Merchant Kings – Rezension

„When Companies Ruled the World“ lautet der Untertitel des Buches, das die Neuordnung der Welt zwischen 1600 und 1900 anhand sechs herausragender Persönlichkeiten, der „Merchant Kings“ beschreibt.

Merchant KingsFernab von den Heimatländern, ausgestattet mit hoheitlichen Befugnissen errichteten vor allem die Handelskompanien der Holländer, Engländer, Russen oder Franzosen gewaltige Herrschaftsgebiete. Grundlage der Herrschaft war der monopolistische Handel. Die Handelsgesellschaften unterwarfen Gebiete, die sowohl in der Fläche, als auch hinsichtlich der Bevölkerungszahlen ein Vielfaches der Heimatländer ausmachten.

In seinem Buch „Merchant Kings“ beschriebt Stephen R. Bown nicht nur die historischen und politischen Hintergründe der Entstehung der großen Handelsgesellschaften, sondern auch die Einflüsse, die die mächtigen überseeischen Handelsreiche auf die europäische Politik und deren militärische Konflikte hatten.

Von Jan Pieterszoon Coen bis Cecil John Rhodes

Unter der Führung und geleitet von den Visionen der „Großen Männer“ an der Spitze der Handelsimperien, entwickelten die Gesellschaften schnell ein quasistaatliches Eigenleben, dass die moralischen und humanitären Grundlagen ihrer Heimatländer ignorierte. Und so zeichneten sich die Gesellschaften nicht nur durch wirtschaftliche Innovationen aus, die, wie beispielsweise die Aktien, bis heute unser ökonomisches und gesellschaftliches Leben prägen. Ethnische Säuberungen, Massaker und Kriegstreiberei, Intrigen und Korruption war die andere Seite der Medallie, die Bown ebenfalls schonungslos darstellt. Die präzisen und Lebens- und Charakterportraits der sechs Merchant Kings stellen die Persönlichkeiten, die auch unsere Welt so nachhaltig geprägt haben, immer auch in Zusammenhang mit den Herausforderungen ihrer Zeit. Jan Pieterszoon Coen (Dutch East India Company), Pieter Styvesant (Dutch West India Company), Sir Robert Clive (English East India Company) Alexandr Baranov (Russian American Company), Sir George Simpson (Hudsons Bay Company) und Cecil John Rhodes (British South Africa Company) waren in Bowns Ausführungen eben nicht in erster Linie die genialen Lichtgestalten, die Geschichte gemacht haben, sondern vor allem herausragende und skrupellose, teils besessene und vielschichtige Visionäre, die die Möglichkeiten ihrer Zeit erbarmungslos ausgeschöpft hatten.

Weltgeschichte aus überseeischer Sicht

Mit den sechs Persönlichkeiten und Gesellschaften hat Bown eine Auswahl getroffen, die drei Jahrhunderte Weltgeschichte in aller Breite vor dem Leserauge entstehen lassen. Es ist der Prozess, der von abenteuerlustigen Kaufleuten, die die gerade entdeckte Welt auf ihren ökonomischen Nutzen erforschten, über die mächtigen nationalen Handelskompanien zu nationalstaatlichen Kolonialreichen führte und letztendlich die Grundlage der heutigen Globalisierung gelegt hatte, der das Buch lesenswert und lehrreich macht. Zudem ist es Bown gelungen, ein wenig die eurozentristische Sichtweise aufzulösen und zu zeigen, welche Eigendynamik das Weltgeschehen in jener Zeit entwickelt hatte, wie verhältnismäßig unbedeutend die innereuropäischen Konflikte aus der überseeischen Perspektive erschienen.

Trotzdem ist es Bowns ausdrückliche Absicht, die sechs Persönlichkeiten in den Vordergrund zu stellen und nicht eine umfassende Darstellung der Geschichte der großen Handelskompanien, die sie vertreten, abzuliefern. Hierzu gibt es ausreichend Literatur, auf die der Autor im Anhang verweist. Dennoch bietet das Buch nicht nur hinsichtlich der vorgestellten Persönlichkeiten tiefe und hervorragend recherchierte Informationen. Sehr schön auch die Zeittafel, die mit der Geburt Jan Pieterzoon Coens 1587 beginnt und 1923 mit der Übernahme Südrhodesiens als britische Kolonie aus der Hand der South Africa Company endet und damit die historische Klammer zu den Geschichten der vorgestellten Persönlichkeiten bildet.

Stephen R. Bown: Merchant Kings, When Companies Ruled the World 1600 – 1900. Convay 2010. Gebunden, 314 Seiten. ISBN 9781844861149.

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Eingeordnet unter 4 Frühe Neuzeit, Kolonialisierung, Schifffahrtsgeschichte

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