„Elefantenreich“ – Begleitband zur Ausstellung

Mit der Publikation „Elefantenreich“ öffnet das Landesmuseum für Vorgeschichte Sachsen-Anhalt dem Leser eine Zeitkapsel in die menschliche Vorgeschichte.

Elefanten1994 wurde im Braunkohlerevier Neumark-Nord das Skelett eines eurasischen Altelefanten entdeckt. Inzwischen haben die Wissenschaftler rund 70 Individuen der Rüsseltiere am bereits 1985 von den Baggern angeschnittenen fossilen See identifiziert. Wenn auch die Elefanten den Titel des Begleitbuches „Elefantenreich“ zur gleichnamigen Ausstellung bestimmen, so ist der rund 3,5 Kilogramm schwere Wälzer weit mehr als ein Buch über die Dickhäuter, die vor etwa 200.000 bis 130.000 Jahren die zwischeneiszeitlichen Wälder unserer Breiten durchstreiften.

Sprachlich und methodisch recht wissenschaftlich geprägt, führen die Autoren den Leser zunächst in die Geschichte der Fundstelle, ihre Geologie und Datierung ein. Was zunächst recht überschaubar klingt, erweist sich als ungemein vielschichtige wissenschaftsgeschichtliche Diskussion unter anderem zur Entstehung von Braunkohlelagerstätten im Allgemeinen und dem Geiseltal und der darin liegenden Fundstätte im Besonderen.

Archäometrie, Datierungen und Umweltanalysen

Spätestens bei der sehr spannenden aber auch trotz der erläuternden Grafiken und Abbildungen sehr anspruchvollen Lektüre des ersten Teils des Buches, wird deutlich, hier schreiben Wissenschaftler für wissenschaftlich und thematisch vorgebildete Laien, denen auch englische Fachaufsätze keine besonderen Schwierigkeiten bereiten. Diese Zielgruppe darf allerdings in dem Buch geradezu schwelgen. Da wird die Datierung von Zahnschmelzproben mit Elektronen-Spin-Resonanz diskutiert, die Ergebnisse der Aminosäuren-Analyse bei Süßwasserschnecken vorgestellt, die aufgrund der beobachteten Proteindegradierung für eine Datierung am Ende des mittleren Pleistozäns sprechen oder biostratigraphische Datierungen anhand der Zwergwaldmaus oder der Großsäugetiere ausgewertet.

Evolution und Ökologie der Rüsseltiere

Teil 2 untersucht die klimatischen und vegetarischen Umweltbedingungen. Auf weiteren knapp 200 Seiten befassen sich die Autoren in Teil 3 akribisch mit allen Aspekten der Waldelefanten im Seebecken von Neumark-Nord. Dabei geht es von der Fundgeschichte der bedeutungsschweren Fossilien, über Fragen der Rekonstruktion und Bestimmung der Arten bis zur Frage, wie diese recht große Ansammlung der Rüsseltiere an einer Stelle, wohl zustande gekommen sein mag. In diesem Zusammenhang werden auch Lebensweise und Ökologie moderner Elefanten, ihre Überlebensstrategien und die generelle Evolution von Elefanten und ihren Verwandten im Rahmen von Klimaveränderungen und geographischen Rahmenbedingungen eingehend untersucht.

Fossilien als Fenster in die Vergangenheit

Neumark-Nord ist im wahrsten Sinne des Wortes eine „Fundgrube“. Immerhin wurde hier nicht nur eine umfassende urzeitliche Pflanzenwelt konserviert und den Wissenschaftlern zugänglich gemacht. Die Fundstelle gibt in Form oft hervorragend erhaltener Fossilien ebenfalls ein detailliertes Bild der Fauna des Interglazialbeckens. Da tummelten sich Nashörner, Wildrinder, Riesenhirsche, Großkatzen, deren Zuordnung zu Löwen oder Tigern noch unsicher ist, Fleckenhyänen, Bären, Füchse, Kleinsäuger, Vögel, Fische, Amphibien und Insekten. Immer mehr wachsen die Untersuchungsergebnisse der einzelnen Buchteile und Kapitel zusammen und ergeben schließlich trotz aller wissenschaftlichen Trockenheit einen umfangreichen und beinahe lebendigen Blick in die „verlorene Welt“, in die mit Teil 5 nun auch noch der Mensch eintritt.

Jäger oder Aasfresser, primitiv oder intelligent. Die Frage nach dem kulturellen und mentalen Stand des Neandertalers, dem Bewohner der interglazialen Neumark-Nord-Welt, wird auch hier noch einmal anhand der akribisch analysierten Funde gestellt und anschaulich beantwortet. Und mit den Überlegungen zum Aussterben der Großtierfauna und der Rolle des Menschen in diesem Zusammenhang schließt sich mit Teil 6 nach inzwischen 630 Seiten der Kreis, der mit der erdgeschichtlichen Entstehung des Fundortes begonnen wurde.

Rüsseltiere in Afrika und Eurasien

Der mächtige Band ist umfangreich und aufwändig illustriert. Abgesehen von den Grafiken, Schaubildern und großformatigen Fotos oder den farbigen Rekonstruktionen der Elefanten und anderer Großsäuger und ihrer Umwelt von Karol Schauer, besticht das Buch durch aufklappbare Tafeln mit Skelettrekonstruktionen anhand fossiler Fragmente. Und nicht zuletzt findet sich in der Tasche des Buchdeckels ein großformatiges Poster mit der farbigen Evolutionstafel der Proboscidea (Rüsseltiere) in Afrika und Eurasien. Ohne jeden Zweifel bekommt die oben angesprochene Zielgruppe mit dem vorliegenden Buch eine Menge geboten. Angesichts des spannenden Themas und des eindrucksvollen Einblicks in die vergangene Welt, wäre allerdings für eine breiter angelegte Zielgruppe auch eine sprachlich und strukturell populärer angelegte Publikation wünschenswert.

Die Sonderausstellung „Elefantenreich“ läuft noch bis zum 30.01.2011 im Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle (Saale)
Harald Meller (Hrsg): Elefantenreich, eine Fossilwelt in Europa. Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt Verlag 2010. Gebunden, 652 Seiten.

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Eingeordnet unter Archäologie, Ausstellungen, Rezension

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