Der germanische Held in der deutschen Literatur

Die literarische Rezeption der Arminius- beziehungsweise Siegfriedfigur von den Anfängen bis ins 19. Jahrhundert ist Gegenstand Buches „Arminius versus Siegfried“ von Daniela M. Sechtig.

sechtigDie Figuren Arminius und Siegfried, beide sehr unterschiedlicher historischer und literarischer Herkunft, bilden die Grundlage der stereotypischen Vorstellung vom germanischen Helden. In ihrer Untersuchung „Die Entwicklung des germansischen Helden in der deutschen Literatur“ zeigt die Literaturwissenschaftlerin Daniela M. Sechtig, wie beide Figuren über die literarische Rezeption im Laufe der Jahrhunderte mit unterschiedlichen Interessen und Zielrichtungen politisch instrumentalisiert worden waren. Dabei bildet der Schwerpunkt von Sechtigs Betrachtungen auf den Werken Grabbes und Hebbels im 19. Jahrhundert.

Die Germania des Tacitus und das Nibelungenlied

Grundlage der Untersuchungen ist zum einen der Hermannmythos und seine Quellen, die Germania und die Annalen des Tacitus und zum anderen der Nibelungenstoff in den nordischen Heldenliedern. In zwei aufeinanderfolgenden Abschnitten werden die beiden literarischen Quellen und ihre Entwicklungen bis ins 19. Jahrhundert beschrieben. Dabei zeigt Sechtig, dass beispielsweise bereits das mittelhochdeutsche Nibelungenlied aus dem 13. Jahrhundert, einen Versuch darstellt, den germanischen Helden Siegfried, den ursprünglichen Nachfahren Odins, in einen höfischen Ritter umzuwandeln. Ziel des Epos war es offensichtlich, so die Autorin, die Gültigkeit der christlichen Morallehre und der Regeln der damaligen Ständegesellschaft zu beweisen.

Nationaler Mythos um Germanen und Arminius

Die im 15. Jahrhundert wiederentdeckten Schriften des Tacitus im 15. Jahrhundert wurden schnell zu einem Instrument der literarisch-politischen Auseinandersetzung zwischen römischer Kirche und deutschem Humanismus. Ein nationaler Mythos formierte sich rund um die Germanen und Arminius. Und auch die erste Deutsche Dramatisierung des Nibelungenstoffes durch den Nürnberger Meistersinger Hans Sachs fällt in diese Zeit, die auch geprägt war durch die humanistischen Bemühungen zur Erneuerung des antiken Dramas zu eigenen Tragödien und Komödien in deutscher Sprache.

Im Barock begann die Entwicklung der Idealisierung der deutschen Helden zur nationalen deutschen Identitätsstiftung, vor allem, um sich von der kulturellen Vorherrschaft der Franzosen zu lösen.

Patriotismus ohne Chauvinismus

Mit der Vorstellung der zahlreichen Werke und Literaturgattungen, die sich bis in das 19. Jahrhundert mit den Stoffkreisen um Arminius und Siegfried befassen, vermittelt Sechtig wie sehr sich die Rezeptionen inzwischen von den ursprünglichen Quellen entfernt hatten.

Christian Dietrich Grabbe und Friedrich Hebbel, deren Stücke „Die Hermannschlacht“ und „Die Nibelungen“ Sechtig in „Arminuis versus Siegfried“ ausführlich und detailliert auf die Konzeption des Helden untersucht, hatten sich sehr ernsthaft mit den historischen und literarischen Quellen auseinandergesetzt. Beide Autoren stehen mit unterschiedlichen Heldenkonzeptionen und unterschiedlichen philosophischen und literarischen Ansätzen für einen Patriotismus, der, wie Sechtig zusammenfasst, sich als Liebe zum eigenen Land verstehen lässt.

Dass dieser patriotische Ansatz keinen im 19. Jahrhundert weitverbreiteten nationalpatriotischen Chauvinismus beinhaltete, erschließt sich nicht nur aus den Werken selbst, sondern auch aus der intensiven Auseinandersetzung mit den Persönlichkeiten der beiden herausragenden Literaten. In den Abschnitten „Leben und Werk Grabbes“ beziehungsweise „Hebbels“ stellt Daniela M. Sechtig nicht nur die Kurzbiografien vor, sondern beschreibt zudem das jeweilige gesellschaftlich-politische Umfeld sowie das literarische Konzept der beiden Protagonisten.

Arminius versus Siegfried

Durch die klare Sprache ist das Buch „Arminius versus Siegfried“ gut lesbar. Dennoch handelt es sich um ein literarisch-wissenschaftliches Werk. Nicht nur Interesse an Geschichte, sondern auch an Literatur (-geschichte) sollte der geneigte Leser also durchaus mitbringen. Dann aber eröffnen sich durchaus eine ganze Reihe interessanter Perspektiven und Aspekte, die Lust auf inhaltliche Vertiefung machen. Ein Literaturverzeichnis, das immerhin 13 der insgesamt 167 Seiten füllt, ist dabei sehr hilfreich.

Daniela M. Sechtig: Arminius vs. Siegfried – Die Entwicklung des germanischen Helden in der deutschen Literatur. Diplomica Verlag 2008. Paperback, 176 Seiten. ISBN 978-3-8366-6874-3.

 

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Eingeordnet unter Geschichte im Querschnitt, Rezension

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