autorin beispielhaft veranschaulicht, auf hohem Niveau. Auch der römische Wegebau in schwierigem Gelände mit seinen Tunneln, Brücken oder Bergdurchstichen zeigt nicht nur die beeindruckende antike Ingenieurskunst, sondern auch deren Entwicklung über die Jahrhunderte.

Römische Meilensteine

„Nach Rom: 53 Meilen“ heißt das Kapitel, dass sich mit den Meilen- und Leugensteinen an römischen Straßen auseinandersetzt. Auf den ersten Blick vielleicht nicht sonderlich aufregend. Aber Meilensteine waren eben nicht nur Entfernungsanzeiger, sondern auch Propagandaträger. Meilensteine konnten Entfernungen anzeigen, oft in zweierlei Maß, Meilen und Leugen. Sie konnten den Namen des Herrschers und Statthalters als Bauherren der jeweiligen Straße nennen, sie verraten etwas über die Machtansprüche von Herrschern und nicht zuletzt können sie auch ohne Inschrift oder gar nicht auftreten. Anschaulich und an vielen Beispielen beschreibt Klee die vielseitige Funktion und Ausstattung von Meilensteinen und bereitet hierdurch auf die Kapitel vor, die sich mit der Funktion, Nutzung und dem Umfeld der römischen Straßen befassen und damit dem Untertitel des Prologs „Straßen schreiben Geschichte“ mehr und mehr Leben einhauchen.

Römischer Straßenverkehr

So lernt der Leser „Straßen der Macht und Straßen der Pracht“ kennen, jene mit Säulen umrandeten, von Ehrenbögen überspannten oder durch prächtige Gräberstädte führende gepflasterte Wege, meist in oder im Vorfeld von Städten. Und schließlich findet er sich mitten im inner- und außerstädtischen Straßenverkehr wieder. Verkehrsregeln, Transportmittel, Güter-Nah- und Fernverkehr, Verkehrsberuhigung, Sicherheit, Reisen, Unterkünfte, Kneipen und Spelunken, Zölle, Reisegenehmigungen und vieles mehr machen die römischen Straßen zu dem, was sie neben den beachtlichen Ingenieursleistungen vor allem sind: Stätten öffentlichen Lebens, Träger der Zivilisation, Grundlage militärischer und administrativer Kontrolle, Kommunikations- und natürlich Warentransportwege  und damit in ihrer Gesamtheit eben Lebensadern des Imperiums.

Steckbriefe römischer Straßen

Über die Straßen konnten sich die Römer auch ein räumliches Bild ihrer Welt verschaffen. Zwar gab es keine maßstabgerechten Straßenkarten in unserem heutigen Sinn, Diverse Wegeverzeichisse mit Entfernungsangaben, Abzweigungen und anderen wichtigen Informationen, Reisebeschreibungen, „Generalstabskarten“ für den militärischen Gebrauch oder natürlich Wegweiser versetzten die Zeitgenossen in die Lage, jeden noch so entfernten Zielort im Imperium zu erreichen. Zudem waren die Einheimischen verpflichtet, Fremden den richtigen Weg zu weisen. Diese Pflicht hatte eine solche Bedeutung, dass das, wie Margot Klee schreibt, „sogar bei flüchtigen Sklaven straffrei bleib.“

„Lebensadern des Imperiums“ ist auch aufgrund der anschaulichen Illustrationen ein gelungenes Buch, das auch Menschen, die sich bislang nicht sonderlich für „Straßen“ interessiert haben in seinen Bann ziehen dürfte. Besonders schön auch die Steckbriefe der via Appia von Rom nach Tarent, der via Claudia Augusta über die Alpen bis nach Germanien, der via nova Traiana von Syrien zum Roten Meer, der Straße zwischen Alle und Porrentruy in Germanien und des Stanegate entlang den britannischen Hadrianswall.  Diese Steckbriefe, die Auskunft über Entstehung, Entwicklung, Verlauf, Zweck und Bedeutung, Wichtige Fundstellen und mehr geben, sind nicht willkürlich ausgewählt, sondern bilden jeweils ein anschauliches Beispiel der zuvor behandelten Inhalte.

Straßen als Träger von Kulturgeschichte

Nicht unerwähnt soll das letzte Kapitel bleiben, das die Straßennetze in der römischen Welt noch einmal im Überblick darstellt. Italien und Sizilien, Spanien und Frankreich, Britannien und die nordwestlichen Provinzen bis hin zu Kleinasien, Ägypten und Nordafrika, alles Regionen in denen römische (Kultur-)Geschichte geschrieben wurde. Ohne die insgesamt rund 85.000 Kilometer Straßen- und Wegenetz nahezu undenkbar.

Margot Klee: Lebensadern des Imperiums, Straßen im römischen Weltreich. Theiss 2010. Gebunden mit Schutzumschlag, 160 Seiten. 978-3-8062-2307-1.

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